Kriminalität im Kreis Diepholz

Häusliche Gewalt nimmt deutlich zu

Die Folgen der Corona-Pandemie machen sich auch in der Kriminalitätsstatistik für den Kreis Diepholz bemerkbar. So gab es mehr Fälle häuslicher Gewalt, dafür weniger Körperverletzungen.
25.03.2021, 17:30
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Häusliche Gewalt nimmt deutlich zu
Von Esther Nöggerath

Landkreis Diepholz. Deutlich weniger Körperverletzungen, dafür ein Anstieg der häuslichen Gewalt: Auch in der Kriminalitätsstatistik der Polizeiinspektion Diepholz spiegeln sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr wider. „Auch die Ermittler wurden durch die Corona-Situation vor Herausforderungen gestellt“, sagt Domenico Corbo, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, der insgesamt zufrieden auf das Jahr 2020 zurückblickt. „Es war schwer zu prognostizieren, wie sich die Kriminalität entwickeln könnte. Es freut mich, dass wir unsere Erfolgsserie fortsetzen konnten und die Aufklärungsquote erneut steigern konnten.“

Rekord bei Aufklärungsquote

Die lag im Jahr 2020 auf Rekordniveau: 67,49 Prozent betrug die Aufklärungsquote im Einsatzgebiet der Polizeiinspektion im vergangenen Jahr, 2019 lag sie noch bei 66,14 Prozent. Damit liegt Diepholz auch deutlich über dem Landesdurchschnitt (64,28 Prozent). „Ich freue mich über dieses tolle Ergebnis“, betont Corbo. „Seit 2015 steigt die Aufklärungsquote kontinuierlich und befindet sich jetzt auf einem neuen Höchststand. Das ist ein Verdienst meiner Kolleginnen und Kollegen.“ Corbo bedankte sich aber auch bei den Bürgern, die die Polizei mit ihrer Hilfe tatkräftig unterstützen würden.

Insgesamt sind im vergangenen Jahr im Landkreis Diepholz 10.363 Straftaten registriert worden, die damit auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr (10.356) lagen. Die Zahl der registrierten Straftaten pro 100.000 Einwohnern und damit laut Polizei ein wichtiger Indikator für die Kriminalitätsbelastung lag bei 4774 - deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 6219.

Seit mehreren Jahren konzentriert sich die Polizei Diepholz dabei insbesondere mit ihren Ermittlungen auf Täterbanden und Intensivtäter. Durch die konsequente Einrichtung von Ermittlungsgruppen und Sonderkommissionen lege man den Tätern das Handwerk. „In diesem Jahr werden wir eine feste Einheit einrichten, welche ausschließlich komplexe kriminelle Strukturen bekämpft“, kündigt Corbo an.

Einen negativen Trend hat die Polizei bei der häuslichen Gewalt verzeichnet. 374 registrierte Fälle häuslicher Gewalt gab es im vergangenen Jahr, 2019 waren es 331. „Das Dunkelfeld wird sicherlich noch um einiges höher liegen“, sagt Corbo. Deswegen führe die Polizei auch immer wieder wirksame Kampagnen dazu durch. Doch insbesondere im engeren Familienkreis sei die Hemmschwelle groß, häusliche Gewalt zu melden.

Maßgeblich für den großen Anstieg im vergangenen Jahr ist laut Corbo auch die Corona-Krise. „Im Lockdown hat man sich zu Hause mehr gesehen, dazu kamen belastende Faktoren wie die Probleme in der Wirtschaft oder der Kinderbetreuung, wodurch die Leute noch gereizter waren“, erklärt Corbo, der aber auch in den Vorjahren bereits einen Anstieg der häuslichen Gewalt festgestellt hat. „Das ist ein Trend, der sich fortsetzt, aber durch Corona noch einmal deutlicher geworden ist.“

Weniger Körperverletzungen

Rückläufig sind dagegen die Körperverletzungen: 2019 waren noch 1093 Fälle registriert worden, im vergangenen Jahr lag die Zahl dagegen nur noch bei 894 Delikten. Der Rückgang ist dabei in nahezu allen Altersklassen gleich vertreten. „Das hängt ziemlich wahrscheinlich mit den Einschränkungen zusammen und insbesondere den Großveranstaltungen, die abgeblasen worden sind“, berichtet der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes. Aber auch der reduzierte Alkoholausschank in der Öffentlichkeit an sich hat dabei Auswirkungen gehabt. „Da, wo weniger Alkohol getrunken wird, ist auch automatisch ein Rückgang an Gewalt zu beobachten“, erklärt Corbo. Gut 24,67 Prozent der Körperverletzungen sind 2019 unter Alkoholeinfluss begangen worden, 2020 waren es nur noch 21,97 Prozent.

Überraschend ist die Entwicklung der Wohnungseinbrüche, die trotz der Corona-Krise und vermehrtem Homeoffice im Landkreis Diepholz 2020 wieder angestiegen sind, nachdem sie in den Vorjahren permanent rückläufig waren. 284 Mal wurde 2020 im Kreisgebiet in Wohnungen und Häuser eingebrochen, 2019 waren es noch 225 Taten. Der Anstieg von gut 26 Prozent ist aber vor allem auf ein größeres Geschehen in Syke zurückzuführen: Nach dem Brand in einem Wohnheim in der Stadt waren Täter in die leerstehenden Wohneinheiten eingebrochen. Allein das verursachte 51 Einbrüche. „Zieht man diesen Tatkomplex ab, so pendeln sich die Zahlen auf dem sehr niedrigen Vorjahresniveau ein“, erklärt Corbo. Seit 2016 hatten sich bis 2019 die Wohnungseinbrüche im Landkreis nahezu halbiert.

Zurückgegangen sind auch die schweren Diebstähle in und aus Banken, die mit 24 Fällen in 2019 noch deutlich höher lagen als 2020 mit gerade einmal vier Fällen. „Die waren bei der Polizei sehr stark im Fokus“, berichtet der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes. In den Bereich würden unter anderem auch die Automaten-Sprengungen zählen. „Das ist ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren aufgeploppt ist“, erklärt Corbo. Weil es diesbezüglich aber sehr gute Kooperationen gebe, konnten entsprechend Erfolge erzielt werden und auch einige Festnahmen erfolgen.

Weitere Rückgänge hat die Polizei auch im Bereich der Sachbeschädigungen auf Straßen, Wegen oder Plätzen (-19,85 Prozent von 2019 auf 2020) registriert. Auch die Anzahl der Tötungsdelikte ist um 25 Prozent von zwölf Fällen in 2019 auf neun Fälle in 2020 zurückgegangen. Gestiegen sind dagegen neben den Sexualdelikten auch die Vermögens- und Fälschungsdelikte (+14,85 Prozent auf 2266 Fälle im vergangenen Jahr) sowie die Drogendelikte (von 703 auf 900 Fälle in 2020).

Eine Verlagerung der Kriminalität zunehmend in den digitalen Raum lässt sich auch im Landkreis Diepholz feststellen. Die Fallzahlen zu Taten, bei denen das Internet bei der unmittelbaren Ausführung eine Rolle gespielt hat, haben sich laut Polizei von 792 in 2019 auf 876 erhöht. Die Aufklärungsquote lag hierbei jedoch bei sehr guten 86,3 Prozent (2019: 75,25 Prozent). Allerdings dürfte es auch im Bereich der Computer- und Internetkriminalität ein großes Dunkelfeld geben. Die Polizei geht davon aus, dass eine Vielzahl solcher Taten erst gar nicht zur Anzeige gebracht wird. Bei Taten mittels Internet würden die Täter häufig aus dem Ausland agieren. Den überwiegenden Teil der Gesamtfälle würden dabei Betrugstaten ausmachen.

Info

Zur Sache

Verbreitung kinderpornografischer Schriften

Immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt auch die Verbreitung kinderpornografischer Schriften, die zu den Sexualdelikten zählt. 148 Bürger aus dem Landkreis Diepholz sind laut Kriminalstatistik im vergangenen Jahr Opfer eines Sexualdeliktes geworden, mit 45,95 Prozent waren fast die Hälfte davon noch im Kindesalter. 21,62 Prozent der Opfer waren zur Tatzeit zwischen 14 und 21 Jahren alt. Generell verzeichnete die Polizei bei den Sexualdelikten einen deutlichen Anstieg der Fälle: 2019 lagen diese im Landkreis Diepholz noch bei 155 Fällen, 2020 waren es dagegen 200, davon 80 im Bereich der Verbreitung kinderpornografischer Schriften (2019 waren es 55 Fälle).

„Die Herstellung oder Verbreitung kinderpornografischer Schriften beziehungsweise Dateien hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen, weshalb wir vor Kurzem eine Ermittlungsgruppe eingerichtet haben“, berichtet Domenico Corbo, der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes. Eltern werde daher geraten, mit ihren Kindern über die Gefahren im Internet zu sprechen und zu beobachten, auf welchen Internetseiten sich ihre Kinder aufhalten und mit welchen Personen sie hier Kontakt haben.

„Die Kontaktaufnahme erfolgt oft über Chats, wo sich die Täter deutlich jünger geben“, erzählt Corbo. Vermehrt komme es auch vor, dass Kinder oder Jugendliche sich eigeninitiativ entblößt ablichten würden, um die Fotos dann an einen Freund oder die Freundin zu schicken. „Die kursieren dann oft im ganzen Klassenverband“, sagt Corbo, der deswegen die Eltern auch darum bittet, Kinder und Jugendliche darüber aufzuklären, welche Bilder man von sich nicht über die Sozialen Netzwerke verbreiten sollte. Weitere Informationen dazu gibt es auch online unter www.polizei-beratung.de.

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