Leester Marsch

Acht Wasserbüffel sorgen für Landschaftspflege

Acht Wasserbüffel sorgen in der Leester Marsch für Landschaftspflege. Die Tiere sind vom Nabu Weyhe 2014 für das Beweidungsprojekt angeschafft worden.
04.04.2021, 08:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ina Ulbricht
Acht Wasserbüffel sorgen für Landschaftspflege

Thomas Brugger vom Weyher Nabu schaut regelmäßig nach den Wasserbüffeln.

Michael Galian

Ganz dicht drängen sich die mächtigen Tiere an die fast armdicken Gitterstangen. Sie alle wollen eine Streicheleinheit von Thomas Brugger erhaschen. Der Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) Weyhe hat alle Hände voll zu tun, allen acht Wasserbüffeln ihre Krauleinheiten zukommen zu lassen. Als er damit fertig ist, verlieren die Tiere das Interesse und trotten über einen recht matschigen Pfad zurück auf ihre Weide, um an den wenigen Grashalmen zu knabbern, die den Winter überstanden haben.

Acht Wasserbüffel stehen das ganze Jahr über auf der etwa siebeneinhalb Hektar großen Fläche in der Leester Marsch. Zu Beginn des Beweidungsprojektes des Weyher Nabu im Jahr 2014 waren es noch vier Tiere: zwei Kühe, ein Bulle und ein männliches Kalb. Jetzt sind es sechs Kühe und zwei Ochsen. Und dabei soll es auch bleiben, denn ein Wasserbüffel benötigt bei einer Ganzjahresbeweidung etwa einen Hektar Platz, erläutert Thomas Brugger.

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Der Nabu bekam die Tiere von einem Züchter aus Bremen-Grolland. „Diese Büffelart stammt aus Süd-Ost-Europa“, erzählt Brugger. Dort werden sie seit über 100 Jahren gezüchtet. Die Ahnen dieser Tiere kommen aus Asien. Auch in Europa hat es im oberen Rheinbereich vor 120.000 Jahren Wasserbüffel gegeben, weiß der Experte. Die seien aber längst ausgestorben. „Ich höre oft die Kritik, dass diese Tiere hier gar nicht heimisch sind“, sagt Brugger. Aber das sei kaum eine der Rinderrassen, die in Deutschland zu finden seien. Sie alle seien domestiziert. „Sie stammen vom Büffel, Wisent, Bison oder Gnu ab.“ Und auch die schwarz-bunten Rinder, die bis vor einiger Zeit das Bild auf deutschen Wiesen dominierten, kommen ursprünglich aus den USA. „Es gibt nur wenige alte Haustierrassen“, sagt Thomas Brugger. „Und die lohnen sich für die Landwirtschaft nicht mehr.“ Mittlerweile werde nur noch auf Fleisch- und Milchproduktion gezüchtet.

Die zotteligen Leester Wasserbüffel sollen weder das eine noch das andere liefern. Sie sind Naturschützer. „Sie kommen bestens mit dem nassen Boden hier zurecht“, weiß der Nabu-Vorsitzende. „Schwarz-bunte Rinder würden bei solchen Bedingungen Hufkrankheiten bekommen.“ Die Hufe der Wasserbüffel hingegen seien breiter und somit perfekt auf ebensolche Bedingungen abgestimmt – sie sinken nicht so schnell in den nassen Boden ein. Und nicht nur für die Rinder bietet die mit zwei Teichen ausgestattete Fläche optimale Voraussetzungen, auch viele Vogelarten fühlen sich hier wohl.

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„Bestimmte Wiesenvogelarten mögen halbhohes Gras, wo sie alles überblicken können“, erläutert Brugger. Dass das Gras nicht höher wächst, dafür sorgen die Wasserbüffel, die das ganze Jahr über dagegen anfressen. Als Resultat haben sich Brutvogelarten wie Rebhühner, Kiebitze und Bekassine wieder in der Leester Marsch angesiedelt. „Die Büffel bieten den Vögeln Lebensraum und Schutz“, sagt Brugger. Im Winter kämen auch Gänse auf die Büffelweide. „Die rennen dann zwischen den Rindern umher. Da gibt es keinen Stress“, hat der Nabu-Experte beobachtet.

Nicht nur das Gras stutzen die Büffel auf eine angenehme Höhe, sie schützen die Vögel auch vor Füchsen und anderen Raubtieren. „Sie würden es sofort bemerken, wenn ein Räuber auf die Weide kommt.“ Der Dung der großen Tiere versorgt die Vögel zudem mit Nahrung. „In einem Kilo Kuhfladen befindet sich 20 Gramm Biomasse“, weiß der Nabu-Vorsitzende. „Jeder Büffelfladen wird von den Vögeln zerhackt, weil sie dort Insekten finden.“ Sogenannte Büffelbegleiter, etwa Stare, setzen sich direkt auf die Büffel und picken Parasiten aus dem Fell der großen Tiere. Schafstelzen sitzen hingegen unter den Tieren und warten, bis sie sich bewegen und damit Fliegen aufscheuchen, die von dieser Vogelart verzehrt werden.

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Ein weiterer Vorteil der Ganzjahresbeweidung: Sie fördert die Pflanzenvielfalt. „Wenn das Gras bis in den Sommer hochwachsen kann, prägen sich nur bestimmte Sorten aus“, erklärt Thomas Brugger. Seien die Rinder das gesamte Jahr über auf der Weide, bieten sich bessere Bedingungen etwa für unterschiedliche Kleesorten. „Die Büffel fressen die Weide unterschiedlich stark ab“, hat Brugger außerdem beobachtet. „Dadurch entsteht eine Art Marmorierung.“ Das liege einfach daran, dass die Tiere an bestimmten Stellen lieber fressen. „So entwickeln sich für die Vegetation unterschiedliche Bereiche.“ Das wiederum sorge für Artenvielfalt bei Schmetterlingen. Und: „Man trifft Bienen und Hummeln zuhauf.“ Selbst die Fußabdrücke der Büffel bieten Lebensraum. „In den sogenannten Trittsiegeln sammelt sich Wasser“, erklärt Brugger. „Diese kleinen Pfützen wärmen sich schnell auf und bieten gute Bedingungen für Kaulquappen.“

Während der warmen Sommermonate verbringen die Büffel die meiste Zeit des Tages in den Teichen, die ihnen auf der Weide zur Verfügung stehen und die sie mit ihren mächtigen Hörnern immer wieder freischaufeln. „Dann gucken nur die Köpfe heraus“, erzählt Brugger. Das Wasser brauchen die Tiere zur Kühlung, da sie deutlich weniger Schweißdrüsen als andere Rinderarten haben. Die kühlere Zeit am Morgen und Abend nutzen sie zum Fressen.

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Im Winter steht den Tieren ein frei zugänglicher Unterstand zur Verfügung, in dem sie Heu, Schutz vor Wind und eine warme Strohunterlage finden. „Ab Mai kommen sie zum Fressen aber nicht mehr rein“, sagt Brugger. Das Angebot auf der Weide nutzen die Tiere auch in den kalten Monaten. „Dann fressen sie das, was sie im Sommer stehengelassen haben, weil es ihnen nicht so gut schmeckt.“

Dieses Jahr mussten die Stalltüren allerdings zum ersten Mal geschlossen werden. Eine Woche lang mussten die Büffel zu ihrer eigenen Sicherheit im Stall verbringen. „Aufgrund der Kälte hatten sich auf der Weide Eisplatten gebildet“, erzählt Thomas Brugger. „Wären sie dort eingebrochen, hätten sie sich womöglich die Füße aufgeschnitten.“ Gleichzeitig sei auch die Wasserpumpe eingefroren gewesen: „Da musste ich jeden Tag 200 Liter Wasser herbringen.“

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Die mit den Besuchen verbundenen Streicheleinheiten haben den Büffeln diese Zeit vielleicht etwas erträglicher gemacht, und beim Kraulen mögen die mächtigen Tiere auch ganz gemütlich wirken. Das täusche jedoch, warnt Thomas Brugger. Es gebe eine strenge Rangordnung – Chefin sei die Leitkuh. Sie entscheide, welcher Bulle in die Herde aufgenommen wird. „Der Rangniedrigste bekommt am meisten Prügel.“ Zudem seien die Büffel ziemlich schnell, so Brugger. Einen 20 Stundenkilometer schnellen Traktor hätten sie bereits ohne Probleme überholt. Auch ihre Jungen verteidigen die Büffel gegen Fressfeinde oder Fremde. „Da kann schnell mal die Brille kaputtgehen“, sagt Thomas Brugger mit einem Lachen. Ansonsten hätten die Tiere jedoch ein sehr freundliches Wesen, räumt er ein.

Info

Zur Sache

Der Wasserbüffel

Der Wasserbüffel stammt ursprünglich aus Asien und kann etwa 25 Jahre alt werden. Ausgewachsen sind die Tiere mit etwa zwei Jahren, geschlechtsreif bereits mit einem Jahr. Die Kühe tragen elf Monate und säugen etwa genauso lange. Eine Wasserbüffel-Kuh kann bis zu 700 Kilogramm schwer werden, ein Bulle sogar bis zu 1200 Kilogramm. Die Tiere in Leeste sind jedoch leichter, da sie weniger hochgezüchtet sind, wie der Weyher Naturschutzbund erklärt.

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