„Starfighter“-Pilot Rolf Stünkel

Gelassen in der Luft und am Boden

Im „Starfighter“, in Boeings, in Cessnas: Rolf Stünkel aus Kirchweyhe ging und geht noch immer als fliegerischer Tausendsassa in die Luft. Noch dazu ist er freier Autor und Hobbymusiker.
05.01.2021, 18:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Maike Plaggenborg
Gelassen in der Luft und am Boden

Helm und Steuerknüppel hat der frühere „Starfighter“-Pilot Rolf Stünkel noch aus dem Düsenjäger. Der Kirchweyher spielt außerdem Klavier.

Vasil Dinev

Lauter Phrasen fallen Rolf Stünkel ein, wenn er seine Haltung zum Leben beschreibt. „Man lebt nur einmal“, „Geht nicht, gibt´s nicht“ und auch den Kalenderspruch „Carpe diem“ nennt er der Verdeutlichung halber. Wie auch immer man es nennen möge: Der Pilot aus Kirchweyhe entdeckte in diversen Cockpits, auch in dem eines Starfighters, seine Glücksfähigkeit. Vielleicht führte selbige ihn aber auch genau dorthin. So genau weiß er das nicht. Eines jedoch weiß er über die Entscheidung, eben genau seine Laufbahn eingeschlagen zu haben, sehr genau: „Seitdem ist das Leben nur noch schön.“ Und das kann Stünkel nur mit einem aufrechten Lächeln sagen, obwohl ihn einst der Kummer zum Fliegen brachte.

„Man nimmt sich selbst nicht so ernst“, beschreibt Stünkel seine Lehre aus seinem Beruf. Zuletzt steuerte er Passagiermaschinen der Lufthansa. Seine Wege brachten ihn nach Südamerika, Nordamerika, Russland, Japan, Island, auf den afrikanischen Kontinent unter anderem. Dann sitze man „da oben mit Schlips und Kragen“, drei Millimeter Aluminium trennten einen von einer Außentemperatur von minus 56 Grad, all das in einer Höhe von zehn Kilometern bei hoher Geschwindigkeit, wie er sagt. „Absolut lebensfeindlich“ nennt der Pilot diese Umgebung, die ihn gleichermaßen begeistert. Das gleißende Licht auf Gletschern etwa oder die Nordlichter, die er als „großen Duschvorhang“ bezeichnet. „Ich fliege so gerne Nordatlantik“, sagt er. Alle 30 Sekunden könne man dort eine Sternschnuppe zählen. Demütig und dankbar mache einen das. „Man weiß, wie privilegiert man ist. Man genießt jede Stunde da oben.“

Und dann denke man an zu Hause. Auch an Probleme. Und die löst man unten, „als wenn oben ein Triebwerk brennt“ – methodisch nämlich. So, wie er und seine Berufskollegen so etwas im Crew Ressource Management gelernt haben. Da bespricht man sich im Team. „Dann wird eine Entscheidung getroffen, mit der alle leben können. Das ist Fliegerei.“ Und Leben zugleich. Stünkel spricht von einem „sehr glücklichen Berufsleben“ und einer „kollegialen Branche“ mit einem „freundlichen Umgangston“.

Grundsätzlich wichtig ist, dass man nicht in Panik gerät, sagt der gelassene Kirchweyher. „Panik im Flugzeug ist schlecht.“ Weder die noch Angst kennt er aus besagtem Berufsleben. Und das begann nach der Geburt in Hildesheim, ersten Lebensjahren in Uelzen, Clausthal-Zellerfeld, der letzten Schulzeit in Oldenburg und dem Abitur in Wilhelmshaven bei der Marine, wo er gleich in die Offizierslaufbahn einstieg und sich für vier Jahre verpflichten ließ. Nach der Hälfte der Zeit kam es zu besagtem kummervollem Schlüsselerlebnis. Stünkel hatte Liebeskummer, woraufhin er mit zwei Kameraden zum Fallschirmspringen auf die niederländische Insel Texel fuhr. Nach acht Sprüngen aus einer Cessna und dem Anblick des Piloten – „der Typ hatte eine schicke Sonnenbrille auf und trug eine blaue Jacke mit weißem Pelz“ – war es in anderer Weise um ihn geschehen. „Da hab ich mich umorientiert.“ Stünkel wollte fortan fliegen und nicht mehr zur See fahren. 20 Jahre war er da alt. Nach mehreren medizinischen Tests wurde er für jet-tauglich befunden – in der besten Stufe, also 1 A. Mit 22 startete die Düsenflugzeug-Ausbildung bei der Airforce in Texas und Arizona, wo er zum „Starfighter“-Piloten wurde. Als solcher raste er in den 70er-Jahren mit einer Geschwindigkeit von 2400 Kilometern pro Stunde durch die Luft.

Ab 1979 wird der Marinefliegerhorst Schleswig-Jagel Dienstort des heute 66-Jährigen. Schließlich steht eine Admiralstabsausbildung in Paris an. „Ich sah mich schon am Schreibtisch sitzen“, befürchtete Stünkel seinerzeit und sagt sich: „Nein, dafür bist du nicht ausgebildet.“ Und überhaupt: „Ich wollte nie immer nur Militär- oder Verkehrspilot sein“ und bewarb sich mit Anfang 30 „heimlich bei zivilen Airlines“ – bei allen, die es gab und zwar „schön mit Opas Schreibmaschine“. Ab 1989 flog er 70 verschiedene Ziele ab Frankfurt und pendelte dorthin von Jever aus zum Bremer Flughafen und von dort weiter. Weil Frankfurt sich als Wohnort als zu teuer erwies, fiel die Wahl auf das zumindest dem Bremer Flughafen nahe gelegene Kirchweyhe. Dort baute er vor ziemlich genau 30 Jahren und sechs Tagen. Der Umzug war an Silvester 1990. Acht Jahre später wechselte er vom Co-Piloten zum Kapitän.

Jetzt, wo er mit seinen 66 Jahren das gesetzliche Pilotenalter um ein Jahr überschritten hat und nicht mehr fliegen darf, arbeitet er bei einer Lufthansa-Tochter als Ausbilder für Simulatortätigkeit. Die medizinischen Tests gehen weiter, eine Fluglizenz hat er nur noch für den Airbus A 320. Aber privat geht Stünkel noch regelmäßig in die Luft. Mit einer Cessna fliegt er nebenbei bereits schon seit den 1970er-Jahren, inzwischen einmal im Monat etwa mit einer „Altherren-Truppe“ eines Lufthansa-Vereins nach Polen, Tschechien oder auch Schweden.

Nicht nur die Praxis, auch die Fliegertheorie sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil in Stünkels Leben, der inzwischen vier Bücher geschrieben hat über seine Zeit im Starfighter, die Arbeit von Piloten oder auch die am Flughafen und im Tower. Das fünfte Buch ist in Arbeit: Thema Flugangst, wobei er zusätzlich an Seminaren für künftig angstfreie Fluggäste mitwirkt. Noch dazu arbeitet er als freier Journalist für fünf verschiedene Fachzeitschriften, darunter zur Marine- und Schifffahrtsgeschichte sowie unregelmäßig auch für die Süddeutsche Zeitung.

„Ich habe eine super Familie, eine super Frau, einen super Hund. Jeder Tag ist spannend und abwechslungsreich“, sagt der siebenfache Vater voller Zufriedenheit, der nun nicht mehr im New Yorker Central Park joggen geht, sondern in Kirchweyhe mit dem Hund spazieren. Zur Zufriedenheit trägt auch seine Musik bei. Stünkel spielt Klavier und ist als Mitglied in mehreren Bremer Bands in der Jazzszene dort unterwegs. „Man muss aufeinander hören“, sagt er über den Spaß am gemeinsamen Spiel.

Übrigens: Gymnasiallehrer für Englisch, Französisch und vielleicht noch Musik wäre sein Plan B gewesen. Stünkel-typisch sagt dieser: „Ich wäre bestimmt auch ein glücklicher Lehrer geworden.“

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