Germania Leeste Schützen suchen neues Domizil

Der Schützenverein Germania Leeste droht heimatlos zu werden. Er verliert sein bisheriges Domizil und sucht seit anderthalb Jahren nach einer Möglichkeit, sesshaft zu bleiben.
18.02.2020, 18:53
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Schützen suchen neues Domizil
Von Alexandra Penth

Fast jeder Quadratmeter des Domizils trägt die lange Tradition des Schützenvereins Germania Leeste in sich. Auszeichnungen auf dunklen Holztafeln verteilen sich über eine ganze Wandlänge. Und das sind nicht einmal ansatzweise alle, sagt Schütze Lübbo Schönberger. Pokale drängen sich hinter dem Glas einer Vitrine aneinander. Beinahe alle Schützenkönige, Alterskönige und Damenköniginnen aus 117 Jahren Vereinsgeschichte wachen in gerahmten Porträtaufnahmen über den Kleinkaliber-Schießstand.

Doch es droht ein Riss durch das Domizil an der Leester Straße hinter dem Restaurant Wessels zu gehen. Und das buchstäblich. Der Vermieter hat andere Pläne mit dem Grundstück, auf dem sich das Schützenhaus befindet. Weil das Restaurant Wessels ein Clubzimmer bekommen soll und mehr Parkplätze benötigt werden, müsste eine neue Einfahrt von der Ladestraße aus direkt hinter dem jetzigen Vereinsheim geschaffen werden. Dafür müssten gut zehn Meter des Luftgewehr-Schießstandes weichen. Das wären die vier Bahnen, die sich von der Tür aus rechts parallel zur Ladestraße raus befinden. Zwischen 2005 und 2006 hatte der Verein die nicht mehr benutzte Kegelbahn zum Schießstand umgebaut. Lübbo Schönberger war 21 Jahre im Vereinsvorstand tätig, legt nun die Hand auf dem Tresen ab, von dem aus geschossen wird. „Bis zu dieser Kante ungefähr soll das wegkommen“, erklärt er. Schönberger ist einer der aktuell vier Mitglieder der Arbeitsgruppe „Neue Heimat“, die sich um die Zukunft des Schützendomizils bemüht.

Die ursprünglich fünf Mitglieder hatten sich zusammengetan, nachdem der Mietvertrag im August 2018 gekündigt worden war. Er läuft zum 30. April 2020 aus. „Wir verhandeln jetzt mit dem Vermieter über eine Verlängerung“, sagt Schönberger. Der habe bereits zugesagt, dass das Schützenfest im Juni noch am alten Standort stattfinden kann. Der erste Teil des Umbaus, also die Wegnahme des Bereichs mit dem Luftgewehr-Stand, soll voraussichtlich im September beginnen.

Schönberger, 77 Jahre, hat eine schwarze Mappe in das Vereinsheim mitgebracht, aus der er per Hand gezeichnete Entwürfe hervorzieht. Die Räume, wie sie sich der Verein zukünftig vorstellt, hat er aufgemalt und seitlich mit Meterangaben versehen. Auf einen großen Teil der rund 1800 Quadratmeter, die den Schützen jetzt zur Verfügung stehen, würden sie verzichten. Schönberger kommt mit seinen Plänen auf 130 Quadratmeter. Der Luftgewehrstand mit 13 mal sechs Metern könne demnach auch als Veranstaltungsraum dienen. Hinzu kommen Nebenräume mit Küche, Toiletten, Vorraum und Waffenkammer. Den Entwurf hat die Arbeitsgruppe dem Vermieter zur Verfügung gestellt, für den Fall, dass er „neu baut und uns berücksichtigt“, sagt Schönberger. 1953 war das Gebäude hinter dem Restaurant eingeweiht worden, in früherer Zeit schoss der Schützenverein draußen in einem Zelt. Der Vertrag mit dem jetzigen Vermieter war 2004 geschlossen worden.

Seit die Zukunft des Domizils ungewiss ist, haben sich die Schützen in Leeste nach Alternativen umgesehen. Auf den Kleinkaliber-Stand und viel Platz würden die Schützen auch da verzichten. „Bei Preisen um die 300 Euro pro Quadratmeter ist gar nicht daran zu denken, sich 1000 Quadratmeter anschaffen zu können“, erklärt Schönberger den Hintergrund. In Leeste ist derzeit viel im Umbruch, sagt er. Ob Leister Platz, Bahnhofsumfeld oder Henry-Wetjen-Platz – überall sind Umbauten geplant. „Leeste verliert allmählich sein Gesicht“, sagt er. Die Liste mit möglichen Standorten in der schwarzen Mappe des Schützen ist lang. Die Alte Wache am Henry-Wetjen-Platz, das Event-Center, der Bahnhof Leeste, das leerstehende Gebäude der ehemaligen Möbelei oder die Zentralsportanlage? Überall Fehlanzeige. Entweder ist der Platz das Problem, eine Mitnutzung schlichtweg nicht möglich oder die Umbauten sind zu teuer. Beim „Irrgarten“ hatten sich die Schützen ein Einfamilienhaus angesehen. Doch die Länge reichte nicht für einen Luftgewehr-Stand aus und der Umbau hätte den Verein zwischen 30 000 und 70 000 Euro gekostet, sagt Schönberger.

Die Schützen haben auch bei der Gemeinde nachgefragt, ob es Liegenschaften gibt, die der Verein nutzen könnte. Auch da habe es bislang Abfuhren gegeben. Die Verwaltung bestätigt auf Nachfrage, dass Stadtplaner Christian Silberhorn bei der Standortsuche mit eingebunden ist. „Wir versuchen, bei Gesprächen zu vermitteln und zu helfen, dass es bei den Schützen weitergeht“, sagt er.

Verlässt man Leeste, finden sich vermehrt leerstehende Objekte wie etwa Resthöfe. Ein Ortswechsel aber kommt für den seit 1903 bestehenden Verein mit aktuell 140 Mitgliedern nicht infrage. Dann würde es einige Austritte geben, ist sich Schönberger sicher. Er findet zudem: „Der Leester Schützenverein in Kirchweyhe – das macht sich nicht gut.“

Nach dem Eintreten des Ernstfalls gefragt, lehnt sich Schönberger, seit 1974 bei den Schützen, im Stuhl im dunkel möblierten Gemeinschaftsraum zurück und atmet tief durch: „Übergangsweise müssten wir das Schießen einstellen und bei befreundeten Vereinen unsere Übungen abhalten“, antwortet er dann. Für Veranstaltungen müsste Germania Leeste Vereinbarungen mit Gaststätten treffen. Die Gemeinde Weyhe empfiehlt Germania Leeste, eine Kooperation mit dem Schützenverein Melchiorshausen einzugehen und deren Anlage mit zu nutzen, heißt es aus dem Rathaus. Silberhorn verweist dabei auf die lange Verbundenheit beider Vereine.

Ein festes Domizil aber, in dem sich Sport- und Traditionsschützen treffen, gebe es dann nicht mehr. Daran möchte Schönberger noch gar nicht denken. Er habe weitere Pläne im Kopf. Und die Hoffnung, sagt er, gibt er so schnell nicht auf.

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