Corona-Lagezentrum im Kreis Diepholz Wo die Kontakte zusammenlaufen

Seit Kurzem befindet sich in der Turnhalle der Dr.-Kinghorst-Schule in Diepholz das operative Corona-Lagezentrum. In zwei Schichten an sechs Tagen pro Woche werden dort Kontaktketten telefonisch nachverfolgt.
17.11.2020, 17:13
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Wo die Kontakte zusammenlaufen
Von Desiree Bertram

Landkreis Diepholz. Normalerweise toben Kinder in der Turnhalle der Dr.-Kinghorst-Schule in Diepholz. Das sieht derzeit anders aus. Auf dem Flur entlang der Umkleiden in Richtung Innenraum laufen Soldaten der Bundeswehr, weitere Erwachsene mit Mund-Nasen-Masken sitzen in der Sportstätte abgetrennt zwischen Stellwänden an Schreibtischen und telefonieren. An der gläsernen Eingangstür hängen Schilder, die auf die Ausnahmesituation hinweisen: Seit Kurzem ist die Halle das operative Corona-Lagezentrum des Landkreises Diepholz, in dem die Kontakte der infizierten Kreisbewohner nachverfolgt werden.

Optisch ähnelt die Sporthalle mit den rund zweieinhalb Meter hohen, hellen Trennwänden, den Schreibtischen und dem ausgelegten Teppichboden derzeit eher einem Call-Center. Jeder Platz ist mit einem Computer und Telefon ausgestattet, der Lärmpegel ist durch die vielen Telefongespräche hoch. An die eigentliche Turnhalle erinnern derzeit nur noch eine Kletterwand und von der Decke hängende Turnringe. Von herumrennenden Kindern keine Spur – das einzige, was hier rennt, ist die Zeit. „Wir kommen an die Grenzen, an einem Tag alle Index- und Kontaktpersonen zu bearbeiten“, sagt Kreisrätin Ulrike Tammen.

Die Mitarbeiter, die in dem Corona-Lagezentrum tätig sind, kommen aus den verschiedensten Abteilungen der Kreisverwaltung, erklärt Landrat Cord Bockhop: „Fast alle Fachdienste sind hier zur Unterstützung.“ Auch Soldaten aus Minden helfen dort aus – acht in der Kontaktverfolgung und zwei beim Bürgertelefon. „Man macht es gerne“, sagt einer von ihnen und erklärt, dass die Aufgabe ganz anders sei, als das, was sie sonst erleben. „Wir können dankbar sein, wie unkompliziert es mit der Hilfe von der Bundeswehr geklappt hat“, freut sich Bockhop.

Ursprünglich wurden Räume im Gesundheitsamt für die Nachverfolgung der Kontaktketten genutzt, berichtet Ulrike Tammen. Im Sommer entstand dann die Idee für das Corona-Lagezentrum. Seit September wurden dafür zwei Räume mit 16 Arbeitsplätzen über der Turnhalle genutzt. Der Platz reichte allerdings nicht aus und daher bezog die Kreisverwaltung mit Beginn der Herbstferien auch die Turnhallenfläche mit ein. Dort stehen nun weitere rund 30 Arbeitsplätze zur Verfügung. „Je nachdem, wie die Lage ist, muss reagiert werden“, betont Bockhop und fügt hinzu, dass es in der Kreisverwaltung durch die aktuelle Personalverteilung bereits zu Verzögerungen in manchen Abläufen kommt. Die Arbeit in der Halle ist bis zum 30. Juni 2021 angedacht, auch wenn es zuvor einen Impfstoff gebe, sagt Daniel Tabeling, Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis Diepholz.

Die Tätigkeit in dem Corona-Lagezentrum besteht aus verschiedenen Komponenten wie etwa der Büro-Kommunikation und den Befundmitteilungen, wie Tabeling erklärt. Unterschieden werde zwischen einem Indexfall, also einem positiv getesteten Menschen, und direkten Kontaktpersonen, unter anderem Angehörige oder Arbeitskollegen. Der relevante Wert dafür sei, dass der Kontakt zum Infizierten länger als 15 Minuten andauerte, ohne Mundschutz erfolgte und der Abstand dabei unter anderthalb Metern lag. Die Reaktionen auf die Anrufe der Mitarbeiter seien gemischt – oft vernünftig, teils aber auch aggressiv oder ängstlich, berichtet Ulrike Tammen.

„Es sind alles individuelle Fälle“, sagt Tabeling und erklärt: „Es gibt viele Fragen und Unsicherheiten, oft zur Versorgungssituation – zum Beispiel Einkäufe, wenn jemand alleinstehend ist.“ Zudem muss vermittelt werden, was es bedeutet, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben. Die Mitarbeiter versuchen den Menschen am anderen Ende des Telefons Struktur zu geben und erklären ihnen, wie es nun weitergeht. Viele seien nach der Information vom Arzt verunsichert und die Telefonate mit dem Gesundheitsamt geben den Betroffenen wieder etwas Sicherheit, berichtet der Gesundheitsamt-Leiter. Das A und O dabei sei die Ehrlichkeit, weil es die Arbeit enorm erschwert, wenn jemand etwas verschweigt. „Wir haben eine Vertrauensbasis gegenüber den Bürgern“, betont Tabeling.

Dem Gesundheitsamt werden von den Laboren die positiven Testergebnisse mitgeteilt. Diese werden dann an das Lagezentrum übermittelt: Derzeit gibt es täglich zwischen 40 und 55 neue infizierte Bürger, an manchen Tagen seien es auch schon rund 90 gewesen, berichtet Tabeling. Die Corona-Warn-App spiele „eher eine nachgeordnete Rolle“.

Schwierig ist die Kontaktnachverfolgung auch deswegen, weil die Kontaktketten oftmals sehr lang sind. Wie Tammen erklärt, hatten die Infizierten im Frühjahr deutlich weniger Kontakte – im Schnitt etwa fünf. Jetzt sind es dagegen gut 20. Dies liege an den Lockerungen und auch an „Ermüdungserscheinungen“ der Menschen, vermutet sie.

Damit der gestiegene Aufwand trotzdem noch zu händeln bleibt, sollen weitere Mitarbeiter für voraussichtlich ein halbes Jahr eingestellt werden. „Es wurden 27 Personen ausgewählt, die bis spätestens 1. Dezember anfangen sollen“, sagt sie weiter. Die Mitarbeiter werden geschult, indem sie in das Computer-Programm, die Verwaltungsabläufe und medizinische Grundkenntnisse eingeführt werden, sagt Tabeling. „Wir arbeiten in zwei Schichten an sechs Tagen in der Woche“, so Bockhop. Von zu Hause aus zu arbeiten, sei nicht möglich und oft werde die Tätigkeit unterschätzt, sagt Tammen: „Es ist nicht nur mal telefonieren.“

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