Sudweyher Bahnhof feierlich eröffnet

Kleinod der Baukultur in neuem Glanz

Marode Balken, bröckelnder Putz, rissige Fußböden: Vor gut zwei Jahren war der Sudweyher Bahnhof kaum mehr als eine Ruine. Doch diese Zeiten sind vorbei. Und davon wollten sich nun viele ein Bild machen.
12.05.2019, 16:51
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Von Dagmar Voss
Kleinod der Baukultur in neuem Glanz

Sudweyhe ist wieder einen Halt wert: Ab sofort wird das alte Gebäude an den Gleisen samt hergerichtetem Kulturcafé immer sonntags von 13 und 18 Uhr geöffnet sein.

Fotos: Braunschädel

Weyhe-Sudweyhe. Manchmal scheint die Zeit zu rasen. So jedenfalls geht es einem auch bei der Betrachtung des auferstandenen Sudweyher Bahnhofs, der am Sonnabend mit einer freudigen Feier eröffnet wurde. Vor nicht allzu langer Zeit sah es hier noch ganz anders aus mit maroden Balken, bröckelndem Putz und rissigen Fußböden. Doch nun ist fast alles fertig – nun gut, draußen muss noch einiges getan werden –, aber immerhin ist aus dem Baudenkmal ein lebendiger Ort der Begegnung geworden, ein Treffpunkt mit Café für künstlerische und kulturelle Aktivitäten.

Das begrüßte vor allem Bürgermeister Andreas Bovenschulte in seiner Ansprache: „Das ist ein stolzer Tag für alle Eisenbahnfreunde, für den Ortsteil Sudweyhe und die Gemeinde insgesamt, dass das Haus baulich erstrahlt und einer neuen Nutzung zugeführt wird – und das danken wir vor allem dem Erfolgsquartett Christine Burda, Sönke van Hoorn, Andreas Gründemann und Antje Kiel.“ Sprach's und präsentierte ihnen eine selbstgemachte Eisenbahntorte mit einer Modellbahn obendrauf.

Zuvor hatten diese Vier in Kurzform ihr ehrenamtliches Engagement bei der Restaurierung beschrieben. Erwähnt, dass ihre Stunden umgerechnet auf Handwerkerleistungen zwischen 70 000 und 80 000 Euro ausgemacht hätten. Dazu kamen Geldspenden in Höhe von gut 30 000 Euro. Jeden Sonnabend trafen sie sich auf der Baustelle von 9 bis 14 Uhr, machten um 11 Uhr, immer wenn der Zug kam, stets eine Pause. „Das sehen wir nun mit etwas Wehmut, dass das nun ein Ende hat“, meinte einer der Aktiven.

Noch vor zwei Jahren wirkte der einstige Bahnhof wie ein verfallendes, gut hundertjähriges Gebäude, dem nur noch eine starke Frischzellenkur helfen könnte. Die wollten die Mitglieder des Fördervereins Sudweyher Bahnhof demselben verpassen. Und so krempelten sie die Ärmel auf. Sie wollten das Gemäuer aus seinem Dornröschenschlaf erwecken. „keine Geisterhaltestelle mehr für die Passagiere der Museumsbahn Pingelheini“, nahm sich damals vor knapp drei Jahren der Vereinsvorstand vor.

Über die Historie wusste vor allem Wilfried Meyer jede Menge zu berichten. Das einstige Empfangsgebäude der Kleinbahn Bremen-Thedinghausen, mitten im alten Dorfkern Sudweyhes, wurde 1910 fertiggestellt. Meyer erinnerte auch an die Zeit vor dem Bau, als noch Bauern gegen die Schienenstrecke protestierten: „Die Schienen zerschnitten ihr Weide- und Ackerland, das dadurch schlechter zu bestellen war und weite Wege erforderlich machte.“ In Sudweyhe selbst führten die Gleise sehr dicht an den durchweg mit Stroh gedeckten Häusern vorbei, die deshalb „hart“ umgedeckt werden mussten, also mit Ziegeln. „Sudweyher Lehrer und Eltern befürchteten sogar eine Störung des Schulunterrichts wegen der Nähe vorbeifahrender Züge“, so Meyer, der einen wesentlichen Anteil hatte an der Neuentdeckung des Hauses. „Die damalige Dorfschule befand sich zu der Zeit noch an dem Platz der heutigen Schlosserei Greve.“ Die Bahnarbeiter streikten im März 1910, weil sie nun regelmäßig ordentlich bezahlt werden wollten – und erreichten einen Stundenlohn von 45 Pfennig.

Eigentlich gab es damals sogar Pläne, die Strecke über Thedinghausen, Martfeld und Hoya bis nach Hannover zu legen. Da kam dann allerdings der Erste Weltkrieg zwischen, daher ging es also nur bis Thedinghausen. Deshalb sei dieser Bahn auch eine größere wirtschaftliche Bedeutung für unseren Raum versagt geblieben, so Meyer. Nichtsdestotrotz habe man der Zeitung seinerzeit entnehmen können, dass dieser Bau ein Quell des Selbstbewusstseins für Sudweyhe gewesen sei.

Doch die spätere Zeit meinte es nicht so gut mit dem Bauwerk. Der Gemeindearchivar konnte berichten: „Seit 1989 stand das alte Gebäude leer: Nachdem der Personenverkehr schon im Oktober 1955 eingestellt wurde, hatte es noch bis dahin als Wohnung gedient. Danach begann der Zahn der Zeit an Mauern und Fachwerk des einst schmucken Hauses zu nagen – es stank hier drin und war widerlich.“

Vom Gegenteil konnten sich die vielen Gäste am Sonnabend überzeugen. Zur schwungvollen Musik der Band One Shot Blues konnten sie draußen deftige Köstlichkeiten genießen wie Schwarzbrot- oder Bärlauchtorte, dazu einen leckeren Willkommensschluck mit witzigen Zetteln an Spießen wie: „Ich versteh nur Bahnhof“. Und drinnen erst: Eine lange Schlange bildete sich am Kuchen-Tresen, im Obergeschoss wollten viele den Bahnhofs-Kurzfilm sehen. Zu bewundern gab es beim Rundgang noch schöne Überbleibsel aus alten Zeiten wie das Bodenmosaik im Eingang.

Ab sofort wird der Bahnhof mit Kulturcafé jeden Sonntag in der Zeit von 13 und 18 Uhr geöffnet sein, dafür sorgen die Vereinsmitglieder ehrenamtlich, die Erlöse fließen alle in weitere Renovierungsarbeiten vor Ort.

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