Inklusives Leben in Kirchweyhe Wohnen und Wachsen

Wer persönliche Unterstützung im Alltag braucht und trotzdem ein möglichst selbstständiges Leben führen will, kann das seit August 2020 in Kirchweyhe tun. Unterstützung kommt von der Diakonie Himmelsthür.
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Von Maike Plaggenborg

Weyhe-Kirchweyhe. Es ist kurz vor 16 Uhr, als die orangefarbenen Bullis vom Fahrdienst an der Straße Auf dem Geestfelde in Kirchweyhe halten und Menschen dort vor ihrer Haustür absetzen. Sie kommen von der Arbeit und freuen sich auf den Feierabend ihn ihrem noch frischen Zuhause, das die Diakonie Himmelsthür als inklusiv bezeichnet, sogar als „einzigartig im norddeutschen Raum“. Wer dort persönliche Unterstützung im Alltag braucht, bekommt sie. Und wer Pflege braucht, ebenso. Und wer Freunde finden will in einer der Wohngemeinschaften (WG) dort, für den ist auch das möglich.

Genauso entwickelt es sich zum Beispiel für Vincent Seemann und Pauline Lodny. Beide leben seit etwa vier Wochen in der Einrichtung, die seit August nach und nach von Menschen mit Assistenzbedarf aufgrund von Behinderungen bezogen wird. Seemann und Lodny haben sich bereits angefreundet. Der 18-Jährige und die 20-Jährige starten zeitgleich in ein neues Leben, nicht nur was das Wohnen angeht. Auch das Arbeitsleben ist jetzt neu. Das frühe Aufstehen, sagt Seemann, passt ihm zurzeit allerdings noch nicht allzu gut. Um viertel vor sechs klingelt der Wecker. Und nicht jeder geht immer entsprechend zeitnah ins Bett oder er verbringt am Abend dann doch zu viel Zeit mit dem Lieblingsprogramm im Fernsehen, berichtet Wohnbereichsleiterin Christina Wendorf. Für das Himmelsthür-Personal bedeutet das: Es muss Aufstehhilfe leisten. Für die Bewohner bedeutet es einen Arbeitstag unter Übermüdung.

Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sind eben ein Lernprozess, wenn Menschen ihr elterliches Zuhause hinter sich lassen. Auch Lodny muss das lernen, allerdings hat sie gegenüber den anderen jungen Bewohnern einen Vorteil, wie ihre Mutter Bernhild Lodny sagt. Sie hat in den sieben Jahren, bevor sie nach Kirchweyhe kam, in einem Internat gelebt. Bei ihren Eltern war sie dann nur am Wochenende und in den Ferien. Damit auch die Mutter selbst sich emotional lösen lernt, hat sie sich rechtzeitig um eine Anschlussunterkunft für ihre Tochter bemüht, damit diese nicht erst wieder ins Elternhaus ziehen muss. „Wir sind total glücklich, dass wir hier einen Platz haben“, sagt Bernhild Lodny. Tochter Pauline fühle sich sehr wohl.

Die Umstellung bedeutet mehr Freiheit, aber auch mehr Pflicht. „Man darf hier so viel zu essen nehmen, wie man will“, sagt Seemann. „Leider“ müsse er aber im neuen Zuhause auch mehr machen als vorher. Die Bewohner kümmern sich selbst um ihren Haushalt und das Einkaufen. Die Regeln bestimmen sie in Absprache untereinander, mitunter aber auch gemeinsam mit den Eltern, wie Wendorf erklärt.

Seemann und Lodny sind Teil einer Wohnanlage, in der es im Erdgeschoss eine Siebener-Wohngemeinschaft gibt, in der zurzeit drei Zimmer vermietet sind, im ersten Obergeschoss sind zwei Sechser-WGs, belegt mit jeweils fünf Mietern. Dazu kommen acht Einzelappartements, von denen sechs bewohnt sind. Im zweiten Obergeschoss sind Eigentumswohnungen, unabhängig von der Diakonie Himmelsthür. Geht es nach Wendorf, dürfen sich weitere Interessenten für die freien Wohnplätze melden. Dabei habe es Kunden gegeben, die sechs oder sieben Jahre auf einen freien Platz gewartet haben – „für manche vielleicht zu lange“. Von der Planung bis zur Fertigstellung des Projekts hat es insgesamt zehn Jahre gedauert.

Alle Bewohner haben einen eigenen Mietvertrag. In den Wohngemeinschaften gibt es eine Nachtbereitschaft, die auch den Frühdienst übernimmt. Am Nachmittag geht die Betreuung weiter. Die Bewohner sind, so die Wohnbereichsleiterin, zuständig für Freiwilligenmanagement und Öffentlichkeitsarbeit, im Alter von 18 bis 55 und „bunt gemischt“. „Manche Bewohner kannten sich schon vorher.“ Allerdings: „Die Freizeitgestaltung muss geregelt werden“, sagt Bernhild Lodny, die außerdem meint, dass es mit „Kontakten nach außen noch schwierig“ sei. Aber das ist Wendorf zufolge in Arbeit. „Wir wollen dem auch nachgehen, wer welche Interessen hat“, sagt sie über die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner, die mitunter dabei begleitet werden müssen. Grundsätzlich sollen sie aber „möglichst selbstständig“ sein.

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