Judo Karl-Heinz Meyer ist ein Tausendsassa des Judosports

Karl-Heinz Meyer hat geholfen, aufgebaut, ausgebildet und angepackt - und das immer im Zeichen des Judosports. Der 66-Jährige ist noch heute unglaublich engagiert.
01.02.2021, 15:24
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup

Corona und Kontaktsport – das passt nicht zusammen. „Für den Judosport ist 2020 ein schwieriges Jahr gewesen“, sagt Karl-Heinz Meyer deshalb. Besserung ist momentan nicht in Sicht. Die Arbeit wird für den 66-Jährigen aus Jeebel allerdings kaum weniger werden. Denn er ist im Judo vielfältig engagiert, auch abseits der Turnhalle und der Matte, auf der der Kampfsport ausgeübt wird. Meyer ist seit mehr als 47 Jahren ununterbrochen ehrenamtlich aktiv – in verschiedenen Funktionen in diversen Vereinen, aber auch für den Bremer Judo-Verband.

Mit dem Judo kam Meyer, ein Tausendsassa des Judosports, vor mehr als einem halben Jahrhundert zum ersten Mal in Berührung. Beim Boxring 46 Kirchweyhe lernte er den Sport 1967 kennen und schätzen. „Ich war vielleicht nicht das Supertalent, aber der Funke ist schnell übergesprungen“, gefiel ihm die Kampfkunst auf Anhieb. Er hatte eine Sportart fürs Leben gefunden. Im wahrsten Sinne des Wortes: „Judo bietet für jedes Alter Möglichkeiten, aktiv zu sein. Senioren-Wettbewerbe sind in den letzten Jahren zum Beispiel sehr populär geworden“, haben Judoka kein Verfallsdatum. Nicht selten seien auf Deutschen Meisterschaften auch Athleten jenseits der 70 Jahre anzutreffen. „Das ist alles andere als Opa-Sport. Darauf muss man sich mit großem Aufwand vorbereiten“, weiß Meyer. Auch er selbst steht noch als Übungsleiter auf der Matte – und das, obwohl er vor einigen Jahren nach schwerer Krankheit eine Spenderlunge bekam. „Ich habe mich zurückgekämpft. Es war ein mühsamer Weg. Aber wenn man so lange Judo macht, dann hört man nicht einfach auf“, ist er seinem Sport treu geblieben.

Ohne Matte, ohne Halle

Dabei waren die Anfänge hemdsärmelig. „Der Sport war damals etwas Neues, ganz Tolles. Aber er steckte noch in den Kinderschuhen. Wir hatten zum Beispiel keine Judomatten oder Judoanzüge, nicht einmal eine Turnhalle. Das musste sich alles erst entwickeln“, blickt Meyer zurück. Diese Entwicklung verlief allerdings durchaus rasant. In Weyhe gründete sich bereits 1974 der Judoclub, noch heute ein eigenständiger Verein. Meyer zog es derweil zu Beginn der Siebzigerjahre zum TSV Bassum. Als Übungsleiter kümmerte er sich ab 1973 immer freitags um den Judo-Nachwuchs. Zudem war er Wettkämpfer und Manager der Ligamannschaft der Lindenstädter. So begann seine Laufbahn als Ehrenamtlicher, die bis heute andauert. Sein Engagement führte ihn auch zum Bremer Judo-Club und zum TV Bruchhausen-Vilsen. Für mehrere Vereine war Meyer aktiv. 1987 stieg er darüber hinaus als stellvertretender Vorsitzender in den geschäftsführenden Vorstand des Bremer Judoverbandes ein.

Als wäre all das noch nicht genug, war der Jeebeler zusätzlich noch als Kampfrichter aktiv und focht selbst das eine oder andere Duell auf der Matte aus. Bis in die Bezirksoberliga Hannover schaffte er es im Ligabetrieb. 1981 wurde er Bremer Vizemeister in der Klasse bis 80 Kilogramm. Von großen Erfolgen will Meyer nicht sprechen. „Da gab es sicherlich andere, die besser waren als ich.“ Das mag sein. Allerdings haben sich nur wenige in denselbem Maße engagiert wie er. „Vielleicht hat man es das eine oder andere Mal übertrieben“, überlegt er. Konfliktpotenzial gibt es durchaus, wenn man wie er Familie, Beruf und Sport unter einen Hut bringen muss. „Aber wir haben das alles ganz gut hinbekommen“, sagt der Jeebeler.

Mittlerweile ist er Träger des 6. Dan, des rot-weißen Gürtels. Verliehen wurde er ihm im Jahr 2019 unter anderem dafür, dass er seit mehr als 30 Jahren für den BJV-Vorstand tätig ist. Nachdem Meyer stellvertretender Vorsitzender gewesen war, stieg er 2001 zum Chef des Verbandes auf. Seit 2013 ist er nun Kassenwart – und Ansprechpartner für alle Verwaltungsfragen, auch wenn es dafür kein offizielles Amt gibt. Meyer hat allerdings einen reichen Erfahrungs- und Wissensschatz. Täglich ein bis zwei Stunden investiert er für den Judosport. Dabei hat er gemerkt, dass es zwischen der Arbeit für einen Verband und der für einen Verein einen großen Unterschied gibt. „Im Verein gibt es immer auch die soziale Bindung. Du kennst die Leute. Im Verband gibt es viel zu tun, aber der Dank bleibt meistens aus.“

Barriens Hilferuf

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist Meyer für den TSV Barrien aktiv. Der Verein suchte seine Hilfe, um die Judosparte aufrechtzuerhalten. „Faktisch war sie bereits zusammengebrochen. Wir haben versucht, sie wieder aufzubauen. Das war mühsam, aber es gibt die Sparte heute noch“, zahlte sich der Einsatz aus. Für Barrien sprach unter anderem die Nähe zu Jeebel. „Der TSV ist fast schon mein Heimatverein“, verdeutlicht Meyer, der seine Posten in Bassum aufgab, als er 2004 in Barrien zum Spartenleiter aufstieg.

Das Interesse am Judo ist in Barrien durchaus vorhanden, die kleine Halle vor Ort liefert darüber hinaus die räumlichen Kapazitäten. Expansionsgedanken hegt Meyer jedoch nicht. Es fehlt an Trainern. „Das ist ein Problem, das es im Judo häufig gibt. In diesem Bereich wächst wenig nach“, weiß Meyer, dass es sich dabei um ein Kernproblem des Sports handelt. Besonders beim Schritt aus der Pubertät heraus blieben wenige Judoka übrig. „Im Alter von 16, 17, 18 Jahren bröckelt es“, sagt Meyer. Diejenigen aber, die den Anzug nicht abstreifen, „bleiben dann ewig“, ergänzt er. Er selbst ist ein Beispiel dafür. Der Sport hat ihn nicht mehr losgelassen. Meyer macht sich viele Gedanken darüber, wie man den Jugendlichen, die in den Erwachsenenbereich wechseln, eine Perspektive bieten kann. Vor Ort ist eine Kampfgemeinschaft zwischen Barrien und dem TuS Sulingen eine Idee. „Es ist etwas anderes, ob man allein antritt oder in einer Mannschaft“, hofft Meyer, dass das Teamgefühl die Bindung an den Sport steigert. „Das wollen wir weiter versuchen“, kündigt er für die Zeit nach der Pandemie an. Neu ist die Idee nicht. Dem Bremer Judo-Team liegt der gleiche Gedanke zugrunde: eine Landesmannschaft als Sammelbecken für wettkampfinteressierte Judoka aus Bremen.

Die Gesamtsituation im Judo sei schwieriger geworden, findet Meyer. In Barrien zählt die Sparte 30 Mitglieder. „Früher hatten wir in Bassum durchaus mal Gruppen von 40 Kindern“, zieht der Spartenleiter einen Vergleich zu vergangenen Zeiten. Judo allgemein habe viele Mitglieder verloren, auch die Teilnehmerfelder auf Wettkämpfen seien geschrumpft. „Früher war die Konkurrenz viel größer. Heute liegen selbst für Norddeutsche Meisterschaften nicht mehr viele Meldungen vor.“

Wo Werte zählen

Zum einen führt Meyer den Rückgang darauf zurück, dass sich einige Sportarten vom Judo abgespalten haben, so etwa Jiu Jitsu. Vielleicht liege es aber auch daran, dass der Sport sehr übungsintensiv sei, vermutet er. Es bedürfe schon eines gewissen Aufwandes, um die technischen Elemente zu erlernen. „Aber Judo hat noch so viel mehr zu bieten“, verweist Meyer darauf, dass Werte wie Selbstbeherrschung, Ehrlichkeit, Respekt, Mut und Hilfsbereitschaft vermittelt werden. Judo stärke das Selbstbewusstsein. Viele Eltern lassen ihre Kinder den Sport ausprobieren, damit sie lernen, sich selbst zu verteidigen.

Für Meyer liegt der Reiz am Judo auch darin, dass der Sport sehr kontakt- und bewegungsintensiv ist. Als „situatives Handeln bei maximaler Behinderung“ beschreibt er die Kämpfe. Man könne nicht immer wahrnehmen, was der Kontrahent vorhabe, vielmehr müsse man es im Vorfeld spüren. „Diese Komplexität macht Spaß“, findet Meyer. Er selbst sei im Bodenkampf am besten gewesen. Judo erfülle das Bedürfnis zu raufen, Adrenalin auf- und Frust abzubauen. Diesen Facettenreichtum schätzt der Judoka. Wer will, kann sich sogar regelrecht in dem Sport festbeißen: Das Einstudieren einer Choreografie für einen Kata-Wettbewerb kann Monate dauern. „Eigentlich ist also doch für jeden etwas dabei“, findet Meyer.

Das müssten die Judoka wieder offensiver kommunizieren, glaubt er. „Wir kommen gegen die mediale Präsenz von Fußball nicht an“, weiß er zwar, „aber wenn Corona Geschichte ist, müssen wir unseren Sport proaktiv darstellen. Ich glaube schon, dass es weiter ein großes Interesse an Judo gibt.“ Derzeit etwa ist Taiso im Kommen, eine Art Judogymnastik. Die lässt sich auch während der Pandemie betreiben – und könnte für die Mitgliedergewinnung eine wichtige Rolle spielen. „Vielen geht es nicht mehr um die Kämpfe an sich, sondern um den Fitnessaspekt“, hat Meyer veränderte Ansprüche vieler Judoka wahrgenommen. Der kämpferische Aspekt wird wieder stärker in den Fokus rücken, sobald die Pandemie vorbei ist. Wann das der Fall sein wird, kann selbst Meyer nicht beurteilen. Klar ist dagegen: Ihm wird die Arbeit bis dahin nicht ausgehen.

Info

Zur Sache

Ein Ehrenamtler durch und durch

Karl-Heinz Meyer steuert auf ein halbes Jahrhundert als Ehrenamtler zu. Seit 47 Jahren ist er ununterbrochen aktiv. Eine Übersicht:

Wirken in Vereinen

1973 bis etwa 2000: Übungsleiter TSV Bassum

1980 bis etwa 2004: Spartenleiter TSV Bassum

Circa 1984 bis 1994: Vorsitzender Bremer Judo-Club

Zwischen 1990 und 2002: Übungsleiter beim TV Bruchhausen-Vilsen und beim Bremer Judo-Club

Seit 2001: Übungsleiter TSV Barrien mit Unterbrechung wegen Krankheit

Seit 2004: Spartenleiter TSV Barrien

Seit circa 2008: Vorsitzender Bremer Judo-Team

Wirken im Bremer Judo-Verband

Circa 1980 bis circa 2005: Kampfrichter für den Bremer Judo-Verband

1987 bis 2001: Stellvertretender Vorsitzender

2001 bis 2013: Vorsitzender

Seit 2013: Kassenwart

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