Lange Nacht der Kirchen in Syke

Ein himmlisches Vergnügen

Gerade einmal zehn Tage vor der Langen Nach der Kirchen in Syke haben die Verantwortlichen beschlossen, sie stattfinden zu lassen. Es war ein besonderes Ereignis, nicht nur für Kirchgänger.
04.07.2021, 15:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht / doa
Ein himmlisches Vergnügen

Für beide Seiten ein Genuss: Die Bovelmusiküsse entzückten bei ihrer Premiere das Publikum in der Barrier Kirche.

Vasil Dinev

Syke. Birgit Fellermann hatte die Entwicklung der Inzidenzwerte besonders gespannt verfolgt. Immerhin war das Mitglied im Kirchenvorstand der Syker Christus-Kirchengemeinde aktiv an der Organisation der Langen Nacht der Kirchen in Syke beteiligt. „Wir haben erst vor eineinhalb Wochen beschlossen, den Abend durchzuführen“, verriet sie am Freitagabend und war sichtlich erleichtert ob der Durchführung. Unter dem Motto „Farben der Nacht“ hatten die Bartholomäuskirche in Barrien, die Michaelskirche in Heiligenfelde sowie die Christus- und St.-Pauluskirche in Syke ab 19 Uhr ihre Türen geöffnet. Es war ein besonderes Ereignis, nicht nur für Kirchengänger.

Zwölf zum Teil zeitgleich angebotene Programmpunkte stellten Interessierte schon zu Beginn vor die Qual der Wahl. Gut 30 Besucher entschieden sich für die Klänge der Bovelmusiküsse im Barrier Kirchenhaus. Passend gewandet, gelang es Lutz Sauer (Zither), Karin König-Schneider (Dudelsäcke und Flöten), Kirsten Isensee (Gitarre), Daniel Kröger (Trommel) und Diedrich Wimmer (Drehleier und Schalmei) der Bassumer Bovelzumft schnell, das Publikum zum Mitschunkeln und Klatschen zu bewegen. Die Musikstücke, unter anderem zu den Merseburger Zaubersprüchen, wurden durch kleinere Anekdoten stimmig ergänzt. So erklärte König-Schneider, dass früher Jungfrauen das erste Traubenstampfen für die Herstellung von Weinen übernahmen. „Oft diejenigen, mit den dreckigsten Füßen, damit möglichst viele Aromen in den Wein kommen.“ Ob man sich nun wünscht, dass diese Geschichte wahr ist, bleibt dem eigenen Gusto überlassen. Fakt ist zumindest, dass in Sardinien tatsächlich Jungfrauen für diese Aufgabe vorgesehen waren. Ihre Reinheit, so heißt es, konnte keine Fehltöne in den Wein bringen. Fehltöne leisteten sich auch die Musiküsse nicht. Und so bedauerten viele, dass nach einer halben Stunde die letzten Töne verklangen. „Für uns war das eine Premiere. In der Konstellation sind wir noch nie aufgetreten“, verriet König-Schneider nach dem Auftritt. Es fühle sich „einfach toll“ an, wieder auf einer Bühne zu stehen – und dann auch noch vor Publikum. „Die Leute haben Musik aus der Konserve einfach satt“, erklärte sich König-Schneider den regen Zulauf. Auf einer Kirchenbank wohnten Ingrid Nisse und ihre Begleiterin Marliese Landsberg dem Konzert bei. Der Auftritt kam bei beiden sehr gut an. Außerdem genossen sie es, „endlich mal wieder Leute zu treffen“.

Mitgemacht statt zugehört hieß es bei der Syker Christuskirche. Auf dem Kirchplatz positionierte sich Svavar Sigurdsson mit einem E-Keyboard für ein offenes Mitsingen. Sein „Freiluft-Chor“ für diesen Abend bestand aus gut 30 Mitgliedern. „Vielleicht haben wir nicht genug Gesangsblätter, aber wir bekommen das schon hin“, zeigte er sich zuversichtlich. La-Lala-Lala-Lalala – beim Einstimmen konnten die Hefte getrost zur Seite gelegt werden. Der erste richtige Song sollte „He Got The Whole World“ sein. „Da wir alle nicht in England waren, außer die Fußballfans, haben wir darunter aber auch den deutschen Text“, beruhigte Sigurdsson und legte mit „Er hält die ganze Welt“ los. Zwischendurch winkten Fahrradfahrer beim Vorbeifahren. Bei der Langen Nacht der Kirchen kann jeder Teil des Programms sein – und wenn es nur für Sekunden ist. Zugegeben, von einem vor Energie strotzenden Rudelsingen war man noch ein gutes Stück entfernt. Doch die Freude stand allen Anwesenden ins Gesicht geschrieben, und das ist alles, was zählte.

Um 21.30 Uhr wurde es dann noch einmal andächtig. Ein Rundgang bei Kerzenschein über den Syker Waldfriedhof mit Lesungen, Gedichten und Andachten ließ den Abend ausklingen. Die erste Geschichte steuerte Birgit Fellermann bei. Sie orientierte sich an Psalm 31, Vers 16 der Bibel: „Meine Zeit steht in deinen Händen, Gott“. Sie berichtete von einer jungen Frau. Von dem leichten Eisengeschmack, den das Messer ihres Opas an den Äpfeln hinterließ, den er für seine Enkelin in mundgerechte Stücke schnitt. Jene Äpfel des Apfelbaums aus dem eigenen Garten. Jener Apfelbaum, der die Enkelin noch heute an ihren heiß geliebten Opa erinnert. Jener Opa, der Fellermanns Großvater war, wie die Tränen, die sich mittlerweile ihren Weg bahnten, verrieten. Schnell wurde der Rundgang eröffnet. Der Tenor blieb der gleiche: Geschichten zwischen Trauer und Zuversicht, die dabei helfen sollten, das Leben wertzuschätzen. Wie „Vom Schatz der zwei Kammern“ über eine alte Frau. Furchen zeichneten ihr Gesicht, ihre Augen ohne Glanz. Und dennoch gab sie einer trauernden Frau den Ratschlag, trotz menschlicher Verluste die Freude nicht zu vergessen. Der Spaziergang inmitten der Gräber regte wahrlich zum Nachdenken an und stellte den perfekten Abschluss des Abends dar, den Karin Meyer mit einer Schlussandacht vollendete und die Besucher unter einem rötlich-blauen Himmel ins Wochenende entließ.

Zur Sache

Der Schatz der zwei Kammern

Auch wenn nicht alle an der Langen Nacht der Kirchen teilhaben konnten, will der WESER-KURIER Interessierten die vorgetragene Geschichte „Vom Schatz der zwei Kammern“ (ursprünglich von Charlotte Knöpfli-Widmer) zum Nachdenken mit auf den Weg geben.

„Eines Tages begegnete ich einer alten Frau", heißt es darin. "Ihr Gesicht hatte Furchen, kreuz und quer. Über ihren Augen zogen sich traurige Linien zusammen, aber in ihren alten Wangen waren die Grübchen ihres Lachens geblieben. Sie schaute mich an und sagte: ,In deinem Gesicht ist lauter Trauer, deine Augen sind ohne Glanz, und dein Mund ist hart geworden.' ,Ich bin in Trauer', sagte ich entschuldigend. Da sagte die alte Frau: ,Richte in deinem Herzen zwei Kammern ein, eine für die Freude und eine für die Trauer. Kommt Trauer über dich, dann öffne die Kammer der Trauer. Kommt aber Freude über dich, dann öffne die Kammer der Freude.' Und mit einem Lächeln fügte sie bei: ,Den Toten ist es wohler in den Kammern der Freude.'"

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