Schach-Bundesliga Was der Aufstieg des SK Kirchweyhe mit einem Börsencrash zu tun hat

Beim SK Kirchweyhe herrschen in finanzieller Hinsicht paradiesische Zustände. Und durchaus märchenhaft ist die Geschichte des Klubs, der künftig in der Schach-Bundesliga startet.
10.08.2022, 06:00
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Was der Aufstieg des SK Kirchweyhe mit einem Börsencrash zu tun hat
Von Jörg Niemeyer

Noch ist das Vereinsheim des Schachklubs (SK) Kirchweyhe eine Großbaustelle. Doch sie ist schon weit gediehen, wie der Gang mit Peter Orantek durch das Gebäude erkennen lässt. Unten im Erdgeschoss, wo der SK-Vorsitzende gerade steht, werden die Denksportler im großzügig bemessenen Spielsaal künftig ihre Partien austragen. Nebenan werden sich Analyseraum und Küche anschließen. Anfang 2023 soll der Einzug erfolgen – gut möglich, dass der Aufsteiger und künftige Liga-Konkurrent des SV Werder in seiner Bundesliga-Premierensaison noch einen Heimspieltag wird ausrichten können.

Beim SK Kirchweyhe herrschen in finanzieller Hinsicht paradiesische Zustände. Und durchaus märchenhaft ist die Geschichte des Klubs aus der Provinz – eine Geschichte, die es ohne Peter Orantek nie gegeben hätte. Dabei ist der 70-Jährige keineswegs ein Zugereister, der als Sponsor sein Füllhorn über dem SK nach Belieben ausschüttet oder schließt. Der Sohn armer vertriebener Eltern aus Schlesien hat seine Wurzeln in der Region südlich von Bremen. 1968 richtet Orantek als Schüler des Gymnasiums Syke dort eine Schach-Arbeitsgemeinschaft ein, die er bis zu seinem Abitur 1972 leitet. Schon 1964 war er als Zwölfjähriger in den SK Kirchweyhe eingetreten.

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Dass Orantek viele Jahre später dem Verein eine so große finanzielle Unterstützung gewähren kann, hat maßgeblich mit dem ungewöhnlichen Werdegang dieses Mannes zu tun. Nach dem Abitur studiert er in Braunschweig Germanistik, Geografie und Religion fürs Lehramt. Im dritten Semester, so erinnert er sich, habe er als Bester seine Schiedsrichter-Ausbildung abgeschlossen. Doch die angebotene Festanstellung beim Deutschen Schachbund habe er 1972 abgelehnt, stattdessen weiter studiert, ein Referendariat gemacht und bis 1984 als Lehrer in Hannover gearbeitet.

Peter Orantek will im Schach eine Sprache entdeckt haben

Dann nimmt das Leben des Vaters zweier erwachsener Kinder eine entscheidende Wendung: Er gibt seine Lehrerstelle auf und geht in Begleitung eines Geldmanagers in die USA und dort an die Börse. Orantek sagt, dass er den Börsencrash im Oktober 1987 vorhergesehen habe, nachdem er Schach entziffert habe. Orantek ist davon überzeugt und hat das in einer 16-bändigen Enzyklopädie auch schriftlich dargestellt, dass Schach kein Spiel, sondern eine Sprache sei. Ihm sei es gelungen, im Schach eine Programmiersprache zu entdecken und zu entschlüsseln.

Diese Sprache hat Orantek offensichtlich so gut verstanden, dass er mit ihr an der Börse viel Geld verdient hat. Geld, das er nicht für sich behalten wollte, sondern 2012 in eine Stiftung mit dem Namen "127Schach-Stiftung" überführt habe. Diese Stiftung verfolgt zwei Zwecke: die Förderung von Wissenschaft, Forschung und Bildung in Bezug auf die Programmiersprache Schach und die Förderung des Schachsports über gemeinnützige Vereine.

Die Stiftung, deren Gründer und erster Stiftungsratsvorsitzender Peter Orantek ist, unterstützt mehrere Vereine – unter anderem und sehr massiv den SK Kirchweyhe. Wie viel Geld im Stock der Stiftung sei, verrät Orantek nicht. Aber es muss sehr viel sein, um aus den Erlösen des Grundkapitals beispielsweise einen Schach-Bundesligisten zu fördern und für ihn ein neues Zuhause mit insgesamt sieben Wohnungen zu bauen. Die Aufnahme von Krediten sei Stiftungen untersagt, betont Orantek. Das heißt, dass der Neubau mit vorhandenen Mitteln der Stiftung bezahlt werden kann. Insgesamt fünf Immobilien, so der Gründer, seien im Besitz der Stiftung – darunter auch das derzeitige Vereinsheim des SK in der Bahnhofstraße in Kirchweyhe.

Hinter diesem Schritt steckt ja mein Leben.
Peter Orantek über die Gründung der 127Schach-Stiftung

"Ich habe Geld durch Schach geschenkt bekommen, das ich nicht in die eigene Tasche stecken wollte", sagt Orantek. Mit der Gründung der Stiftung habe er sich aber Zeit gelassen, er hat – so wie ein Schachspieler über seinen nächsten Zug – gründlich darüber nachgedacht. "Hinter diesem Schritt steckt ja mein Leben", sagt er. Nun profitieren vor allem professionelle Schachspieler von der Förderung. Die Stiftung dürfe Amateure nicht durch direkte Zuwendungen unterstützen, wohl aber zum Beispiel Großmeister der Sportart, die Schach als Beruf ausüben.

So werde ein neunjähriges ukrainisches Talent des SK Kirchweyhe, das wegen des Krieges mit seiner Mutter inzwischen in Vechta lebt und das für die Bundesliga gemeldet werden soll, aktuell täglich von einem Großmeister aus der Ukraine trainiert. Der Trainer möchte für seine Arbeit bezahlt werden, und die Kosten übernimmt, ihrem Zweck entsprechend, die Stiftung. Sie kommt auch für die Unterbringung, Verpflegung, Fahrtkosten und Honorare der Spieler sowie für Verbandsbeiträge und für Kosten des Spielbetriebs auf. Amateursportler aus den unteren Ligen werden, wenn sie mit ihren Teams beim SK zu Gast sind, während der Spiele immerhin kostenlos verpflegt.

Das Stiftungsmodell ist übrigens keine Erfindung aus Kirchweyhe. Deutschlands Topklub im Schach, die OSG Baden-Baden, wird schon seit vielen Jahren von der Grenke-Stiftung gefördert – in weit größerem Maße als es die "127Schach-Stiftung" für die SK mache, sagt Orantek. Dennoch dürften selbst etablierte Bundesliga-Konkurrenten neidisch auf den Liga-Neuling blicken. Der Vereinschef verrät zwar nicht, wie viel Geld direkt in die erste SK-Mannschaft fließe, spricht aber "von einem Mehrfachen im Vergleich zur 2. Bundesliga", der die Kirchweyher gerade entwachsen sind.

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Rasanter Aufstieg in die Spitze

Den SK Kirchweyhe gibt es seit 1947. Obwohl er in Niedersachsen beheimatet ist, trägt er schon lange seine Punktspiele im Landesschachbund Bremen aus. Der Aufstieg in die nationale Spitze begann aber erst vor einigen Jahren. Grundlage waren die "127Schach-Stiftung" von Peter Orantek und dessen Amtsantritt als SK-Vorsitzender 2014. Nach dem Aufstieg aus der Oberliga in die 2. Bundesliga 2021 folgte in der vergangenen Saison der Durchmarsch der Kirchweyher in die 1. Bundesliga. Damit nicht genug, stand der kleine Klub in diesem Jahr erstmals im Endspiel des deutschen Pokalwettbewerbs, in dem er dem amtierenden Meister OSG Baden-Baden nur mit 1,5:2,5 unterlag.

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