Museumsbahnhof Bruchhausen-Vilsen

Die fliegende Dampflokomotive

Endlich: Die nach Johann Reiners benannte Dampflokomotive ist auf dem Weg zurück von Bruchhausen-Vilsen nach Bremen-Findorff. Zwischendrin macht sie einen Stopp in Vegesack, wo sie lackiert wird.
06.10.2020, 17:27
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Die fliegende Dampflokomotive
Von Micha Bustian
Die fliegende Dampflokomotive

Völlig losgelöst: "Johann Reiners" schwebt vom Gleis hinüber auf den Sattelschlepper, der die Lok nach Vegesack zum Lackieren bringt.

Michael Braunschädel

Bruchhausen-Vilsen. Besser kann ein Tag nicht sein. Oskar, fast drei Jahre alt, wollte mit seinen Eltern eigentlich von Bruchhausen-Vilsen nach Hause fahren, nach Kleinenborstel. Doch dann kreuzte ein Feuerwehrauto den Weg der jungen Familie. Und ein Sattelschlepper. Und ein Kran. Die eigentlichen Pläne wurden über den Haufen geworfen. Richtige Entscheidung. Denn Oskar durfte nicht nur mit dem Feuerwehrfahrzeug mitfahren, er sah auch eine Dampflokomotive fliegen. Das Findorffer Denkmal „Johann Reiners“ wurde abgeholt. Gute zwei Stunden dauerte das. Und anschließend saß Oskar auf dem Arm seiner Mutter – müde, aber glücklich.

Die Jan-Reiners-Lok steht normalerweise mitten im Bremer Stadtteil Findorff. Benannt wurde sie nach Johann Reiners (1825-1908), Ökonomierat und Vorsitzender des landwirtschaftlichen Vereins Lilienthal, der sich Lorbeeren verdiente mit der damals noch schwierigen Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen im nördlichen Bremer Umland. Dazu gehörte auch die Bahnverbindung. Die erste dort fahrende Lokomotive hat ab 1900 über Jahrzehnte Menschen und Waren von Bremen nach Tarmstedt und zurück transportiert. Vor allem aber Torf. Zum Heizen. Zwischenzeitlich diente sie dem Unternehmen Gestra als Dampferzeuger, ehe sie zum Denkmal wurde. Nicht offiziell, aber im Herzen der Findorffer auf jeden Fall.

Dieses Denkmal hatte Patina angesetzt. Mehr noch: Es war an allen Ecken und Enden verrostet, unansehnlich geworden. Der örtliche Bürgerverein reagierte und schickte „Johann Reiners“ in den Schönheitssalon. Der Deutsche Eisenbahn-Verein in Bruchhausen-Vilsen erhielt den Auftrag, das Schmuckstück wieder in voller Schönheit glänzen zu lassen. Die Ehrenamtlichen aus dem Museumsbahnhof waren Mitte März fertig. Und dann kam Corona.

Inzwischen dürfen Feuerwehren wieder Übungen abhalten. Genau das geschah am Dienstagvormittag. Die Berufsfeuerwehr aus Bremen rückte an, um „Johann Reiners“ abzuholen. Und kreuzte auf der Anfahrt in den Luftkurort den Wagen von Oskars Familie. Das Trio blieb in seiner Beobachterrolle nicht alleine. Der weit sichtbare 50-Tonnen-Kran lockte einige Schaulustige auf den Platz zwischen dem Tourismus-Service und der alten Bahnhofshalle.

Dort wartete „Johann Reiners“ schon auf zwei kleinen, vierrädrigen Wägelchen. Auch dafür hatte es einen Kran gebraucht, wie Ralf Hormann vom DEV erläuterte. Er hatte den kleinen geschotterten Platz über Nacht extra abgesperrt, „sonst parken da Lastwagen“. Nun, gegen 10.30 Uhr, standen die aufgebockte Findorffer Damp-Lokomotive auf den Gleisen, parallel dazu der Kran und wiederum daneben der Sattelschlepper, der das Sanierungsobjekt zu einer Firma nach Vegesack bringen sollte. Dort kommt „Johann Reiners“ unter den Sandstrahler, ehe er lackiert wird und dann nach Findorff zurückkehrt.

Ein halbes Dutzend Feuerwehrmänner unter der Leitung vom Thorsten Schultz ging mit der notwendigen Ruhe an diese Aufgabe heran. Denn es ist schon eine logistische Meisterleistung, ein 16,5 Tonnen schweres Gefährt von A nach B zu hieven. Übersetzt: vom Gleis auf den Sattelschlepper. Oben an den Kran kam eine sogenannte Traverse, selbst schon eineinhalb Tonnen schwer. An die wurden Rundschlingen befestigt, jede mit zehn Tonnen Tragfähigkeit. Und die wurden an zwei Schienenstücke geschraubt, die quer unter die Lokomotive kamen. Klingt erstmal einfach, ist aber Millimeterarbeit. Denn „Johann Reiners“ sollte ja nicht straucheln auf seinem etwa 20 Meter langen Weg durch die Luft.

Mit dem Zollstock wurde gemessen, Gurtschlingen straff gezogen, Holzkeile zwischengelegt. Das dauerte. Für Einsatzleiter Thorsten Schultz ja auch der Sinn der Sache. „Wir brauchen Routine bei solchen Kranarbeiten, falls die Deutsche Bahn mal einen Unfall hat.“ Der Schwerpunkt der Lok hätte festgestellt werden müssen, das sei sehr komplex, „eine große Herausforderung“. Auch wegen der hohen Masse. Dass der Bürgerverein Findorff für diese Arbeit dank der Feuerwehrübung nur wenig Geld bezahlen musste, bezeichnete Schultz als „Win-Win-Situation“.

Als „Johann Reiners“ dann in den Gurtschlingen hing, ging alles relativ zügig. Lastwagenfahrer Krystian Szczesny freute sich schon auf den Weg nach Vegesack: „Die Leute werden Augen machen.“ Und der Bürgerverein fiebert der Rückkehr seines Denkmals auf den vereinsamten Sockel an der Ecke Hemmstraße/Fürther Straße entgegen. Der soll allerdings vorher noch aufgepeppt werden, verriet der stellvertretende Vorsitzende Klaus-Otto Bremicker. Eine fahrende Lok soll auf ihn gemalt werden, sagte die Vorsitzende Birgit Busch. Doch wann die Dampflokomotive wieder auf ihren angestammten Platz gesetzt wird, ist fraglich. Denn: Ab dem 6. November findet dort ein Winterdorf statt. Und das bleibt bis zum 1. Februar 2021. „Wenn da Buden stehen, können wir die Lok da nicht hinstellen“, findet Bremicker. Aber Verspätungen ist „Johann Reiners“ inzwischen ja gewohnt.

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