Kirchweyherin spendet Stammzellen Das Glück vom Geben

Rund drei Jahre ist es her, als Andrea Pick sich als mögliche Stammzellspenderin hat registrieren lassen. Die Kirchweyherin ließ sich bei einer Aktion des Kirchweyher SoVD typisieren und hat nun gespendet.
19.10.2020, 12:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg

Weyhe-Kirchweyhe. Ihr gesamter Gesichtsausdruck leuchtet, wenn sie davon erzählt, wie ihr Weg sie ins Krankenhaus brachte. Als Andrea Pick aus dem Urlaub kommt, liegt Post bereit, Nachrichten sind auf dem Anrufbeantworter. Da ist ihr klar: Sie ist auserwählt: als mögliche Lebensretterin. Pick ist der genetische Zwilling eines Menschen, der schwer an Leukämie erkrankt ist. Ausfindig gemacht hat sie die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bei einer Typisierungsaktion des Kirchweyher SoVD.

Die Geschichte beginnt bereits 2017. Der örtliche Sozialverband lädt die Öffentlichkeit seinerzeit im August gemeinsam mit der DKMS ein, sich registrieren zu lassen. Für Rita Wegg, Vorsitzende des SoVD-Ortsvereins, ist es damals die siebte Aktion dieser Art, für Pick die erste. Darauf gekommen war sie, weil eine Freundin ihr von ihrer Stammzellspende berichtet. Noch dazu liest sie von der Aktion in der Presse. „Dann bin ich einfach hingegangen“, sagt Pick. „Das sollte so sein“, sagt Wegg, die die Typisierungen ab 2010 zur zweiten Weyher Gesundheits- und Sozialmesse im Verein etabliert. Im bundesweiten 100. Jubiläumsjahr des SoVD vor drei Jahren hat die Vorsitzende die Anregung auch an alle Kreis- und Ortsverbände weitergegeben, was sie zu einer von vier Gewinnern beim Ideenwettbewerb auf SoVD-Bundesebene gemacht hat.

Gewinnerinnen beim Thema Stammzellspende sind aber eben auch Pick und die Empfängerin ihres körperlichen Materials. Als sie sich nach der Benachrichtigung bei der DKMS zurückmeldet, geht alles recht fix. Die ersten Gesundheitsdaten werden abgecheckt, sie bekommt ein Testset zugeschickt, mit dem sie zum Hausarzt gehen soll, drei Tage später meldet sich die Spenderdatei, weitere drei Tage später geht es zum Ultraschall, ein EKG wird gemacht, ein Blutbild erstellt. Es folgen ausführliche Gespräche mit dem Arzt, auch über die letzten Urlaubsreisen. „Für den Empfänger muss man alles ausschließen“, sagt Pick mit Blick auf mögliche Krankheiten.

Auf die achtet auch sie selbst in der Zeit vor der eigentlichen Stammzellentnahme. „Ich wollte nicht krank werden“, sagt sie und gibt sogar beim Radfahren Acht, dass sie keinen Unfall hat, damit die Spende nicht gefährdet wird. Ihr Fokus war seit der Benachrichtigung klar. „Es war für mich nie eine Frage, das nicht zu machen“, denn „es hängt ein Menschenleben daran.“

Im September schließlich fährt die Kirchweyherin nach Dresden in eines von mehreren Entnahmezentren der DKMS zur eigentlichen Entnahme. Vier Tage vorher muss sie anfangen, sich Wachstumshormone zu spritzen, damit ihr Knochenmark ordentlich Stammzellen produziert.

So läuft es in mehr als 80 Prozent der Fälle, sagt Julia Ducardus, Public Relations Manager bei der DKMS. Der Arzt des Patienten, der die Spende bekommen soll, entscheidet über die Entnahmemethode. Für etwa 20 Prozent der Spender kommt die Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkamm unter Vollnarkose in Frage. Die auf diese Weise gewonnenen Stammzellen werden oft bei Kindern angewandt, sagt Ducardus. „Das wächst schonender an.“ Nach der Spende haben Empfänger und Spender dieselbe Blutgruppe. Die Überlebenschance liegt bei etwa 50 Prozent, bei Kindern etwa bei 80 Prozent.

Für Pick geht es dann an die Nadel. Den Raum teilt sie sich mit zwei weiteren Stammzellspendern. Neun Liter Blut verlassen ihren Körper über den linken Arm. „Draußen“ wird benötigtes Material herausgenommen und das Blut wandert über die rechte Hand wieder zurück in ihren Körper. Nach etwas mehr als zwei Stunden ist alles vorbei. Pick fühlt sich danach noch etwa anderthalb Wochen lang etwas schlapp, aber: „vom Kopf her war ich superglücklich nach der Spende“, sagt die 47-Jährige und kann ihr freudiges Strahlen dabei nicht verbergen, auch weil sie sich von Anfang bis Ende gut betreut gefühlt hat, alle – die Ärzte und auch die DKMS – immer für alle Fragen offen waren. Außerdem war es „von der DKMS genialstens organisiert“, sagt sie. Das Hotel, die Fahrten nach Dresden, Kosten fürs Mittagessen – um alles wurde sich gekümmert.

„Mein Mann war so lieb und hat mich begleitet“ – allerdings nur bis zur Türschwelle des Krankenhauses. Das durfte er wegen der Corona-Regeln nicht betreten. Und Corona ist auch bei der DKMS spürbar. Die Typisierungsaktionen brachten etwa 20 000 Neuregistrierte, so Julia Ducardus. Seit März gibt es keine mehr. „Wir haben das ganze in die virtuelle Welt gelegt“, sagt sie. Gruppen etwa können eine eigene Internetseite bekommen und den Link über soziale Medien verteilen. „Das wird zum Glück immer weiter angenommen.“

Immer weiter – das ist auch die Überschrift, unter der Wegg und Pick weitermachen wollen. „Es ist toll, dass man das gemacht hat“, sagt Wegg. Und nun wisse man auch, wofür, nachdem die DKMS den SoVD über eine passende Spenderin aus ihrer Aktion informiert hatte. „Das ist ja ein Affenaufstand“, sagt sie über die Veranstaltung, die sie zuletzt mit drei Zelten organisiert hatten: für die SoVD-Mitglieder, für Beratung in Sachen Rente oder auch Patientenverfügung und ein drittes für die Typisierung. „Wir hoffen, dass wir das im nächsten Jahr wieder hinkriegen“, sagt Wegg. Und Pick will dann dabei sein: als Ansprechpartnerin für mögliche weitere genetische Volltreffer.

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