Interview mit Brinkumer Arzt „Forschungsaufwand bislang einzigartig“

Hausarzt Lars Pohlmeier aus Brinkum hat Ende vergangenen Jahres in einer Studie den Covid-19-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer erprobt. Im Interview spricht er über die Corona-Impfung.
14.01.2021, 17:09
Lesedauer: 3 Min
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„Forschungsaufwand bislang einzigartig“
Von Esther Nöggerath

Sie waren einer der Ärzte, die die Studie für den Covid-19-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer begleitet haben. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Impfstoff?

Lars Pohlmeier: Sehr gut. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dem Projekt sind zufrieden über den bisherigen Verlauf und teilen unsere Begeisterung über die Zulassung und die hohe Schutzwirkung.

Sind bei der Studie auch Nebenwirkungen des Impfstoffs aufgetreten? Wenn ja, wie häufig kamen diese vor und wie sahen sie aus?

Die Impfung kann sogar etwas häufiger bei jüngeren Menschen Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen auslösen. Diese Probleme sind in aller Regel mit Schmerzmedikamenten aus der Hausapotheke wie Paracetamol oder Ibuprofen rasch und gut beherrschbar. Langzeitnebenwirkungen werden weiter untersucht. Angesichts der ungewöhnlich großen Patientinnen- und Patientenzahl von fast 45.000 Menschen werden sie mit jedem Tag noch unwahrscheinlicher. Bislang gibt es keine Hinweise auf relevante Nebenwirkungen.

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Trotzdem haben viele Menschen Angst vor Spätfolgen. Wie berechtigt ist das angesichts der kurzen Entwicklungsphase des Impfstoffs?

Der Forschungsaufwand für diesen Impfstoff ist bislang einzigartig und gigantisch gewesen. Es sind mehr als doppelt so viele Menschen wie üblich in einer bislang nie dagewesenen Intensität untersucht worden. Natürlich müssen wir noch mehr lernen, um Mechanismen der Impfung und der Wirkung besser zu verstehen. Die entscheidenden Grundlagen sind aber zum jetzigen Zeitpunkt gelegt. Die Corona-Impfung ist schon jetzt ein Meisterstück der Medizin-Geschichte. Impfungen retten Leben.

Ist die Studie inzwischen abgeschlossen oder läuft die Beobachtung der Probanden auch trotz Zulassung des Impfstoffes noch weiter?

Die Beobachtung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer läuft in der Biontech-Untersuchung über zwei Jahre, um weitere Erkenntnisse über Wirkung und Wirkdauer zu erlangen.

Wie genau wirkt der Impfstoff eigentlich?

Es wird ein Informationsbotenstoff in den Oberarmmuskel gespritzt. Dieser enthält einen Nachbau eines Viruspartikels. Hier wird im Zellgewebe eine Immun-Antwort gegen das Covid-19-Virus ausgelöst, die die Erkrankung verhindern soll.

Kann der Corona-Impfstoff möglicherweise die DNA des Geimpften verändern?

Das ist nach unserem wissenschaftlichen Verständnis nicht denkbar, da der Wirkstoff keinen Kontakt mit dem Zellkern hat und die DNA nicht erreicht.

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Wie gut schützt die Impfung?

Die Schutzwirkung, die in der ersten großen Zwischenauswertung gezeigt wurde, ist mit 95 Prozent enorm hoch.

Wirkt der Impfstoff auch gegen die aufgetretenen Corona-Mutationen?

Erste Erkenntnisse deuten zum Glück darauf hin, dass die aufgetretenen Mutationen durch die Impfung ebenfalls bekämpft werden.

Sollten sich auch Menschen, die bereits nachweislich mit dem Coronavirus infiziert gewesen sind, impfen lassen?

Ja, unbedingt. In der Biontech-Studie sind auch Menschen untersucht worden, die bereits an Corona erkrankt waren. Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass auch Zweiterkrankungen mit Corona möglich sind. Deshalb ist die Impfung sinnvoll.

Wie unterscheiden sich die Impfstoffe von Biontech und Moderna?

Der Wirkansatz, Wirkung und Verträglichkeit sind vergleichbar. Der Moderna-Impfstoff lässt sich leichter lagern, ist dafür aber etwas teurer.

Wie groß ist die Impfbereitschaft bei Patienten und Mitarbeitern in Ihrer Praxis?

In unserer Praxisgemeinschaft ist die Impfbereitschaft hoch. Angesichts der sehr guten Erfahrungen in der Studie gilt dies auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben ja erlebt, dass wir keine Angst vor der Impfung haben müssen.

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Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Werden Sie sich gegen Covid-19 impfen lassen, sobald Sie die Möglichkeit dazu haben? Oder sind Sie vielleicht sogar schon geimpft?

Ich lasse mich sofort impfen, wenn ich an der Reihe bin. Im Forschungsprogramm sind wir beteiligten Ärzte und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Gründen der wissenschaftlichen Unabhängigkeit von der Möglichkeit zur Impfung explizit ausgenommen. Das ist verboten. Umgekehrt führen wir nur klinische Forschungsprojekte durch, an denen wir auch als Probanden teilnehmen würden. Das ist das beste Kriterium.

Das Interview führte Esther Nöggerath.

Info

Zur Person

Dr. med. Lars Pohlmeier (51) ist Internist und Hausarzt und gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner Torsten Drescher in der Praxisgemeinschaft Melcherstätte in Brinkum tätig. Die Praxis ist Mitglied bei HAND, dem hausärztlichen Netzwerk für klinische Forschung in Deutschland, und einer von nur sechs Standorten in Deutschland, an denen Ende vergangenen Jahres in einer Studie der Covid-19-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer erprobt worden ist.

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