Brinkumer schlägt Autoscheibe ein Klage gegen Hunderetter

Erst Rettung, dann Zahlungsforderung: Rüdiger Weber aus Brinkum soll die Kosten tragen für eine Autoscheibe, die er im Sommer eingeschlagen hatte, um zwei Hunde vor dem Hitzschlag zu bewahren.
11.01.2021, 17:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg

Weyhe-Erichshof. Fünf Monate liegt der Tag schon zurück, an dem Rüdiger Weber beherzt eingriff, um zwei Hunde aus einer – seiner Einschätzung nach – bedrohlichen Lage zu retten. Die Tiere waren mitten im Sommer in einem Auto eingesperrt und die Besitzerin nicht in Sicht, wie der Brinkumer berichtet. Schließlich hatte er sich entschieden, eine Scheibe des Fahrzeugs einzuschlagen, um die Hunde vor einem Hitzschlag zu retten. Nun soll er Schadenersatz für die kaputte Scheibe leisten. Eine Klage hat ihn bereits erreicht.

„Es war ein wolkenloser Tag“, sagt Weber. Die Temperatur für diesen Mittwoch, es ist der 5. August, bezeichnet er als „deutlich wärmer als 25 Grad“. Weber ist da in Erichshof in der Theodor-Storm-Straße unterwegs – eine Gegend, in der er sich gut auskennt. Er arbeitet dort als Postbote und nimmt ein Auto wahr, das nicht im Schatten steht und das zehn Minuten lang nicht bewegt wurde. Darin: Zwei Hunde, die bellen. Weber klingelt bei einem der Häuser. Ohne Erfolg. Dann ruft er die Polizei. Wenn Gefahr bestehe, könne er die Scheibe einschlagen, sagt man ihm dort. Zuerst noch macht er sich gemeinsam mit einem Anwohner auf die Suche nach dem Halter des Fahrzeugs. Da sind bereits zehn weitere Minuten vergangen. Weber sucht weiter. „Als Postbote weiß ich, wo ein Hund hinter der Tür lauert“, sagt er. Seine Suche bleibt ohne Erfolg. Schließlich steht der Entschluss fest, als er von einem Müllwagenfahrer vor Ort ein Nothämmerchen bekommt, mit dem er eine Scheibe am Auto einschlägt und sich dabei selbst leicht an der Hand verletzt. Da taucht die Autofahrerin auf und zeigt sich, so Webers weitere Angaben, erbost. Sie sei nur eine halbe Stunde weg gewesen, soll sie gesagt haben – vor Zeugen.

Ein paar Wochen später dann erreicht den 50-Jährigen ein Schreiben: Post vom Anwalt der Halterin. Er weist die Forderung zurück. Es gehe um rund 330 Euro für die kaputte Scheibe plus rund 100 Euro für die Anwaltskosten, Gerichtskosten kämen auch noch dazu. So verfährt er auch mit einer zweiten Forderung zur Zahlung. An Heiligabend liegt schließlich die Klage in seinem Briefkasten. Einer der Vorwürfe darin: Weber hätte blindwütig zugeschlagen, berichtet er. Noch dazu habe es sich um lediglich fünf Häuser gehandelt, die er hätte abklingeln müssen. Weber aber streitet ab und sagt: „Es kommen circa 50 Häuser in Frage“ und meint damit auch Häuser, die nur fußläufig erreichbar seien, in der Gorch-Fock-Straße etwa. Auf die Klage jedenfalls habe er reagiert und in der vergangenen Woche noch keine Antwort bekommen.

Im Gegenzug hatte Weber selbst versucht, die Hundehalterin wegen Tierquälerei anzuzeigen, doch die Beamten hätten ihm entgegnet: „Das nehmen wir nicht auf. Da müsste das Tier schon halb tot oder ganz tot sein“. „Hart formuliert“, kommentiert Polizeisprecher Thomas Gissing auf Anfrage dazu. „Aber es trifft den Kern“, wenn die Tiere erkennbar keinen Schaden genommen hätten.

Erfolgreicher läuft es für Weber dagegen online, denn er wurde angesichts der drohenden Zahlung auf die Idee gebracht, eine Crowdfunding-Aktion via Internet zu starten, heißt: eine Geldsammlung, die Unternehmer üblicherweise zur Finanzierung einer Gründung oder Menschen für unterschiedliche Projekte oder Hilfsaktionen anschieben. Sollte Weber zahlen müssen, sind die Kosten bereits gedeckt. Einen Betrag von 1500 Euro hat er angesetzt. Bis Montag sind bereits 1056 Euro von 44 Spendern eingegangen. Klipp und klar erklärt Weber allerdings: „Ich möchte keinen Cent für mich“. Was übrig bleibt, will er dem Brinkumer Tierheim geben – im besten Fall alles. Wer es wünscht, könne sein Geld auch zurückbekommen. „Ich bin sehr positiv beeindruckt“, sagt er über die Spendenbereitschaft seit Beginn der Aktion und die weiteren guten Rückmeldungen. „Ich werde nicht selten darauf angesprochen“, sagt Weber.

Dass Fahrzeughalter in solchen Fällen im Nachhinein Regressansprüche stellen, sei eine „absolute Ausnahme“, sagt Polizeisprecher Thomas Gissing. Was im Fall einer Gefahr für Tiere im Auto bei Hitze zu tun ist, „muss jeder für sich entscheiden“, sagt er und appelliert an das Bauchgefühl. Denn bis alarmierte Kräfte vor Ort sind, „vergeht einiges an Zeit“.

Wie es letztlich auch für den Brinkumer, der selbst jahrelang einen Hund hatte und immer mit Hund aufgewachsen ist, ausgehen mag: „Ich würde es genauso wieder machen“, sagt er.

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