Unternehmen in Corona-Hängepartie

Unterschiedliche Betroffenheiten

Der anhaltende Lockdown aufgrund der Corona-Krise geht langsam vielen Unternehmen im Landkreis Diepholz an die Substanz. Sie bemühen sich jedoch um Zuversicht.
10.02.2021, 18:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Niklas Golitschek
Unterschiedliche Betroffenheiten

Elena Pitigoi und ihr Mitarbeiter Silviu-Vlad Coirtescu von Tattoo Art 2 in Weyhe haben schon lange keine Kunden mehr in ihrem Studio begrüßen können.

TAMMO ERNST

Für Elena Pitigoi wäre die vergangene Woche eigentlich eine freudige gewesen. Zusammen mit ihren Kunden hätte die Inhaberin des Tattoo-Studios „Tattoo Art 2“ in Kirchweyhe gerne das dreijährige Bestehen ihres Geschäfts gefeiert. Doch wie bei so vielen Dingen in diesen Tagen machte ihr die Coronavirus-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. „Das macht mich traurig“, sagt Pitigoi. Der Ausfall dieser Feier ist jedoch nur ein Grund für ihre getrübte Stimmung. Die monatelange Schließung ihres Studios bereite ihr zunehmend Sorgen. „Einfach aufgeben geht nicht“, gibt sich Pitigoi kämpferisch. Zu viel habe sie in ihren Traum investiert und sich mit dem Tattoo-Studio, Auf dem Geestfelde, einen Wunsch erfüllt.

Erst kürzlich warnte auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover vor wachsenden Existenzsorgen, wie sie auch Pitigoi äußert. Das ausgefallene Weihnachtsgeschäft wiege schwer und seit vielen Wochen haben die Betriebe so gut wie keine Einnahmen, während die fixen Kosten weiter laufen würden. „Die Stimmung kippt gerade in vielen Branchen und schwankt zwischen frustriert und zunehmend auch verzweifelt“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt. Viele finanzielle Reserven seien aufgebraucht. Die konnte Pitigoi nach eigenen Angaben in der kurzen Zeit noch gar nicht aufbauen. „Ich habe mir Geld geliehen“, erzählt sie. Die Staatshilfen bezeichnet sie als „leere Versprechen“, es werde viel geprüft und wenig getan.

Etwas besser hat es da Jörg Wasmuth erwischt. Seine Outdoor-Kartbahn in Bassum ist in den kalten Wintermonaten ohnehin geschlossen. Aus den Schließungen im Frühjahr 2020 fehle ihm zwar ein Umsatz in sechsstelliger Höhe, doch hätten sich auch die Ausgaben deutlich reduziert. Im Sommer hätten sich anfängliche Rückgänge dann noch ausgeglichen. „Es gibt Unzählige, die schlimmer betroffen sind“, weiß er um die schwierige Situation anderer Unternehmer. Die größte Auswirkung bei ihm sei gewesen, dass das Bistro das ganze Jahr über geschlossen gewesen sei.

Noch immer bekommt Wasmuth bis zu 20 Anrufe am Wochenende, ob die Kartbahn geöffnet habe, erzählt er. Das sei ein bundesweites Phänomen. „Abwechslung und Freizeit fehlen“, weiß er. Die Hoffnung sei, gegen Ostern wieder öffnen zu dürfen; bei der aktuellen Wetterlage sei der Februar ohnehin ausgeschlossen. Als Individualsport ließen sich Hygienekonzepte beim Kartfahren aber gut umsetzen.

Von Einbußen berichtet auch Markus Meyer, Geschäftsführer der Bäckerei Brüne-Meyer mit ihren fünf Filialen in Stuhr und Weyhe. Denn die Café-Bereiche sind ebenfalls geschlossen, hier hofft er auf Unterstützung der Regierung. Das Hauptgeschäft sei jedoch der Brot- und Brötchenverkauf. „Existenzängste haben wir nicht, aber es sind unruhige Zeiten“, fasst er zusammen. Mit der Gründung im Jahr 1883 sei der Betrieb lange eingesessen und werde wohl überleben. Meyer weiß jedoch um die Situation anderer Unternehmer: „Wenn ich für mein Haus Pacht zahlen müsste, hätte ich ein Problem.“

Die wirtschaftlichen Betroffenheiten der Unternehmen unterscheiden sich also durchaus. Friedrich Meyer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Luftkurort Bruchhausen-Vilsen, beobachtet ebenfalls, dass sich hier kein einheitlicher Überblick geben lässt. „Kfz-Werkstätten und Autohäuser haben nicht die Probleme wie die Gastronomie oder der Einzelhandel“, nennt er ein Beispiel. Trotz eingeschränkter Verkaufsmöglichkeiten würden aus letzteren Bereichen zunehmend mehr Menschen um ihre Existenz bangen; Ausschankbetriebe seien noch härter betroffen, da sie auch keinen Außer-Haus-Verkauf anbieten könnten. „Auch Friseure haben gar keine Chance und keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen“, merkt er an.

Auf der Kippe steht auch der Maimarkt in Bruchhausen-Vilsen, wenn Einlasskontrollen erforderlich sein sollten. Das würde vor allem die Imbissbetriebe und Schausteller treffen, die seit Monaten auf Volksfeste warten. „Wir überlegen auch, einen verkaufsoffenen Sonntag zu organisieren“, merkt Meyer an. Doch müsse man dafür den Beschluss der Landesregierung abwarten.

Ein ähnliches Bild zeichnet Marko Kleinert von der Brinkumer Interessengemeinschaft (Big): „Es hängt stark von der Branche ab.“ Während Gesundheitsartikel- und Nahrungsmittelhändler eher von der Krise profitierten, seien die Veranstaltungsbranche, Gastronomie sowie Friseure und Massagepraxen besonders betroffen. „Sie haben bis zu 100 Prozent Ausfall“, sagt Kleinert.

Er beobachtet außerdem, dass einige Unternehmen breiter aufgestellt sind und Ausfälle teilweise kompensiert werden könnten. Kleinert ist selbst Unternehmer als Inhaber der VGH-Vertretung in Brinkum und kann noch eingeschränkt arbeiten. Zumindest Versicherungen würden kaum gekündigt, wobei Absicherung und Risikovorsorge nicht mehr im Fokus stünden.

Einige Unternehmer finden auch kreative Wege, um weiter Einnahmen zu generieren. Als Beispiel nennt Kleinert Friseure, die nun Onlineshops aufbauen, um ihre Produkte zu vertreiben. Auch Elena Pitigoi hat die Zwangspause genutzt, um ihre Angebotspalette zu erweitern. „Ich habe viele Schulungen im Kosmetikbereich gemacht“, erzählt sie. So habe sie die Möglichkeit, weiter zu träumen. Und auch wenn sie das Bestehen ihres Tattoo-Studios nicht feiern kann, hat sie sich für die Wiedereröffnung etwas überlegt: Mit einer Bonuskarte können sich Stammkunden künftig Rabatte sichern. „Ich muss es irgendwie schaffen“, sagt sie.

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