Polarforscher aus Leeste

Von Leeste aus ins ewige Eis

Leben im hohen Norden, arbeiten auch im tiefsten Süden: Der frühere Leester Tore Hattermann macht sich immer wieder mal vom nordnorwegischen Tromsø aus auf in die Antarktis.
19.08.2020, 18:21
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg

Als Kind ist Tore Hattermann in Leeste noch Schlittschuh gelaufen. Dass das in den vergangenen zehn Jahren möglich war, daran kann er sich nicht erinnern. Dort, wo er jetzt wohnt – im nordnorwegischen Tromsø – sieht die Sache etwas anders aus. Der frühere Leester lebt dort, wo er noch dazu als Polarforscher arbeitet. Seine Arbeit bringt ihn manchmal auch an das entgegengesetzte Ende der Welt: zu Expeditionen in die Antarktis. Der 37-Jährige ist ein Experte für Klimawandel. Darüber spricht er auch in dem Film einer anderen Leesterin, die inzwischen eine nicht mehr ganz Unbekannte ist.

Notruf Hafenkante, Tatort oder Charlotte-Link-Verfilmungen sind Formate, in denen Simona Theoharova unter anderem schon zu sehen war. Die Schauspielerin hat sich inzwischen zusätzlich an ein Projekt mit Namen „Triple-F***“ gemacht – eine Dokumentation über weltweite Klimaproteste, speziell von jungen Leuten. Die mittlerweile Nicht-mehr-Leester haben dieselbe Schule besucht, die Kooperative Gesamtschule, allerdings in unterschiedlichen Jahrgängen. Was den Film angeht, trafen beide schließlich erst über Dritte im Nachhinein aufeinander, wie Hattermann erzählt. Der berichtet darin von aktuellen Klimaergebnissen, gibt aber auch seine persönliche Einschätzung zur Lage preis. Auch Foto- und Filmmaterial von verschiedenen Forschungsexpeditionen in die Antarktis hat er für den Film bereitgestellt, wie er sagt. Die Dokumentation ist aktuell noch in der Fertigstellung. Das Thema interessiere ihn und „dem habe ich meinen Beruf gewidmet“. Schließlich war auch die Neugier Antrieb, überhaupt mitzumachen.

Und in der Neugier fließen die Fäden wohl zusammen. „Ich bin lange begeisterter Pfadfinder gewesen“, sagt Hattermann über seine Leester Kindheit. Zelten, die Natur und Improvisation haben ihn gereizt. Aber auch: „Das Leben in kleinen Gruppen fasziniert mich.“ Die Abenteuerlust hat er bewahrt und zu seinem Job gemacht. Auf sieben Expeditionen in der Antarktis war Hattermann bereits, der als Wissenschaftler und Ozeanograf am Norwegischen Polarinstitut (NPI) – sozusagen dem Pendant zum deutschen Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, wo er in der Vergangenheit auch arbeitete – sein täglich Forschungswerk verrichtet. „Da gibt es eine Gruppendynamik“, sagt er über die Arbeit im ewigen Eis mit Teams von sechs bis zwölf Kollegen. Mit Konflikten müsse man umgehen können und Verantwortung für sich übernehmen. Hattermann hilft da seine Pfadfinder-Zeit. In Brinkum war er auch Gruppenleiter und gehörte dort zum Stamm Marco Polo. „Pfadfinder ist man eigentlich ein Leben lang“, sagt der 37-Jährige über die 20 aktiven Jahre dort. Arbeiten im Eis und Leben mit Pfadfindern: „Die Psychologie, die da stattfindet, ist ähnlich“, sagt er.

Seine Arbeit besteht darin, mit heißem Wasser durch mehrere hundert Meter dickes Gletschereis zu bohren. Sein Auftrag ist es, die Ozeandynamik in den Polarregionen zu erforschen. Als Schwerpunkt dabei nennt er selbst „die Wechselwirkungen des Antarktischen Eisschildes mit dem Südozean, und dessen Einfluss auf die zukünftigen Meeresspiegeländerungen im Zuge des globalen Klimawandels“. Kurzum: Es geht um die Masse-Bilanz des Eisschildes (also des Gletschers, der auf Landmasse liegt) und damit um die Frage, wie viel schmilzt. Denn je mehr das ist, desto mehr steigt der Meeresspiegel. Dass es schmilzt, beschreibt Hattermann als natürlichen Prozess, nur gilt zu klären: „Wie viel hat der Mensch damit zu tun, dass es sich ändert?“ In der seriösen Wissenschaft, sagt er, gibt es keinen Zweifel am Zusammenhang zwischen der dafür ursächlichen Erderwärmung der vergangenen 150 Jahre und dem menschlichen Verhalten.

Zu seinem Job gehört zelten auf dem Eis, auch schon mal für zweieinhalb Monate – ohne Dusche selbstredend. Und eben auch Gefahr. Die hat Hattermann schon in seiner Zeit auf Spitzbergen (Norwegen) erlebt, wo er während seines Physikstudiums ein Auslandsjahr mit Schwerpunkt auf polaren Geowissenschaften verbracht hat. Gletscherspalten sind dort das eine. Aber auch: „Auf Spitzbergen verlässt man die Siedlung nur mit einem großkalibrigen Gewehr“ – der Eisbären wegen. Dafür bekommt man einen kurzfristigen Waffenschein. Wenn man einkaufen geht, steht im Supermarkt der Waffenschrank bereit, um es dort abzustellen. Ähnlich gefährlich, nur ohne Eisbären, ist es in der Antarktis. Wegen der Gletscherspalten müsse man sich dort gegenseitig anleinen, „damit keiner ganz nach unten fällt“. Das aber wird vorher geübt. Übel kann auch das Wetter mitspielen. „Ein Sturm kann einem ganz schön das Camp verwüsten“, sagt der Forscher. Und nicht zuletzt Unvorhergesehenes: „Alle medizinischen Notfälle sind häufig hoffnungslos“, sagt Hattermann. Es dauert mindestens einen Tag, bis Rettung da ist. Aber die Landschaft dort hat für den Leester auch seine Reize. Die Antarktis ist „super“, wenn das Wetter schön ist, schwärmt er vom blauen, kristallinen Eis.

Hattermann hat auch mal Freizeit und macht sogar Urlaub. Gerne im Zelt und auch im Schnee, dann aber mit der Familie – seiner norwegischen Frau und den Kindern. „Dann kann man es mit den Leuten machen, mit denen es am schönsten ist“, sagt er.

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