Beratung gegen Rechtsextremismus

„Ihre Aktivitäten bleiben oftmals unentdeckt“

Die Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie berät Menschen im Umgang mit rechtem Gedankengut. Im Interview spricht Berater Jan Krieger auch über die Szene im Landkreis Diepholz.
18.05.2020, 17:08
Lesedauer: 8 Min
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„Ihre Aktivitäten bleiben oftmals unentdeckt“
Von Eike Wienbarg
„Ihre Aktivitäten bleiben oftmals unentdeckt“

Auch im Landkreis Diepholz hat die Beratungsstelle rechtsextreme Vorfälle registriert (Symbolbild).

Sebastian Kahnert/DPA
Was sind die Arbeitsschwerpunkte der Mobilen Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie?

Jan Krieger: Unsere Arbeit ist sehr vielfältig. Primär beraten wir bei Problemstellungen mit Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Darüber hinaus machen wir Recherchetätigkeiten und Monitoring zu rechten Vorkommnissen und Strukturen, informieren über relevante Erscheinungsformen und vernetzen uns dabei mit zahlreichen Menschen aus der Zivilgesellschaft.

Wie groß ist die rechtsextreme Szene in Niedersachsen und wie ist die Tendenz?

Es kann nicht mehr von der einen, in sich geschlossenen Szene gesprochen werden. Es gibt unterschiedliche Strukturen, die mit eigenen Strategien versuchen, die Gesellschaft politisch zu beeinflussen. Zu dem Spektrum zählen neben klassischen Neonazis, die sich in Kameradschaften organisieren, esoterische und völkische Bewegungen, rechte Burschen- und Bruderschaften, neurechte Vereinigungen und Gruppen, Reichsbürger, Teile der Rockerszene, Hooligans, Kampfsportler und viele mehr. Sie sind untereinander gut vernetzt. Die Aktivitäten finden vor allem in vorpolitischen Räumen statt, das heißt außerhalb von Parteien und Parlamenten, zum Beispiel in Vereinen und Bürgerinitiativen. Extreme Rechte sind demnach auch alles andere als ein gesellschaftliches Randphänomen.

Das Regionalbüro in Oldenburg ist für den Norden und den Westen Niedersachsens zuständig. Welche Schwerpunkte gibt es in diesem Bereich in der rechtsextremen Szene?

Die Schwerpunkte lassen sich gut an unseren Beratungsanfragen festmachen. Die Auseinandersetzung mit der völkischen Neuen Rechten, ihrer Ideologie und ihr Wirken in die Region waren und sind zunehmend ein Thema. Hierzu zählt zum Beispiel die Frage nach dem Umgang mit Raum- und Wortergreifungsstrategien oder auch Unsicherheiten von Lehrkräften, denen vorgeworfen wurde, gegen das Neutralitätsgebot verstoßen zu haben. Die Agitation gegen sexuelle Vielfalt und Gleichwertigkeit aller Geschlechter ist eine zentrale Ideologie der Neuen Rechten und gesellschaftlich anschlussfähig. In diesem Zusammenhang erreichten uns vermehrt Anfragen von Gleichstellungsbeauftragten, die mit antifeministischen Positionen konfrontiert wurden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Reichsbürgern und Verschwörungsideologen, die zurzeit sehr viel im Internet aktiv sind. Die gegenwärtige Corona-Pandemie wird von ihnen als „Vernichtungskrieg“ gegen europäische Völker bezeichnet, die von „höheren Mächtigen“ inszeniert wurde, um eine „Neue Weltordnung“ zu errichten. Diese vermeintliche Weltverschwörung wird jüdischen Menschen und dem Staat Israel zugeschrieben und so werden antisemitische Hassbotschaften verbreitet.

Welche lokalen Besonderheiten oder Probleme gibt es im Landkreis Diepholz?

Im Landkreis gibt es mehrere Akteure der rechten Szene, die in der Vergangenheit aufgefallen sind. Darunter befinden sich Personen, die der Hooligan-, Rocker-, und der Rechtsrock-Szene zuzuordnen sind. Vor einigen Jahren fand in Groß Mackenstedt ein Rechtsrock-Konzert statt. Dort befanden sich längere Zeit auch Proberäume für rechte Bands. Ein Mitglied einer bekannten Rechtsrock-Band hat in der Region ebenso seinen Wohnsitz wie ein rechter Aktivist, der bei einer Sonnenwendfeier der NPD aufgetreten ist. In Barrien gab es im vergangenen Jahr eine Attacke eines Reichsbürgers auf einen CDU-Politiker. Und in Syke brannte Anfang des Jahres ein Restaurant. Hakenkreuze an der Außenwand deuten auf einen rassistischen Brandanschlag hin. Zudem wurde im Landkreis im Zuge eines Verbots des Vereins „Phalanx 18“ eine Wohnung durchsucht.

Ein Tag, der in der Vergangenheit für die Szene immer mal wieder eine wichtige Rolle spielte, ist der Todestag von Daniel S., der 2013 am Bahnhof in Kirchweyhe Opfer eines gewalttätigen Übergriffs war. Die Gedenken an den Todesfall wurden von verschiedenen Gruppen und Personen genutzt, um rechte Propaganda zu verbreiten. Zivilgesellschaftlich Engagierte, die sich vielfältig mit diesen Strukturen in der Region auseinandersetzen und lobenswerte Veranstaltungen in der Region durchführen, wurden und werden durch Angehörige der Neuen Rechten zunehmend diffamiert. So hat die AfD bereits mehrfach versucht, diese mit dem Vorwurf des Linksextremismus zu diskreditieren. Ziel ist es unter anderem, Kritik an der Partei und Hinweise auf inhaltliche und personelle Überschneidungen zur extremen Rechten zu delegitimieren und Engagierte in ihrem Engagement einzuschüchtern.

Gibt es Unterschiede zwischen eher ländlicheren und städtischen Gebieten?

Im Gegensatz zu städtischen Gebieten, wo eine Vielzahl an demokratischen Vereinen und Institutionen zugegen ist, fehlt es in ländlichen Räumen oftmals an attraktiven Angeboten, die den Zusammenhalt vor Ort fördern. Es gibt nur wenige Vereine oder andere zivilgesellschaftliche Angebote, denen sich angeschlossen werden kann. Dies versuchen extreme Rechte für sich zunutze zu machen, da sie mit wenig Widerstand rechnen müssen. Ihre Aktivitäten bleiben oftmals unentdeckt und sind zunächst wenig verdächtig. Hierzu zählen Nachbarschaftshilfe, Hausaufgabenhilfe oder auch Fahrdienste. Wenn es Vereine vor Ort gibt, zum Beispiel Sport- oder Elternvereine, wird sich dort aktiv eingebracht, ohne dass die menschenfeindliche Gesinnung zum Ausdruck kommt. Oftmals bleiben sie über mehrere Jahre unerkannt oder es wird über ihr politisches Engagement hinweggeschaut. Ein weiteres Beispiel für rechte Aktivitäten im ländlichen Raum sind völkische Siedler, die günstig Immobilien kaufen, um dort dann Veranstaltungen wie zum Beispiel Volkstänze oder Sonnenwendfeiern durchzuführen und ihre Kinder nach rassistisch-völkischer Ideologie zu erziehen. Hier gibt es oftmals Schnittmengen zu Reichsideologen und Esoterikern.

Die Mobile Beratung ist seit Anfang 2020 niedersachsenweit in der Trägerschaft des Vereins Wabe mit Sitz in Verden. Was hat sich dadurch verändert?

Wir arbeiten als Berater nun gemeinsam unter einem Dach, nachdem wir zuvor für drei verschiedene Träger tätig gewesen sind. Es gibt aber nach wie vor drei Standorte mit regionalen Zuständigkeiten in Oldenburg, Verden und Hildesheim. Der Verein Wabe leistet seit vielen Jahren durch seine Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Förderung demokratischer Kultur, ist niedersachsenweit sehr gut vernetzt und somit ein mehr als geeigneter Träger für die Mobile Beratung. Als Beratungsteam konnten wir noch näher zusammenrücken. Es wird sich untereinander intensiver ausgetauscht, indem zum Beispiel regelmäßig Fälle kollegial besprochen werden. Aufgrund der unterschiedlich gelagerten Fälle ist dies auch dringend notwendig und nicht zuletzt trägt es auch zur Qualitätssicherung der eigenen Arbeit bei. Unser Team konnte sich zudem personell erweitern – wenn auch nur mit geringen Stunden. Wir sind jetzt sechs Berater und Beraterinnen und haben zudem eine Projektleitung, die ebenfalls beratend tätig ist. Zusammengefasst trägt die neue Struktur zu einer Professionalisierung und Weiterentwicklung des Beratungsangebotes bei. Zudem können wir die bundesweiten Qualitätsstandards der Mobilen Beratung weiter erfüllen.

Für welche Zielgruppen gibt es bei Ihnen Angebote?

An die Mobile Beratung können sich alle wenden, die mit rechten, menschenfeindlichen Haltungen und Erscheinungsformen konfrontiert wurden oder sich präventiv damit auseinandersetzen möchten. Zum Beispiel Vereine und Verbände, Schulen, Kinder-und Jugendhilfe, zivilgesellschaftliche Bündnisse und Initiativen, Universitäten, Verwaltungen, Betriebe, Gewerkschaften, Familien sowie deren Angehörige und Einzelpersonen.

Und wie sehen die Angebote aus?

Wir stehen für eine demokratische und menschenrechtsorientierte Kultur, die als Gegenentwurf zu Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und anderen Ungleichwertigkeitsvorstellungen zu verstehen ist. Wir arbeiten prozess- und gemeinwesenorientiert und versuchen, die jeweiligen Akteure in den Regionen in der Auseinandersetzung mit den genannten Erscheninungsformen zu unterstützen. Wir bieten keine fertigen Lösungen an, sondern erarbeiten diese gemeinsam mit den Menschen und ihren vorhandenen Ressourcen vor Ort. Wir versuchen die Menschen miteinander zu vernetzen, moderieren lokale Prozesse und aus diesen heraus entstehen dann oftmals unterschiedliche und langfristig angelegte Projekte. Ein Bestandteil unserer Arbeit ist die politische Bildung durch zum Beispiel Vorträge, Workshops und Fortbildungen. Wir unterstützen aber beispielsweise auch bei der Entwicklung von Leitbildern, Hausordnungen, hauseigenen Veranstaltungen, Projekten und noch vieles mehr.

Wie und von wem werden die Angebote in Anspruch genommen?

Die Beratung wird von allen genannten Zielgruppen in Anspruch genommen. Meistens gab es einen konkreten Anlass oder Vorfall, zum Beispiel Schmierereien, eine Veranstaltung oder eine Person, die innerhalb einer Einrichtung oder eines Vereins durch das Tragen rechter Kleidung aufgefallen ist, der die Menschen dazu motiviert hat, mit uns telefonisch oder per E-Mail Kontakt aufzunehmen. Zunächst wird ein Termin für ein Erstgespräch vereinbart, bei dem wir den geschilderten Vorfall gemeinsam analysieren, um anschließend systemorientiert Handlungsoptionen zu entwickeln und die nächsten Schritte zu besprechen. Manchmal muss aber auch nicht erst etwas vorgefallen sein, um kontaktiert zu werden.

Bieten Sie auch Beratungen für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene an?

Nein. Hierfür gibt es eigenständige staatliche und zivilgesellschaftliche Beratungsangebote, an die wir weitervermitteln.

Welche Tipps haben Sie für Menschen vor Ort, die sich mit rechtsextremem, rassistischem und antisemitischem Gedankengut konfrontiert sehen?

Menschen, die entsprechende Handlungs- und Erscheinungsformen vor Ort feststellen, sollten nicht alleine gelassen, sondern unterstützt werden. Eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Problematik ist sinnvoll, um einschätzen zu können, ob es sich bei den Personen, die ein solches Gedankengut vertreten, um organisierte Nazis handelt oder ob gegebenenfalls noch inhaltlich auf Menschen eingewirkt werden kann. Wichtig ist es, eine Haltung zu haben und diese auch zu zeigen. Oftmals werden rechte Aktivitäten dahingehend verharmlost, dass sie ja gar nicht so schlimm seien und sich das Problem mit der Zeit schon von selbst erledige. Dem ist jedoch nicht so. Überall dort, wo sich nicht gegen rechtes, rassistisches und antisemitisches Gedankengut positioniert wird, bildet sich der Nährboden für rechte Ideologie und Lebenswelten. Kommt es vor Ort zu Einschüchterungen, Bedrohungen und Übergriffen, gilt es, sich mit Betroffenen zu solidarisieren, sie zu schützen und auf deren Bedarfe Rücksicht zu nehmen. Als Mobile Beratung versuchen wir bei entsprechenden Problemlagen und Bedarfen bestmöglich zu unterstützen.

Das Interview führte Eike Wienbarg.

Info

Zur Person

Jan Krieger (34)

ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftler (M.A.) und Leiter des Regionalbüros Nordwest der Mobilen Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie in Oldenburg.

Info

Zur Sache

Mobile Beratung

Das Regionalbüro Nordwest der Mobilen Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie mit dem Standort Oldenburg ist für die Landkreise Diepholz, Ammerland, Grafschaft Bentheim, Aurich, Cloppenburg, Emsland, Wittmund, Friesland, Leer, Wesermarsch, Vechta sowie für die Landkreise und die Städte Osnabrück und Oldenburg und die Städte Wilhelmshaven, Emden und Delmenhorst zuständig. Das Büro ist telefonisch unter der Rufnummer 01 57 / 32 88 35 89 oder per E-Mail an nordwest@mbt-niedersachsen.de zu erreichen. Weitere Informationen gibt es unter www.mbt-niedersachsen.de.

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