Interview mit Cord Bockhop „Das Moor wird ein zentrales Thema sein“

Landrat Cord Bockhop spricht im Interview über das Corona-Jahr 2020 und die weiteren Pläne des Landkreises Diepholz für das neue Jahr 2021.
04.01.2021, 16:33
Lesedauer: 7 Min
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„Das Moor wird ein zentrales Thema sein“
Von Esther Nöggerath
2020 war durch die Corona-Krise für alle ein Ausnahme-Jahr. Wie haben Sie als Landrat diese Zeit erlebt?

Cord Bockhop: Corona ist einfach etwas, das zurzeit dominiert. Fast jedes Thema ist mit Corona besetzt und man fragt sich bei jedem Thema, wie man das, was man gestern umgesetzt hat, jetzt unter der Vorsilbe Corona umsetzt. Es ist eine zusätzliche Last. Aber wir haben trotzdem immer den Anspruch gehabt, die Dienstleistungen nach Möglichkeit genauso zu erbringen, als ob es Corona nicht gäbe. Dass das nicht ganz gelingt, ist klar. Aber diesen Anspruch zu haben, zeigt, dass die Kollegen sehr ehrgeizig sind. Auch wenn wir der öffentliche Dienstleister sind, ist es in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich, dass alles funktioniert. Da haben die Kollegen schon eine tolle Leistung erbracht, das auf so einem Level zu halten. Das verdient schon Respekt. Da bin ich auch stolz auf die Kollegen.

Wie haben Sie das politische Geschehen in dieser Zeit wahrgenommen?

Was mich gefreut hat, ist, dass Corona in der Politik bei uns kein großes, kontroverses Thema gewesen ist. Man mag deswegen auf Bundestagsebene diskutieren, aber bei uns hat man die Sachebene nicht verlassen und es bei den meisten Themen geschafft, irgendwelche Pseudo-Diskussionen rauszuhalten. Wenn es etwa darum geht, dass es irgendwo reinregnet, muss man nicht über Corona diskutieren, sondern sich einfach mit dem Thema befassen. Das hat 2020 gut geklappt. Was allerdings nicht so gut geklappt hat, ist, dass die politischen Diskussionen zu kurz gekommen sind.

Wieso kamen die Diskussionen zu kurz?

Wir haben ohne Gremiensitzungen sehr viel auf Vertrauensbasis arbeiten und schriftlich informieren müssen. Vielleicht hätte man die ein oder andere Diskussion auch online führen können. Aber online ist das ein sehr strukturierter, geordneter Vorgang. Die dynamische persönliche Diskussion, eine gewisse Nähe und die Atmosphäre fehlen dabei. Wir haben uns aber bemüht, im Herbst die Sitzungen so zu organisieren, dass Abstand und dergleichen gewährleistet sind, damit wieder Diskussionen machbar sind – aber eben nur im Rahmen dieser Möglichkeiten. Da fehlte der Politik schon etwas, da fehlte insbesondere der Politik etwas, die gedanklich vielleicht auch schon ein bisschen im neuen Jahr, einem Wahljahr, ist.

Auch die Arbeit der Kreisverwaltung wurde durch Corona stark beeinflusst. Sind da manche Themen auf der Strecke geblieben?

Nein. Es sind eigentlich keine Themen auf der Strecke geblieben. Dass etwas nicht gemacht wurde, hat es nach meiner Kenntnis nicht gegeben. Es gab jedoch Verzögerungen und Probleme, das muss man einräumen. Aber alles ist so worden, dass es am Ende noch gut funktioniert hat. Das sieht man auch an den Eingängen: Wir haborganisiert en nur noch die Haupteingänge geöffnet, um alles besser organisieren zu können. Das ist für den Bürger etwas aufwendiger, aber man kommt trotzdem rein. Wir sind immer noch ein geöffnetes Haus und als Kreishaus nicht geschlossen. Manches dauert vielleicht etwas länger als sonst, aber es geht alles.

Ein wichtiges Thema in 2020 war auch das geplante Zentralklinikum. Wie zufrieden sind Sie mit der Standortwahl?

Wir haben uns keinen Idealstandort zurechtzimmern können. Wir haben einen Landkreis, der von Bremen bis nach Nordrhein-Westfalen reicht und in der Mitte auch kein Zentrum mit 70 000 Einwohnern hat. Aber wir haben viele Angebote von den Städten und Gemeinden bekommen, dafür bin ich dankbar. Wir haben uns mit Fachleuten zusammengesetzt und beraten lassen, wie geeignet diese Standorte sind. Dieses zügige Konzept hat auch dazu beigetragen, dass die gesamte Diskussion sachlich geblieben ist. Man hat uns gesagt, dass insbesondere Platz eins und zwei sehr gut geeignete Standorte sind, die auch in einem anderen Verfahren ähnlich bepunktet worden wären. Insoweit bin ich über das Ergebnis froh und dankbar.

Werden die Bürger eventuell sogar schon im neuen Jahr mit einem ersten Architektenentwurf zum Klinikum rechnen können?

Die Idee ist, dass wir neben der planungsrechtlichen Grundlage für die Grundstücke auch gleichzeitig einen Schritt im Bereich der Gebäudeplanung weitergehen. Da wir von einer großflächigen Realisierung ausgehen und eine ebene Fläche haben, können wir da sehr frei planen. Es soll ein Planungsverfahren stattfinden, bei dem wir uns zwar noch nicht über die Fassadenfarbe oder Türgriffe unterhalten müssen, aber über das Gesamtgebäude und die Funktion. Dafür soll es einen Architektenwettbewerb geben. Ein Dutzend Vorschläge wollen wir dann in ein geordnetes Verfahren geben und mit einer Jury das beste Konzept dafür auswählen. Dieser Wettbewerb soll in diesem Jahr stattfinden. Mit diesem Wettbewerb sind wir dann auch wieder ganz dicht bei den Vergaben des Landes.

Gibt es denn inzwischen auch schon einen Bescheid zum Zentralklinikum von der Landesregierung?

Wir haben noch nicht den Förderbescheid, der fehlt immer noch. Aber es sind ja immer so Teilschritte, in denen man begleitet wird. Wir haben erst vor einem Jahr beschlossen, ein Zentralkrankenhaus zu errichten und dafür 20 Millionen Euro als Planungskosten bereitzustellen. Das ganze, zügige Verfahren hat dazu geführt, dass wir in Hannover sehr stark wahrgenommen wurden. Und wir haben inzwischen einen Feststellungsbescheid bekommen, in dem die von uns beantragten 344 Betten auch aufgeführt werden. Das heißt, dass unser bisheriges Vorgehen akzeptiert und für richtig gehalten wird. Das hat man uns auch vom Ministerium bestätigt.

In Sachen Klimaschutz setzt der Landkreis Diepholz federführend auf die Renaturierung von Moorflächen. Wieso sind Moore so wichtig für die Umwelt?

Ich bin kein großer Biologe oder Chemiker, aber sogar meine Kinder können mir schon erklären, dass Kohlendioxid im Moor gespeichert wird. Wenn das Moor trocken fällt, setzt es CO2 frei. Und wenn es wiedervernässt wird, kann es das CO2 weiterhin und auch zusätzliches CO2 binden. Das macht es so interessant. Nichts gegen ein Bäumchen, das wir pflanzen. Aber das Moor ist wohl um ein Vielfaches wichtiger für den Klimawandel. Es zu erhalten oder wiederherzustellen, versuchen wir en gros. Das Moor wird daher in diesem Jahr und Jahrzehnt ein zentrales Thema des Landkreises sein.

Wie soll die Renaturierung erfolgen?

Die Moore, die wir jetzt haben, sind zu trocken und es ist zu viel Oberflächenbewuchs auf dem Moor, vor allem auch durch Birken. Die ziehen so viel Wasser, dass das Moor entwässert wird. Und da gibt es nur eine Möglichkeit: Man muss den Birken nasse Füße machen. Dann kippen die um und es wachsen auch keine mehr. Und das Moor kommt wieder. Wir reden bei den Moorflächen, die wiedervernässt werden sollen, nicht nur über ein paar hundert Hektar, sondern über rund 20 000 Hektar im ganzen Landkreis. Dabei wollen wir uns nicht auf kleinere Moorprojekte stürzen, sondern das im Großen machen. Das hat mit einer einfachen mathematischen Formel zu tun: Wenn ich ganz viele kleine Moorflächen mit Ackern dazwischen habe, dann ist es naturgemäß sehr aufwendig, wenn ich um diese einzelnen Moorflächen Spundwände machen muss, damit das Wasser nicht wegläuft. Aber wenn ich diese Flächen addiere, Acker tausche und die Moore zusammenfüge, muss ich nur noch einen Rand drumherum machen. Das ist viel weniger Aufwand und auch viel wirtschaftlicher.

Apropos Wasser. Die Wasserversorgung ist auch eines der großen Zukunftsthemen. Müssen sich die Kreis-Bewohner Sorgen machen, irgendwann nicht mehr genug Wasser zur Verfügung zu haben?

Nein. Es ist umgekehrt: Damit sie und nachfolgende Generationen sich auch zukünftig keine Sorgen machen müssen, wollen wir Verantwortung übernehmen. Das wird nicht ganz einfach, weil jeder Bürger auf der einen Seite der Meinung ist, man sollte mit diesem wichtigen Gut sorgsam umgehen, aber auf der anderen Seite schon seinen Garten bewässern oder Swimmingpool vollmachen möchte. Natürlich müssen wir auf das Wasser achten und trotzdem steigt der Wasserverbrauch. Nur: Wem gibt man jetzt das Wasser? Vielleicht müssen in allen Bereichen Ansätze gefunden werden, wie man das anders macht. Wir müssen da dieses Jahr nichts übers Knie brechen, aber wir müssen anfangen, darüber zu diskutieren.

Auch der Breitbandausbau war ein dominierendes Thema im vergangenen Jahr und wird es auch 2021 noch sein. Wie lief der Ausbau bisher?

Sehr erfolgreich. Das ist ein Konzept, das voll aufgegangen ist. Auch hier haben sich der zeitliche Druck und die Vorgehensweise ausgezahlt. Wir sind da weit vorne. Es ist das größte Projekt eines Landkreises in ganz Deutschland. Was die Kilometer angeht, haben wir einen großen Teil der insgesamt 850 Kilometer schon verlegt. Im Durchschnitt sind das 3,5 Kilometer pro Tag, die da geschafft werden. Das ist Wahnsinn, was die da jeden Tag so durchziehen. Und auch ansonsten sind wir voll und ganz im Plan. Wir haben das Projekt für zwei, drei Jahre angelegt und müssen es in dieser Zeit auch durchbekommen. Ansonsten bekommen wir die Fördermittel nicht. Und auch den Gesamtbetrag von rund 180 Millionen Euro werden wir einhalten. Damit bin ich sehr zufrieden.

Gibt es auch Schwierigkeiten beim Ausbau?

Womit ich nicht ganz zufrieden bin, sind die vielen Probleme bei Einzelfällen, die wir jetzt nicht mit anschließen. Und da habe ich auch noch keine Lösung. Da tauchen eben immer wieder neue Überraschungen auf. Aber wir müssen unbedingt erst das große Netz fertig bekommen und dann haben wir auch die Kraft, ein zweites Förderprogramm fertig zu machen oder uns um die 850 Einzelfälle zu kümmern. Ich bin guter Dinge, dass die Haushalte, die wir jetzt anschließen, nicht die letzten Haushalte sind. Wir haben unser Konzept auch um Schulen, Krankenhäuser oder andere zentrale Standorte wie die Rathäuser erweitert. Auch dafür ist gerade der Zuschlag erteilt worden.

Um alles realisieren zu können, wird natürlich auch Geld benötigt. Wie schätzen Sie die Finanzlage des Landkreises für das neue Jahr ein? Wird da durch Corona auch die ein oder andere Einsparung nötig sein?

Ich glaube, dass der Kreistag nicht in die Not kommt, im nächsten Jahr die Einnahmen erhöhen oder Einschränkungen machen zu müssen. Hätte man in den letzten Jahren über das Maß hinaus Geld ausgegeben, wären wir jetzt in einer anderen Situation und müssten uns überlegen, wo wir einsparen. Aber dadurch, dass wir in den vergangenen Jahren vielleicht auch für den einen oder anderen etwas zu sparsam gewesen sind, müssen wir jetzt nichts zurückfahren. Das ist meine Einschätzung. Garantieren kann ich das aber nicht, man weiß nicht, wie es mit Corona weitergeht. Wir können mit Besonnenheit den Weg weitergehen und kleinere politische Akzente setzen. Aber größere Sachen wie Moor, Breitband oder Krankenhaus werden wir nur schaffen, wenn wir uns auch Geld von woanders holen. Die Fördermittel benötigen wir schon. Wenn wir diese Themen angehen wollen, brauchen wir also auch einen starken Auftritt in Hannover und Berlin.

Das Interview führte Esther Nöggerath.

Info

Zur Person

Cord Bockhop (53)

steht seit dem 1. November 2011 als Landrat an der Spitze des Landkreises Diepholz. 2019 wurde er mit großer Mehrheit für eine Amtszeit von weiteren acht Jahren wiedergewählt. Vor seiner Zeit als Landrat war der Christdemokrat Bürgermeister der Gemeinde Stuhr. Bockhop ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt im Ortsteil Heiligenrode.

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