Gemeinsames Gedenken in Leeste Von Zivilcourage, Schuld und Aufgaben

Die Felicianus-Kirchengemeinde und die Leester Gemeinde organisieren einen gemeinsamen Gedenk-Gottesdienst zum Jahrestag der Pogromnacht. Ein Referent: Moritz Döbler, Chefredakteur des WESER-KURIER.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Stephen Kraut

Weyhe. Der 9. November ist in der deutschen Geschichte ein ganz besonderes Datum. Eines der dunkelsten Kapitel ereignete sich im Jahr 1938: Im Zuge der Reichspogromnacht kommt es im gesamten Deutschen Reich zu Übergriffen auf Juden, jüdische Einrichtungen werden reihenweise in Brand gesteckt. Nun, genau 80 Jahre später, haben sich die Leester Kirchengemeinde sowie die Felicianus-Gemeinde entschlossen, eine gemeinsame Andacht zu veranstalten und das Thema auf drei unterschiedliche Weisen zu beleuchten. Mit dabei ist auch Moritz Döbler, Chefredakteur des WESER-KURIER.

Nachdem Wolfgang Schierenbeck vor Kurzem zum Kirchenvorsteher in der Felicianus-Gemeinde gewählt wurde, kümmerte er sich gleich um ein besonderes Thema: das Andenken zum Jahrestag der Pogromnacht. Er sprach Pastor Holger Tietz an, der entsprechende Andachten in Leeste schon seit Jahren organisiert. Und so entstand die Kooperation. „Wolfgang hat ganz viele tolle Ideen“, berichtet Tietz aus der Zusammenarbeit mit Schierenbeck, wobei dieser entgegnet: „Den Verdienst an dieser Aktion haben wir beide.“

Bei der Andacht soll es aber nicht nur um das Gedenken der Opfer der Pogromnacht gehen. Deshalb planen Schierenbeck und Tietz – gemeinsam mit Döbler – drei Teile. „Ich werde über Zivilcourage in dieser Nacht sprechen“, informiert Schierenbeck. Dabei gehe es zum Beispiel um eine Familie in Berlin, die Juden bei sich versteckt hatte. „Wäre das aufgeflogen, hätte es gravierende Folgen gehabt“, sagt er. Auch Hans Rosenthal, bekannt unter anderem als Moderator von „Dalli Dalli“ und als Jude ebenfalls zum Untertauchen gezwungen, werde thematisiert. Vor einigen Jahren habe er zudem die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer in Berlin getroffen, so Schierenbeck. „Es wird um verschiedene Schicksale, aber eben auch um die Zivilcourage gehen“, kündigt er an. Und auch um Doktor Folkard Willms wird es gehen. Der frühere Arzt bewahrte den damaligen Kirchweyher Otto Polak, ein Christ jüdischer Herkunft, vor der Deportation nach Theresienstadt, indem er ihm eine Salbe auftrug, die starke Rötungen hervorrief. Aufgrund einer wohl ansteckenden Krankheit war der Junge damit nicht transportfähig, diagnostizierte Willms. Weyhes Ehrenbürger Otto Polak und seine Frau sind an diesem Abend ebenfalls zu Gast, werden aber nicht öffentlich sprechen.

Einen weiteren Teil des Abends übernimmt Pastor Tietz selbst und benennt sein Thema deutlich: „Das Versagen der evangelischen Kirche bei der Reichspogromnacht.“ Denn der größte Teil der Gemeinden habe sich eben nicht der Bekennenden Kirche als Oppositionsbewegung angeschlossen. „Die meisten haben geschwiegen“, so Tietz.

WESER-KURIER-Chefredakteur Moritz Döbler wird an diesem Abend unter der Überschrift „Der Kampf gegen Antisemitismus ist die Aufgabe von Nicht-Juden“ sprechen, wie Wolfgang Schierenbeck ankündigt. Die Kooperation kam laut dem Kirchenvorsteher aufgrund von Döblers Kommentar „Alle für die Juden“ im April diesen Jahres in unserer Zeitung zustande. „Ich fand es eine starke Position“, erklärt Schierenbeck, der daraufhin Kontakt mit dem Chefredakteur aufnahm. Der habe gleich zugestimmt, sich an der Aktion in Weyhe zu beteiligen, berichten die Organisatoren.

Musik soll es an dem Abend auch geben. Dafür war ursprünglich angedacht, den Chor der jüdischen Gemeinde in Bremen auftreten zu lassen. Da für Juden der Freitag allerdings Sabbat, also Ruhetag, ist, dürfen sie am 9. November nicht auftreten. Aufgeschoben soll aber nicht aufgehoben sein: „Wir wollen ein Konzert für einen anderen Zeitpunkt organisieren, möglichst noch in diesem Jahr“, erklärt Schierenbeck. Am 9. November werden nun andere Künstler für Musik sorgen.

Da der Tag der Andacht nun aber Sabbat ist, haben sich Tietz und Schierenbeck noch etwas einfallen lassen: „In jüdischen Haushalten wird an diesem Tag ein Weißbrotzopf mit Mohn gebacken, der dann gemeinsam gegessen wird“, berichtet der Kirchenvorsteher. Das habe man auch im Zuge des Gottesdienstes vor: „Jeder Besucher bekommt beim Reinkommen ein Stück, das dann – wie in jüdischen Familien auch – bei Mineralwasser gegessen wird“, erklärt Tietz. Schließen werde die Andacht mit Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Bewusst habe man sich dagegen entschieden, an diesem Abend noch ein Beisammensein zu veranstalten. „Wir möchten nicht, dass die Veranstaltung zerredet wird“, sagt Schierenbeck. Tietz kann sich aber vorstellen, im Anschluss an das Konzert des jüdischen Chores eine solche Runde zu veranstalten.

Weil an diesem Abend das Gedenken im Vordergrund stehen soll und man nicht „gegeneinander arbeiten“ möchte, wie Tietz betont, weisen die beiden Männer auch auf die Nacht der Jugend hin, mit der vier Gemeinden der Region jüngere Menschen für das Gedenken sensibilisieren wollen (wir berichteten). „Das ist auch eine ganz tolle Aktion“, stellt Schierenbeck seine Meinung klar. Außerdem dankt er der Volksbank Syke, die finanziell half und so beispielsweise das Drucken von Plakaten ermöglichte. „Ansonsten hätte es unseren materiellen Rahmen gesprengt“, glaubt der Kirchenvorsteher.


Die Veranstaltung beginnt am Freitag, 9. November, um 19 Uhr in der Marienkirche am Henry-Wetjen-Platz in Leeste. Der Eintritt ist frei. Das Gedenken soll etwa eine Stunde gehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+