Verein Sprachlos braucht Finanzkraft

Mit Hund und Hilfe gegen Missbrauch

Der Verein Sprachlos aus Leeste bietet eine Fachberatung bei sexualisierter Gewalt an und möchte diese gerne ausweiten. Dafür allerdings fehlen derzeit die finanziellen Mittel.
20.07.2020, 18:32
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg
Mit Hund und Hilfe gegen Missbrauch

Mit Hütehund Pekka und der Starke-Kinder-Kiste wollen Ingelore Groß (v. l.), Inka Stenzel-Fürle, Stefan Freck und Heinz Schulenberg Sprachrohr sein.

Michael Braunschädel

Weyhe-Leeste. Vier Menschen, ein Hund, viel Arbeit ohne Entgelt: Niedersachsenweit ist der Verein Sprachlos mit Sitz in Leeste eine der letzten Stellen, die ehrenamtliche Fachberatung machen, sagt die 1. Vorsitzende Ingelore Groß. Dabei beklagt die Gruppe, die Anlaufstelle bei sexualisierter Gewalt ist und auch in Sachen Prävention berät, mangelnde finanzielle Unterstützung. Erst kürzlich gab es zum Beispiel eine Absage vom Landkreis Diepholz.

15 000 Euro Soforthilfe hatte der Verein beantragt, bedingt durch die Corona-Pandemie. Alsbald kamen aus China erste Meldungen, dass wegen des Shutdowns dort die Fälle häuslicher und auch sexueller Gewalt zugenommen hätten, berichtet Stefan Freck, Fachmann für Prävention im Verein. Gleichzeitig brachen im weiteren Verlauf auch hierzulande bestehende Hilfesysteme weg, Anlaufstellen waren höchstens digital oder telefonisch zu erreichen. Für den Verein stellte sich die Frage, wie er den auch hier gestiegenen Bedarf wieder auffangen könnte, wenn Beratung wieder geöffnet wird. Die Befürchtung bestätigte sich: „Wir hatten mehr Fälle, als wir sonst im selben Zeitraum haben“, sagt Groß. Angedacht war, mit dem Geld eine Honorarkraft zu engagieren, die den gestiegenen Bedarf koordiniert, damit mehr Planung, Organisation und Beraterstunden möglich gemacht werden könnten. Dem Antrag allerdings wurde nicht zugestimmt. Geld floss nicht.

„Wir müssen jetzt gucken, wie wir uns aufstellen“, sagt Freck, der als selbstständiger Supervisor und Coach auch in der Gewaltprävention arbeitet – für Sprachlos allerdings ehrenamtlich. Wie auch die anderen drei verwendet er ein bis zwei Tage pro Woche ohne Bezahlung auf die Arbeit dort. Er, Groß, die 2. Vorsitzende Inka Stenzel-Fürle und die IT-Kraft Heinz Schulenberg bekommen für ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung wie andere Ehrenamtliche in Vereinen auch. Dazu gibt es, so Freck, 460 Euro pro Jahr von der Gemeinde und Mietfreiheit für zwei Räume in der Alten Wache und vom Land Fördermittel in Höhe von 17 200 Euro. Für weitere Anträge auf Fördermittel braucht es etwa ein halbes Jahr Vorlaufzeit, erklärt Freck. Diese Zeit wollte der Verein mit dem Zuschuss vom Landkreis überbrücken. Für ihn steht fest: „Sie werden keinen Therapeuten finden, der das zwei Tage pro Woche ehrenamtlich macht. Das funktioniert in der heutigen Zeit nicht mehr.“ Der Verein brauche einen Generationenübergang und damit „unbedingt junge Leute“, sagt Groß, die gemeinsam mit Stenzel-Fürle zur Gründungsriege vor 30 Jahren gehörte und seitdem dabei ist.

Im Verein geht es gleichermaßen auch um Prävention. Experte Freck will die Vorsorge vorantreiben, insbesondere die institutionelle, damit die Fallzahlen runtergehen. Damit adressiert er unter anderem Kindertagesstätten und Schulen. „Die können sich Beratung holen. Leider ist es so, dass es ganz wenig in Anspruch genommen wird.“ Das Personal selbst habe Probleme mit dem Thema, sagt er. Er möchte nicht unterstellen, dass der Wille nicht da ist, aber die Hilflosigkeit sei groß. In den Einrichtungen brauche es jedoch Instanzen, die auf Anzeichen hören können. Bauchschmerzen bei Kindern beispielsweise, sagt Groß, aber auch, wenn sie nicht mehr auf andere Menschen zugehen mögen: Dinge, die Anzeichen für Missbrauchserfahrungen sein können. In Schulen und Kindertagesstätten fehle es an Wissen, Kompetenz und Handlungsfähigkeit. „Das gibt es hier alles abzurufen“, sagt Groß.

Im Oktober bietet der Verein eine dreitägige Fortbildung zur Fachkraft für Gewaltprävention an. Dazu Schulungen im Umgang mit der sogenannten Starke-Kinder-Kiste der Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel, nach deren Angaben sich das Programm gezielt an Kitas richte, „damit Fachkräfte und Eltern frühzeitig mit Prävention und Ich-Stärkung aller Kinder beginnen können“. Sie sollen „mit den eigenen Grenzen und Gefühlen vertraut und sprechfähig gemacht und gestärkt“ werden – ohnehin das Thema beim Verein Sprachlos. Sprachlosigkeit zeige sich, wenn Fälle bekannt werden, so Stenzel-Fürle. Das „Los“ im Vereinsnamen ist, so Freck, auch als Appell zu verstehen und dazu kommt: „Kinder haben oft keine Sprache für das, was passiert.“ Dann kommt Hütehund Pekka zum Einsatz, der seit fast 13 Jahren in der Arbeit des Vereins zum Einsatz kommt. Der Hund erleichtere es den Kindern, „Kontakt zu Personen aufzunehmen, weil sie von Tätern und Täterinnen unter Druck gesetzt werden“, sagt die Heilpraktikerin und Gestalttherapeutin Groß über ihr Tier.

„Die Politik nimmt nicht das wahr, was hier geleistet wird“, sagt sie über den Verein, der vom Bund als Fachberatungsstelle gelistet sei und Klienten aus dem gesamten Landkreis Diepholz, dem Oldenburger Land und auch Wilhelmshaven habe. Zwar gebe es die Beratungsstelle Papillon vom Landkreis in Twistringen, Freck allerdings spricht sich für eine dezentrale und unabhängige, nicht an eine Behörde angedockte Einrichtung wie etwa das Jugendamt aus. Aber: „Wir wollen ein guter Kooperationspartner sein.“

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