Tischtennis

Hier kommt Shahla

2014 kam sie aus dem Iran nach Weyhe. Tischtennis hat Shahla Ameri geholfen, Anschluss zu finden. Als Schiedsrichterin ist sie auf internationalen Topturnieren unterwegs.
23.03.2020, 15:38
Lesedauer: 7 Min
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Von Thorin Mentrup
Hier kommt Shahla

Shahla Ameri war unter anderem bei den German Open in Bremen im Einsatz. Sie ist Schiedsrichterin aus Leidenschaft.

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Weyhe. Auf Shahla Ameri hören sie alle – zumindest, wenn sie einen Schläger in der Hand halten. Sogar Timo Boll, einer der ganz Großen im Tischtennis. In dieser Sportart hat Ameri vor langer Zeit ihre Leidenschaft gefunden. Sie spielt selbst, ist sogar zertifizierte Trainerin, hat sich aber vor allem einen Namen als Schiedsrichterin gemacht. Die Iranerin, die 2014 aus ihrer Heimat flüchtete, nun in Weyhe wohnt und für die SV Kirchweyhe aktiv ist, ist auf Turnieren mit internationalen Stars tätig. Sie war bereits bei der Weltmeisterschaft in Düsseldorf 2017 dabei, ist in der Bundesliga im Einsatz oder zuletzt bei den German Open in Magdeburg. Und sie hat noch einiges vor.

Im Mittelpunkt steht Ameri nicht, wenn sich die besten Spieler der Welt einen spektakulären Schlagabtausch mit den Kunststoff-Bällen liefern. Sie ist, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, eher eine Randfigur. „Aber das ist nicht schlimm“, ist ihr das Rampenlicht nicht wichtig. Sie liebe einfach nur den Sport, erklärt sie. Und als Schiedsrichterin trägt sie auf allerhöchstem Niveau Sorge dafür, dass das Spiel in geregelten Bahnen verläuft.

Erst Volleyball, dann Tischtennis

Es ist vielleicht die Eigenschaft, sich zurücknehmen zu können und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, die Ameri zu einer angesehenen Schiedsrichterin macht und die ihr Freunde rund um den Globus beschert hat: im Iran, in Malaysia, in Syrien, in Schweden, in Japan, in der Schweiz, in England und natürlich in Deutschland. Die gebürtige Iranerin ist der beste Beleg dafür, dass Sport verbindet. Ganz sicher fußt ihr Ansehen aber auch darauf, dass sie genau versteht, was den Aktiven während des Matches durch den Kopf geht. Denn Ameri hat selbst genügend Erfahrung als Spielerin gesammelt. Noch immer schlägt sie für die neunte Mannschaft der SV Kirchweyhe in der 3. Kreisklasse auf – dort, wo keine offiziellen Oberschiedsrichter im Einsatz sind, sondern in der Regel die Spieler jeder Mannschaft als Schiedsrichter am Tisch die Punkte zählen. Auf diesem Niveau spielt sie noch immer überaus erfolgreich: 16 Siegen stehen in ihrer Einzelbilanz lediglich zwei Niederlagen gegenüber. Von ungefähr kommt das nicht: Schließlich hat sie im Iran selbst auf höchstem Niveau gespielt. Ganz oben war das, eine andere Welt als die 3. Kreisklasse. Aber es war auch eine andere Zeit in ihrem Leben.

„Ich habe in der Schule mit dem Tischtennisspielen angefangen“, erzählt Ameri. Sie war eigentlich Volleyballerin, eine richtig gute Spielerin sogar, wie sie stolz ergänzt. Sie probierte sich aber auch im Handball und in der Gymnastik, hat sogar 15 Jahre Fußball in der Halle gespielt – eine sportliche Rundumausbildung also, zu der sich auch Tischtennis gesellte. „Das war meine größte Leidenschaft“, erklärt Ameri, das Multitalent. Eine Freundin habe sie zu dem Sport gebracht. „Wir haben am Anfang in der Pause gespielt. Es hat mir sofort gefallen, und von ihr habe ich auch einiges gelernt“, erinnert sie sich. Sie war auf Anhieb ziemlich gut, ließ bald sogar ihre Freundin hinter sich, gewann Turniere. Also spielte sie immer intensiver. Tischtennis war jetzt Ameris Sport.

Tischtennis für Flüchtlinge

Shahla Ameri engagiert sich für Flüchtlinge. Auf diesem Foto von 2016 zeigt sie einem Jungen, wie er den Tischtennisschläger richtig hält.

Foto: Udo Meissner

Als Spielerin schaffte sie es bis ganz nach oben. Aufgeschlagen habe sie für eine Mannschaft der „Oil company“, wie sie sagt, der Öl-Firma also, in der ihr Vater gearbeitet habe. „Da haben wir alles bekommen“, fehlte es ihr an nichts. In der höchsten Spielklasse sei ihre Mannschaft meist Zweiter geworden. Ameri zählte zur Tischtennis-Elite des Landes. Als sie 18 Jahre alt war, bestand sie ihre erste Schiedsrichterprüfung, ließ sich darüber hinaus auch zur Trainerin ausbilden. „Aber ich mag es nicht, Coach zu sein. Das ist nicht meins“, fühlte sie sich mehr zur Schiedsrichterei hingezogen. Was ihr daran damals wie heute gefällt? „Es gibt immer etwas Neues. Ich lerne in jedem Spiel etwas dazu.“ Sie war häufig als Oberschiedsrichterin im Einsatz, in erster Linie aber äußerst gefragt: „Manchmal war ich an 15 Tagen im Monat unterwegs.“ Tischtennis nonstop. Überall, wo sie auftauchte, freuten sich die Aktiven. „Sie haben immer gesagt: Oh, wie schön, Shahla kommt!“, erinnert sich die 50-Jährige und muss dabei grinsen. Viel mehr Lob kann eine Schiedsrichterin nicht bekommen – egal in welcher Sportart. Im Jahr 2006 wurde sie internationale Unparteiische, wurde in den Listen des Tischtennisweltverbandes ITTF geführt.

Probleme mit den Spielern habe sie eigentlich nie, damals nicht und heute auch nicht, erzählt Ameri. Sie setzt auf ihre eigenen Erfahrungen. Ihr gelingt dadurch etwas Entscheidendes: Sie findet den richtigen Zugang zu den Akteuren. „Ich weiß, was sie denken und fühlen, weil ich selber gespielt habe. Ich rede mit ihnen und kann zugeben, wenn ich einen Fehler mache. Manchmal sehe ich auch nicht alles. Dann frage ich nach“, bleibt sie authentisch. Sie begegnet den Akteuren auf Augenhöhe, ist freundlich, aber auch bestimmt. Natürlich gebe es auch mal Diskussionen. Bevor diese ausufern, zieht Ameri allerdings eine klare Linie. „Dann sage ich: Schluss. Punkt. Ich bin Schiedsrichter.“ Dann muss selbst einer wie Timo Boll klein beigeben.

Dass sie so deutlich zeigen muss, wer am längeren Hebel sitzt, hat Ameri selten erlebt. Erst zweimal in ihrer Laufbahn habe sie eine Gelbe Karte zeigen müssen, sagt sie. Einmal bei einem internationalen Einsatz, als ein Spieler einen Ball ohne Rücksprache mit ihr zerdrückt habe. „Er meinte, der Ball wäre kaputt. Aber das muss ich als Schiedsrichterin kontrollieren. Das hat nicht er zu entscheiden.“ Das zweite Vergehen war dann bereits in Deutschland. „Ein Spieler hat seinen Schläger geworfen“, erinnert sie sich. Da kam sie um die Verwarnung nicht herum. „Ich finde, Regel ist Regel“, lautet ihr Grundsatz.

Jeden Tag lernt sie Deutsch

Diese Prinzipientreue kommt gut an. Auch in Deutschland, wo der Tischtennissport ein wichtiger Faktor für Ameris Integration war. Sie selbst machte sich damals auf die Suche nach einem Klub. „Ich habe überall gefragt, wo ich einen Tischtennisverein finde. Ich war sogar bei der Polizei“, erinnert sie sich. Sie lacht. Heute würde sie die Suche sicher anders angehen. Vor einigen Jahren aber war sie neu in Deutschland, neu in Weyhe. „Ich bin der SV Kirchweyhe sehr dankbar“, sagt sie. Deren Tischtennisabteilung um Meike Stieg habe es ihr leicht gemacht, Zugang zu finden. Die Mitglieder richteten sogar ihre Wohnung her, schufen ihr ein gemütliches Heim. Ameri hilft derweil Flüchtlingen bei der Integration. „Ich kenne beide Kulturen. Die Menschen vertrauen mir“, ist sie das perfekte Bindeglied. Sie tut viel dafür, um andere zu unterstützen, aber sie arbeitet auch hart an sich selbst. Sie büffelt jeden Tag Deutsch. „Ich habe immer meine Bücher dabei“, erklärt sie. Sie verstehe noch nicht alles. „Deutsch ist keine einfache Sprache“, weiß sie nur zu gut, was viele andere beim Lernen ebenfalls leidvoll erfahren. Aber sie werde immer besser. Das soll ihr auch bei ihrer Leidenschaft Tischtennis zugute kommen. „Es ist einfacher, wenn man die Sprache versteht“, weiß sie. Ratlos ist sie aber nicht, wenn es mal in der Kommunikation hapert. Schließlich beherrscht sie unter anderem auch Englisch und Persisch. Außerdem gibt es nicht nur die verbale Verständigung. „Auch der Körper spricht viel“, erkennt sie vieles durch das genaue Beobachten. Schiedsrichter zu sein bedeute viel mehr als Punkte zu zählen.

Tischtennis German Open in Bremen - Timo Boll

Auch bei Spielen des deutschen Weltstars Timo Boll war Shahla Ameri bereits Schiedsrichterin.

Foto: Koch

Eintönigkeit kennt Ameri nicht. Genauso wenig wie Nervosität. Das liege ihr fern. „Ich war früher nie nervös, und das bin ich heute auch nicht. Ich mache einfach meine Aufgabe, egal wer da kommt“, bekräftigt sie. Sofort pfeifen durfte sie in Deutschland allerdings nicht. Ein Besuch bei den German Open, einem der Topturniere im Tischtenniskalender, in Berlin öffnete ihr die Türen. Dort habe sie, so berichtet Ameri, den Präsidenten des Deutschen Tischtennisbundes getroffen: Michael Geiger, als Blue-Badge-Schiedsrichter selbst Unparteiischer auf allerhöchstem Niveau. Ihm habe sie erzählt, dass sie internationale Schiedsrichterin sei. „Dann ging alles ganz schnell“, blickt sie zurück. Er habe sich gewundert, warum sie nicht pfeife und ihr dann dabei geholfen, wieder das machen zu können, was ihr besonders viel Spaß macht: Tischtennis-Schiedsrichterin sein. Nach einer Prüfung durfte Ameri dieser Leidenschaft wieder nachgehen. Das bestätigt sie in ihrer Ansicht: „Man muss sich seinen Weg suchen. Man darf nicht nur sitzen und warten. Das klappt nicht.“ Manchmal gehört aber auch eine Portion Glück dazu. Wie in Berlin.

Ameri ist eine von mehr als 5000 Schiedsrichtern in Deutschland. „Das ist eine große Familie, zu der auch alle Spieler gehören“, verweist sie auf einen besonderen Zusammenhalt, der für sie auch über die Landesgrenzen hinaus besteht. Das spürt sie besonders auf den großen Turnieren. Die Weltmeisterschaft in Düsseldorf war einer der Höhepunkte. „Es war meine erste WM. Das war ganz toll für mich“, ist sie dankbar für eine Erfahrung, die sie nicht vergessen wird – und für die sie bei der Weyher Sportlerehrung die Goldene Verdienstmedaille erhielt. Zu Beginn dieses Jahres reiste sie als Schiedsrichterin zu den German Open, dieses Mal nach Magdeburg. In Bremen hatte sie bei diesem Turnier bereits Erfahrung gesammelt. Ameri ist bei den größten Veranstaltungen gefragt. Die German Open zählten zu den sogenannten Platinum-Events, Turnieren der höchsten Kategorie also. Treffpunkte der Weltstars. Und Ameri ist wieder mittendrin. „Das freut mich. Ich genieße das“, sagt sie. Ihre Ansprüche an sich selbst bleiben dagegen hoch: Sie will wie die besten Akteure der Welt Top-Leistungen bringen. Auch wenn sie nicht so sehr im Rampenlicht steht. Und sie will sich weiter verbessern. Sie will Blue-Badge-Schiedsrichterin werden, zur absoluten Unparteiischen-Elite zählen. Die Prüfung habe sie vor vielen Jahren bereits einmal versucht, aber nicht geschafft. Doch sie will einen neuen Anlauf nehmen. Ihren Weg finden, das kann Ameri schließlich. Bis dahin wird sie weiter Spiele leiten, zum Beispiel beim Bundesligisten Werder Bremen. Dort ist es mittlerweile wie damals im Iran. Wenn sie die Halle betritt, sagen alle: „Oh, wie schön! Shahla kommt!“

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