Fußball Schlitzohr, Knipser, Führungsspieler

Nico Riekers war immer auch Mister TuS Sudweyhe. Nun hat der Vollblutstürmer seine Laufbahn beendet - allerdings nicht ohne einen gebührenden Abschied.
19.07.2019, 12:46
Lesedauer: 5 Min
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Von Sven Hermann

Sudweyhe. Es lief die 87. Minute im letzten Spiel der Fußball-Bezirksliga-Saison 2018/19 zwischen dem TuS Sudweyhe und FC Sulingen, als bei den Gastgebern eine Ära zu Ende ging: Stürmer Nico Riekers wurde kurz vor Schluss ausgewechselt, um den Beifall seiner Mannschaftskollegen, seiner Familie und Freunde sowie der Zuschauer zu genießen. Durch seine Mitspieler, die ein Spalier gebildet hatten, bahnte er sich den Weg. 14 Jahre stand Riekers im Kader der ersten Herrenmannschaft, war die vergangenen zehn Jahre stets Kapitän. Seine Torgefahr, Schnelligkeit und Schlitzohrigkeit zeichneten den mittlerweile 33-Jährigen aus. Mit Riekers verlässt eine große Persönlichkeit die Diepholzer Fußball-Bühne.

„Alle, die mir nahe standen, waren nochmal dabei. Die Spartenleitung, Trainer und Mannschaft haben mir einen sehr netten Abschied bereitet. Meine Familie war da, dazu viele Kumpels und Weggefährten. Ich hatte viele alte Hasen eingeladen, wie beispielsweise den früheren Sudweyher und Syker Top-Stürmer Michael Schnabl, Ausnahme-Torhüter Mirko Meyer oder auch meinen einstigen Mitspieler Mario Rösner“, denkt Riekers gern an diesen letzten Spieltag der Saison 2018/19 zurück. „Für Nico war es ein gebührender und schöner Abschied. Seine Persönlichkeit, sein Ansehen in der Mannschaft und sein großes Kämpferherz, das alles werden der Mannschaft und mir in Zukunft sehr fehlen. Er ist ein super Typ, der nicht nur in unseren Reihen, sondern auch in anderen Vereinen anerkannt wurde. Er galt als mein verlängerter Arm und wird mir auf dem Platz in Zukunft fehlen“, geizt Coach Christian Mach nicht mit Komplimenten. Zwar blieb Riekers bei seinem letzten Auftritt ein Torerfolg verwehrt, doch zwei Spieltage zuvor, beim 4:4 bei der SG Diepholz, ließ der Top-Angreifer noch einmal sein ganzes Können aufblitzen. Bei der SG gelangen ihm gleich drei Treffer. In Anspielung auf Werders Stürmerstar Claudio Pizarro tauften seine Teamkollegen ihn daraufhin „Claudio“ Riekers. Dass er einen Elfmeter verschoss, wurmte den Offensivspieler. „Ich habe viele Elfmeter rausgeholt und auch verwandelt. Jahrelang habe ich die reingehauen, die letzten beiden habe ich verschossen“, schmunzelt Riekers im Nachhinein.

Mallorca als Wohlfühloase

Die Bodenständigkeit ist ein weiteres besonderes Merkmal des Stürmers, egal ob im sportlichen, beruflichen oder auch privaten Bereich. Seit 1988 ist er Mitglied im TuS Sudweyhe, bestritt dort im Jahr 1992 sein erstes Spiel. Seit 2005 gehörte er dem Kader der ersten Herren an. Auch im beruflichen Bereich mag es Riekers bodenständig, machte seine Ausbildung bei einem Fachgroßhandel für Haustechnik in Stuhr und ist dort mittlerweile im Verkauf tätig. Privat ist er seit zwei Jahren mit seiner Frau Isabell verheiratet. Im September erwartet das Paar Nachwuchs. „Es wird ein Sohn“, verrät Riekers. Selbst seinem beliebten Urlaubs-Domizil Cala Ratjada auf Mallorca hält er seit Ewigkeiten die Treue. Dorthin entführten ihn seine Mannschafts-Kameraden einst zum Junggesellen-Abschied und hier machte er seiner Isabell den Heiratsantrag. Die jüngste Abschlussfahrt mit seiner Mannschaft führte ihn vor Kurzem erneut in den Ferienort an der Nordostküste Mallorcas.

Riekers hat beim TuS Sudweyhe allerhand erlebt. Er feierte drei Aufstiege, betrauerte aber auch zwei Abstiege. Ganz bitter war der im Jahr 2011: Nachdem die Sudweyher kurz nach der Winterpause den fünften Rang in der Bezirksliga belegt hatten, rutschten sie noch auf den Relegationsplatz ab. Im Relegationsspiel beim TSV Loccum durchlebte Riekers den nächsten dunklen Moment seiner Laufbahn: Sein Kreuzband riss, er musste zehn Monate pausieren. Sein Klub stieg nach Niederlagen gegen Loccum und Godshorn ab. Wenige Monate später trat Rainer Klausmann die Nachfolge des langjährigen Coaches Jürgen Maltzahn an. Trotz vorheriger Zusage für eine weitere Spielzeit erhielt Klausmann nach Saisonschluss den Laufpass, Wilco Freund und Dominik Voglsinger lösten ihn ab. Das missfiel Riekers, der sich öffentlich hinter Klausmann stellte und das Handeln des Vorstands als moralische Frechheit bezeichnete. Die nächste Nagelprobe für den Kapitän sollte bald folgen.

Berufung ins Allstar-Team

Unter Freund/Voglsinger stieg der TuS zwar wieder in den Bezirk auf, doch das Verhältnis zwischen dem Team und den Trainern war zerrüttet. „Fachlich und vor allem im taktischen Bereich haben die beiden uns enorm nach vorne gebracht. Doch das Pensum, drei Trainingseinheiten pro Woche, war für die meisten von uns nicht zu stemmen. Es fehlte der menschliche Aspekt. Es passte einfach nicht. Wir haben als Mannschaft die Notbremse gezogen. Ich habe dann als Kapitän den Kopf dafür hingehalten.“ Während Voglsinger bereits zuvor zum VSK Osterholz-Scharmbeck gewechselt war, wurde Freund von Uwe Behrens abgelöst, unter dem sich die Elf bis auf den vierten Rang vorarbeitete. „Der Erfolg hat uns da Recht gegeben“, betrachtet Riekers die damalige Situation.

Gern erinnert sich der Vollblutstürmer zurück an den Kreispokalsieg im Jahr 2009 gegen den TSV Wetschen. Im Elfmeterschießen verwandelte Riekers den entscheidenden Strafstoß. Ein weiterer Höhepunkt war die Berufung in ein Diepholzer Kreisliga-Allstar-Team, das im Jahr 2014 in Mörsen-Scharrendorf gegen den Regionalligisten SV Werder Bremen II antrat. Das Spiel wurde wegen eines starken Gewitters nach 20 Minuten abgebrochen und wenige Wochen später erneut angesetzt. Anstelle von Werders Regionalliga-Elf lief jetzt ein Werder-Allstar-Team auf, bei dem unter anderem Frank Baumann, Viktor Skripnik, Rouven Schröder und Mirko Votava mitwirkten. Schröder, heute als Sportvorstand des Bundesligisten FSV Mainz 05 tätig, hütete damals das Tor. „Dem habe ich sogar noch einen Treffer eingeschenkt“, erinnert sich Riekers gerne zurück an das 4:4. Eine große Geste ließ Riekers in der Saison 2013/14 folgen und verhalf den Sudweyhern am Ende der Serie zu einem Fair-Play-Preis. Im Derby beim SV Dreye hatte er das Leder mit der Hand über die Torlinie bugsiert. Riekers ging zum Unparteiischen und gab das zu. Daraufhin nahm dieser die Tor-Entscheidung zurück. Die Sudweyher gewannen dennoch mit 1:0 und sicherten sich am Ende die Meisterschaft.

Ins Grübeln, seinen TuS zu verlassen, kam Riekers nur einmal. In der Abstiegssaison 2010/11 streckte der Bremen-Ligist Brinkumer SV seine Fühler nach dem Torjäger aus. „Ich hatte 23 oder 24 Treffer erzielt und habe mir im Relegationsspiel in Loccum dann den Kreuzbandriss zugezogen. Der damalige Brinkumer Teammanager Frank Kunzendorf hat mir sofort einen MRT-Termin besorgt und an mir festgehalten. Sein Engagement hat mir sehr imponiert. Doch ich konnte den Verein nach dem Abstieg niemals verlassen und wollte den Karren aus dem Dreck ziehen. Hinzu kam die schwere Verletzung“, verriet Riekers, warum er den Brinkumern absagte.

Es waren auch die vielen geselligen Momente, die der 33-Jährige während seiner Laufbahn genoss. In der Saison 2005/06 gelang Riekers gegen den TSV Wetschen sein erstes Tor im Herrenbereich. „Danach wurde ich das erste Mal von den älteren Mitspielern eingeladen“, berichtet er. Genauso unvergessen waren die Abende in Jürgen Maltzahns Partyhütte oder in der einstigen familieneigenen Kneipe des Sudweyher Wirtspaares Linda und Günter Sudmann.

Erst einmal Abstand gewinnen

Den Zeitpunkt, jetzt aufzuhören, hielt Riekers für richtig. „Im September erwarten wir Nachwuchs. Ich möchte mich dann mehr meiner Familie widmen. Zudem machen mir meine anhaltenden Knie- und Hüftbeschwerden immer mehr zu schaffen. Außerdem steigen viele hoffnungsvolle A-Junioren in den Herrenbereich auf, denen ich nicht im Weg stehen möchte. Daher war es Zeit, Platz zu machen. Wichtig war für mich, als Leistungsträger aufzuhören“, erklärt Riekers. „Aufgrund seines Charakters und reichlichen Erfahrungsschatzes kann ich mir Nico durchaus als Trainer, beispielsweise in unserem Jugendbereich, vorstellen“, sagt sein Coach Christian Mach. „Anfragen waren schon da, entweder etwas im Trainerbereich oder in der Spartenleitung zu machen oder aber in diversen Ü32-Teams mitzuwirken. Doch die Distanz ist noch nicht groß genug. Zunächst einmal möchte ich Abstand gewinnen“, sagt Riekers.

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