Im Landkreis Diepholz

Landvolkverbände und der Niedersächsische Weg

Die beiden Landvolk-Verbände im Landkreis Diepholz sehen den Niedersächsischen Weg als Chance, um ein Gleichgewicht zwischen Artenschutz und Lebensmittelversorgung zu erreichen.
29.07.2020, 18:08
Lesedauer: 4 Min
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Landvolkverbände und der Niedersächsische Weg
Von Alexandra Penth
Landvolkverbände und der Niedersächsische Weg

Schon jetzt blüht es auf vielen von Landwirten bewirtschafteten Flächen, sagen Christoph Klomburg (l.), Vorsitzender Landvolk Mittelweser, und Theo Runge, Vorsitzender Landvolk Diepholz.

Michael Galian

Landkreis Diepholz. Die Landwirte im Landkreis Diepholz fordern Mitspracherecht. „Deshalb haben wir den Niedersächsischen Weg gewählt“, sagt Theo Runge, der Vorsitzende des Landvolks Diepholz. Er und sein Amtskollege Christoph Klomburg vom Landvolk Mittelweser befürchten, dass das derzeit parallel zum Niedersächsischen Weg laufende Volksbegehren Artenvielfalt die Seite der Landwirte vernachlässigen könnte. Zum Hintergrund: Dieses war als Reaktion auf den Niedersächsischen Weg ins Leben gerufen worden, der Ansätze für den Gewässer-, Arten- und Naturschutz vorsieht. Den Landes-Grünen und dem Naturschutzbund (Nabu) gehen diese aber noch nicht weit genug, weshalb sie parallel zu den Beratungen federführend das niedersachsenweite Volksbegehren beantragt haben.

Theo Runge und Christoph Klomburg wollen nicht, dass den Regionen am Ende ein Konzept übergestülpt wird, bei dem die Belange der Landwirte möglicherweise übergangen werden. Für das parallel gestartete Volksbegehren haben sie daher nur wenig Verständnis, zumal der Nabu seine Unterschrift bereits unter den Niedersächsischen Weg gesetzt habe. Überhaupt werde lokal bereits viel in Sachen Artenschutz unternommen. „Es geht immer im Kleinen vor Ort am besten“, ist Klomburg der Meinung. Laut beider Landvolk-Verbände entfallen auf den Landkreis Diepholz bereits jetzt fast 590 Hektar landwirtschaftliche Fläche mit ein- oder mehrjährigen Blühstreifen oder -flächen – geförderte und auch nicht geförderte. Jedes Jahr vergrößere sich die Fläche.

Klomburg selbst hat ein Beispiel auf zwei seiner Flächen auf dem Barrier Feld parat. Eine davon lag über längere Zeit brach. Um das sich dort verbreitende und giftige Jakobskreuzkraut einzudämmen, säte er Blumensamen aus. Und tatsächlich halten die Wiesenpflanzen das giftige Kraut in Schach. Weil der Barrier Wald an die Fläche grenzt, hat ein Jäger Klomburg auf eine bestimmte Saatmischung angesprochen, die bei Wild beliebt ist und die in diesem Jahr das erste Mal auf dem Feld ist. Die inzwischen kniehohen Pflanzen sollen Tieren ausreichend Schutzraum bieten. Eine zusammenhängende Biotopfläche also im ringsum urbanen Raum.

Eine daran angrenzende Fläche hatte Klomburg im vergangenen Jahr als Honigbrache angelegt und EU-Fördergelder bekommen. „Man lässt einfach beim Mähen einen Streifen stehen. Je einfacher das für den Landwirt ist, desto eher macht er das auch“, sagt er. Unweit entfernt hat ein benachbarter Landwirt einen gut zehn Meter breiten Streifen sich selbst überlassen. Das Stück, auf dem besonders viel Kamille wächst, gehört zum Projekt Mediate, das mit Mitteln der Deutschen Bundesstiftung Umwelt Verfahren entwickelt, um die Biodiversität zu steigern. Die „Laufzeit“ des Blühstreifens in Barrien beträgt fünf Jahre und ist im kommenden Jahr erreicht.

„Bei uns gibt es ähnliche Projekte“, sagt Theo Runge, der für den Südkreis zuständig ist. Phänomene wie Blühpatenschaften seien inzwischen weit verbreitet im Landkreis, im Süden ist es insbesondere die Aktion Bienenfreundlicher Landwirt. In vielen Arbeitsgruppen sind schon jetzt Landwirte, Umweltschützer, Wasserverbände, Jäger und Imker im Austausch, um an Lösungen zu arbeiten. Runge nennt ein seit zehn Jahren bestehendes Abkommen rund um Wasserschutzgebiete, das unter anderem das Aufbringen von Gülle zeitlich regelt.

Er und Klomburg befürchten, dass ein Konzept nach dem „Gießkannenprinzip“ Initiativen wie diesen in die Quere kommen könnte. Ein Ziel des Niedersächsischen Weges soll sein, landesweit bei zehn Prozent der offenen Landflächen eine Biotopsvernetzung zu erreichen – vergleichbar mit dem Beispiel aus dem Barrier Feld. Laut Runge liegt Niedersachsen Schätzungen zufolge derzeit bei sechs bis sieben Prozent. Die Landvolk-Vorsitzenden sind aber keinesfalls dafür, die geplanten Flächen völlig aus der Produktion zu nehmen, sondern die Vorgaben auch in den Produktionsablauf der Landwirte zu integrieren.

Bei seinen eigenen zwei Blühflächen hat Klomburg beobachtet, dass es wenig sinnvoll ist, eine Fläche vollständig sich selbst zu überlassen. Die Fläche mit der Honigbrache aus dem vergangenen Jahr hat er nun nahezu unberührt gelassen. Dort dominiert klar die Melde. Die mit der Jäger-Blühmischung eingesäte Fläche wiederum ist dicht bewachsen von unterschiedlichen Pflanzen, die noch immer das Jakobskreuzkraut verdrängen.

Die Landvolk-Vorsitzenden sehen den Niedersächsischen Weg allgemein als sinnvoll an. Dass Politik, Landwirte und Umweltschützer zwei- bis dreimal die Woche konkrete Vorhaben ausarbeiten, sei bundesweit in der Form einmalig. Die Landwirte aus dem Kreis Diepholz haben ihre Wünsche, dass auch weiterhin viel Spielraum für die lokalen Gegebenheiten vorhanden sein muss, an ihre Vertreter weitergeleitet. Vom Niedersächsischen Weg war Theo Runge aber nicht sofort begeistert gewesen. Das gehe vielen Kollegen so. „Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, war ich skeptisch. Aber ich sehe es als Chance, so zu gestalten, dass man damit arbeiten kann“, sagt er. Und die Forderung der Gesellschaft nach mehr Umweltschutz werde nicht aufhören. „Wir wollen weg von dem Vorwurf, wir seien die Gegner der Natur.“ Klomburg ergänzt: „Wir wollen die Höfe später auch weitergeben, und das geht nicht, wenn alles abgeackert ist.“

Der beim Niedersächsischen Weg vorgesehene finanzielle Ausgleich für Landwirte, die Flächen für den Umweltschutz zur Verfügung stellen, sei bereits ein gutes Zeichen. Dennoch dürfe bei allen Überlegungen nie die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung leiden. Klomburg und Runge hoffen, dass der Niedersächsische Weg längerfristig angelegt ist. Bis zum Herbst sollen die Gesetzesvorschläge vorliegen und dann in die parlamentarische Beratung gehen. Den Vorstoß halten beide für ambitioniert, Klomburg weiß aber auch, dass sich vieles erst in der Praxis zeigen wird: „Die große Lösung für alle Probleme haben sie alle noch nicht.“

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