Vietnamesische Azubis in Kirchweyhe

Für die Ausbildung in die Ferne

Etwa 9000 Kilometer haben Xuan Thanh Le und Duc Dung Nguyen zurückgelegt, um ihre Ausbildung im Kirchweyher Pflegeheim Haus am Geestfeld zu machen. Die 20 und 23 Jahre alten Männer kommen aus Vietnam.
01.04.2020, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg
Für die Ausbildung in die Ferne

Eine Szene aus noch ruhigeren Zeiten, als das Coronavirus das öffentliche Leben noch nicht in der Hand hatte: Einrichtungsleiterin Peggy Haberzettl (vierte von links, stehend) spricht aber noch immer von "guter Laune" im Haus am Geestfeld.

Michael Braunschädel

Weyhe-Kirchweyhe. Etwa 9000 Kilometer trennen Kirchweyhe von den vietnamesischen Städten Quang Binh und Hai Duong. Die Pflege-Azubis im Haus am Geestfeld Xuan Thanh Le und Duc Dung Nguyen hat das nicht abgehalten, ihren künftigen Beruf in der Wesergemeinde zu erlernen. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Zuhause. Und inzwischen auch die Herausforderung durch das Coronavirus.

Le und Nguyen sind im ersten Lehrjahr. Dort ist das Geld noch am knappsten. Es reicht noch nicht, um die Familie zu Hause zu besuchen. „Ich vermisse meine Heimat sehr“, sagt Nguyen. Der Vater des 20-Jährigen ist in Münster und arbeitet dort als Koch. Die Mutter und seine beiden Brüder leben nach wie vor in Quang Binh. Doch er hat ein klares Ziel: Die Ausbildung in Deutschland zu machen. Vietnam wird damit künftig der Ort für lange Urlaube.

Einmal im Jahr in die Heimat

Auch für Le steht fest, dass er den Pflegeberuf in Deutschland lernen möchte. Auch er vermisst seine Familie: Einmal pro Jahr möchte er sie besuchen, dieses Jahr aber wird es nichts mehr, auch weil bei ihm das Auszubildenden-Gehalt dafür wohl nicht reicht.

Dass die insgesamt fünf Auszubildenden aus Vietnam überhaupt in der Kirchweyher Einrichtung arbeiten, daran sind mehrere Institutionen beteiligt, angefangen bei einer vietnamesischen Firma, die den Kontakt nach Deutschland zunächst vermittelt hat. Ihre erste Station ist Herten nahe Düsseldorf, wo sie sechs Monate bleiben, um die Sprache zu lernen. Darauf vorbereitet hatten sich die beiden aber schon in ihrer Heimat und dort bereits das B-1-Niveau erreicht. Kennengelernt allerdings haben sich die beiden Lehrlinge, die seit dem 1. November im Pflegeheim Haus am Geestfeld in Kirchweyhe arbeiten, in der nordrhein-westfälischen Stadt.

Inzwischen sind die 20 und 23 Jahre alten Männer angekommen. „Das Arbeiten ist sehr nett“, sagt Le. Immer könne er die Kollegen fragen. Immer würden sie helfen. Und auch Nguyen bestätigt das. Wenn er bei der Arbeit mal nicht weiter weiß, erklären die Senioren auch schon mal selbst, wie dieses oder jenes funktioniert.

"Wir unterstützen alles, was in die Pflege möchte", sagt Rita Wegg, 1. Vorsitzende der Zukunftswerkstatt Gesundheit & Pflege. Der Verein, der sich im Landkreis Diepholz in dem Bereich engagiert, hat im November 2015 die Ausbildungsplatzinitiative
Pflege/Hauswirtschaft für Flüchtlinge gegründet. Darin soll es um die Nutzung eines Netzwerks „mit Akteuren aus dem Bereich Integration im Landkreis Diepholz sowie mit ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen“ gehen, beschreibt es der Verein. Der Initiative haben sich zu 26 teilnehmenden Einrichtungen neben den Gemeinden Stuhr und Weyhe weitere Kommunen und Teile von Verwaltungen im Landkreis sowie unter anderem Flüchtlingsnetzwerke, die Polizei, Bildungseinrichtungen oder kirchliche Vertreter angeschlossen, darunter die Ludwig-Fresenius-Schule, die auch einen Standort in Weyhe hat.

Schule ist geschlossen

Gäbe es die derzeitige Corona-Krise nicht, würden Le und Nguyen jene Schule auch besuchen, denn dort absolvieren sie den schulischen Teil ihrer Ausbildung. Die Ludwig-Fresenius-Schule ist, wie alle Schulen im Land, derzeit geschlossen. Gut für das Haus am Geestfeld, denn so können Le und Nguyen sowie die übrigen Auszubildenden dort mehr unterstützen. „Es ist eine große Bereicherung, die wir dadurch haben“, sagt Leiterin Peggy Haberzettl. Die Auszubildenden seien tatkräftig dabei. „Alle stehen ihren Mann und ihre Frau“ – angesichts der schwierigen Umstände durch die immer weiter voranschreitende Verbreitung des Coronavirus. Die Bewohner sollen das Gelände zurzeit nicht verlassen und Besuch darf auch nicht rein. Der Kontakt läuft jetzt anders, sagt Haberzettl. Angehörige rufen jetzt an, wollen „mit Papa“ sprechen. Es kommen viele Danksagungen von außen, nette Anrufe, es werden Blumen geschickt, E-Mails kommen rein. Den Auszubildenden komme das insbesondere bei ihren Deutschkenntnissen zugute, die nun noch mehr trainiert werden. „Es muss mehr kommuniziert werden“, sagt Haberzettl.

Die nächste Veränderung zeigt sich in der äußeren Erscheinung. Mittlerweile arbeiten die Auszubildenden mit Mundschutzmasken. Damit schützen sie sich selbst und die Kollegen. Le und Nguyen kommen jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Sie leben in etwa 20 Kilometer entfernt, gemeinsam mit anderen, auch Auszubildenden – teilweise mehr als einer in einem Zimmer. Und das hat organisatorische Gründe. Die Schule, die den Wohnraum vermittelt hat, musste diesen sehr kurzfristig besorgen, sagt Gabriele Stahlberg, die Regionalleiterin und Prokuristin der Ludwig-Fresenius-Schulen für den gesamten Nordbereich ist, auf Anfrage. Dabei bleiben soll es nicht. Aber: „Es ist schwierig um Bremen herum für ausländische Menschen Wohnraum zu finden“, sagt sie. An der Einrichtung der jungen Männer hat sich der Ausbildungsbetrieb finanziell beteiligt. Wie es wohnungsmäßig weitergeht, ist derzeit noch offen. Es soll aber eine Unterkunft in Weyhe gefunden werden, heißt es. Bis dahin bleibt es im Haus am Geestfeld – trotz aller Corona-Widrigkeiten – bei „immer noch guter Laune“, sagt Haberzettl.

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