Premiere des neuen Stücks am Weyher Theater Eine Reise des Erinnerns

Eine emotionale Reise erleben zwei Brüder im neuen Stück des Weyher Theaters "Eine Reise". Die Premiere stand auch im Zeichen des Gedenkens an den kürzlich verstorbenen Dramaturgen des Theaters, Frank Pinkus.
17.10.2021, 16:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Bayer-Thiemig

Weyhe-Kirchweyhe. Zelt, Isomatten und Schlafsäcke, Kaffeeutensilien und Tagebuch: Alles was für eine Fahrradtour dazu gehört, war eingepackt. Nur die beiden Brüder Max (Marco Linke) und Carl Schnorr (Thorsten Hamer) waren sich ihrer Tour zum Gardasee über die Alpen nicht ganz sicher. Denn sie waren seit zehn Jahren zerstritten. Der jüngere Bruder Jonas, der nach einer Krebserkrankung gestorben war, hatte in seinem Testament laut Rechtsanwalt Dr. Brunner (Christian Schliehe) gebeten, dass die beiden den gemeinsam geplanten Rad-Roadtrip machen, den sie schon als Kinder geplant hatten. Nur dieses Mal sollte seine Asche in den Gardasee gestreut werden. Und auch die Freundinnen Emily (Sarah Kluge) und Marieke (Inga Jamry) waren dafür: „Das ist das Mindeste, was ihr für Jonas tun könnt.“

Intendant Kay Kruppa und der vor Kurzem verstorbene Dramaturg Frank Pinkus haben mit "Eine Reise" ein raffiniertes, temporeiches Stück geschrieben, das für das Publikum der Premiere am Freitagabend eine angenehme leichte Kost war. Und wie wichtig ein originelles Drehbuch als Grundlage für eine funktionierende Komödie ist, wurde dabei mehr als deutlich. Die gut zwei Stunden des Zweiakters mit sieben Szenen vergingen wie im Fluge.

Wie erwartet, kriselt es schon auf den ersten Kilometern der Reise zwischen den Brüdern. Für die beiden waren die Strapazen der Tour von etwa 650 Kilometern in einer Woche kaum aushalten, dazu die seelische Anspannung, denn miteinander geredet haben sie seit Jahren nicht mehr. „Wir machen das für Jonas“, sind sich beide sicher. Carl (übrigens Elektroingenieur) behauptet dann auch trotz Übergewicht: „Ich bin nicht unsportlich." Max (Zahnarzt) hingegen hat immerhin vor fünf Jahren am Bremer Marathon teilgenommen, allerdings nach fünf Kilometern aufgegeben. Es kommt wie es kommen musste: Max radelt sich einen Wolf und wünscht sich manchmal ein E-Bike, Carl machen zunehmend die vielen Etappen und Steigerungen zu schaffen. Der Stoff aus körperlicher Herausforderung und gegenseitigen Schuldzuweisungen hielt urkomische Dispute bereit, gewährte zugleich einen überzeichneten Einblick in die zersplitterte Brüdergeschichte.

Um das Männerdasein mit seinen Unstimmigkeiten aufzufrischen, trafen sie auf die verschiedensten Charaktere, die so schräg und überraschend wie die Landschaften waren. Da waren ein Familienvater mit Faible für Instagram, ein Mann namens Ulli, ein Designer, Choreograf und Hippie (gespielt von Christian Hamann und Neuzugang Christian Schliehe). Die verschiedenen Persönlichkeiten hatten dementsprechend auch die verschiedensten Vorschläge zur Beruhigung parat. Yogaübungen, Aggressionen wegtanzen oder Gin Tonic trinken. Aber es fielen auch Sätze wie: "Wenn man einen Bruder hat, mit dem man sich streiten kann, ist das ein Geschenk."

Szenen, die dank der Umsetzung der Schauspielerinnen und Schauspieler vom Schmunzeln bis zum Gelächter im Publikum sorgten. Mit einem drehbaren Bühnenbild (Lisa Kück) wurde dem turbulenten Treiben auf der Bühne der perfekte Rahmen gegeben. Eine feine, geschlossene, überzeugende Ensembleleistung, die „Die Reise“ zu einem durchgängig unterhaltsamen und zugleich anspruchsvollen Theatererlebnis machte. Mit gesungenen Songs von Silbermond, Udo Lindenberg, Revolverheld oder Johannes Oerding (musikalische Leitung Patrick Kuhlmann) gab es eine ansprechende Untermalung des inneren und äußeren Geschehens.

Manchmal sind es im Leben die schlimmsten Ereignisse, die uns wieder zusammenbringen. Oder nicht? „Du bist das größte Arschloch, das ich kenne und das ich liebe“, besser hätte es Carl am Ende der Tour und der vielen Begegnungen nicht sagen können. Umarmungen, Heiratsanträge als Happy End und das nötige Ausschütten der Urne in den Gardasee besiegelten dies.

Vollkommen zu Recht verabschiedete das Publikum die Protagonisten mit stürmischem Beifall. Die Zahl der „Vorhänge“, mit der die Akteure auf die Bühne geholt wurden, schien endlos. Das hätte Dramaturg Pinkus bestimmt gefreut, einige Vorhänge waren dabei sicherlich für ihn. Es war die erste Premiere am Weyher Theater ohne ihn. Wer noch mit auf die Reise gehen will, hat noch bis zum 21. November die Möglichkeit dazu.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+