Poetry am Gleis

Von Alltagskomik bis Sozialkritik

Mit einer Poetry-Show im Sudweyher Bahnhof bewiesen William Laing, Conny Fauck und Mirko Gilster, wie vielfältig Dichtkunst ist. Dabei waren auch Unterschiede bei ihren Stilen erkennbar.
01.03.2020, 18:20
Lesedauer: 2 Min
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Von Niklas Golitschek
Von Alltagskomik bis Sozialkritik

Gesellschaftskritik verpackt in wohlklingende Worte: Mirko Gilster aus Oldenburg positionierte sich in seinem Beitrag klar gegen Faschismus und Gruppenzwang.

Weyhe-Sudweyhe. Premiere im Sudweyher Bahnhof: Bei Poetry Slams ist Martin Wolkenhauer von Slammer Filet eigentlich an der Kasse anzutreffen, die er für den Veranstalter verwaltet. Doch am Sonnabend musste er bei Poetry am Gleis selbst das Mikrofon in die Hand nehmen – Moderator Sebastian Butte fiel kurzfristig erkrankt aus, also musste Wolkenhauer ran.

Doch von Nervosität war ihm nur wenig anzumerken, auch wenn er sie selbst einräumte. Gekonnt führte der improvisierte Moderator durch das Programm mit seinen drei Künstlern und versprach auch nicht zu viel, als er mit William Laing, Conny Fauck und Mirko Gilster drei durchaus verschiedene Stile versprach. Alle drei haben in den vergangenen Jahren bereits landes- bis bundesweit auf sich aufmerksam gemacht und boten auch im mit 60 Besuchern ausverkauften Sudweyher Bahnhof hochklassige Dichtkunst.

Allerdings handelte es sich dabei um keinen klassischen Slam im Sinne eines Wettbewerbs, vielmehr kündigte Wolkenhauer die kommenden zwei Stunden als Poetry-Show an. Das Publikum sollte also nicht die Auftritte der Künstler bewerten und auch am Ende keinen Sieger küren. Stattdessen durften die Zuschauer mehrere Werke der drei hören.

Laing konzentrierte sich auf Szenen aus dem Alltag und startete mit einem Text über einen Schwarm und die Schwierigkeit, einen interessant wirkenden Menschen anzusprechen. Dabei wäre es doch eigentlich einfach, mit „wie geht’s?“ ein Gespräch zu beginnen – doch was, wenn die Reaktion schnippisch ausfällt? Humorvoll legte er die Selbstzweifel und Befürchtungen dar. Später widmete er sich den deutschen Umlauten und dem Unverständnis seines schottischen Vaters dafür. Vom „verzweifelten Versuch, Pünktchen auf Buchstaben zu setzen“, um das Sprachinventar zu erweitern sprach er da und witzelte unter Gelächter des Publikums: „Geben wir sie doch lieber dem HSV.“ Als studierter Kulturwissenschaftler ließ er sich außerdem über das Studentenleben zwischen Faulheit, Druck und gesammelter Lebenserfahrung aus. Seinen Auftritt schloss er mit einem Erfahrungsbericht als Jugendbetreuer im Zeltlager und diesem einen speziellen Kind, das zwar viele Nerven raubt, aber am Ende doch auf eine tolle Zeit zurückblickt.

Deutlich politischer und kritischer ging es bei Conny Fauck zu. Die Rotenburgerin präsentierte mit „Schiffe versenken“ zunächst einen beklemmenden und bedrückenden Text über einen Menschen, der auf der Flucht über das Mittelmeer ertrinkt. „Es wird ein Mensch vermisst. Er hat keinen Namen und kein Gesicht“, wiederholte sie immer wieder, kritisierte Gesellschaft und Politik für den gleichgültigen bis ablehnenden Umgang damit und schloss: „Stell dir vor, dass du das bist.“ Doch Fauck hatte auch stimmungsvollere Themen im Repertoire, von der befreienden Wirkung des Tanzes, den Vorzügen von Falten und wie schön das Leben sein könnte, wenn es nicht die schlechten Seiten gäbe.

Ebenfalls ein großes Spektrum deckte Mirko Gilster ab. Der Oldenburger bot zunächst eine Parabel – kein Märchen, wie er betonte – über den Untergang der Zwerge, verbunden mit einer Kritik am zerstörerischen Umgang der Menschen mit ihrem Planeten. „Wir können weiter schürfen, aber der Berg wird langsam wach“, mahnte er. Mit seinen weiteren Texten stellte er sich klar gegen Faschismus und Gruppenzwang, kritisierte den „grauen Überwachungsstaat“, in dem das Individuum allmählich in der Masse verschwinde. Wie der Mensch die Menschlichkeit verliert und die Wut eines jungen Menschen auf das System ihn in falsche Bahnen lenken kann – oder dass er am Ende etwas bewirkt.

Mit diesen unterschiedlichen Stilen, die sich auch am Auftritt auf der Bühne deutlich bemerkbar machten, lieferten die drei Künstler eine breite wie gelungene Palette an Poetry.

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