Lebenswege Begleiten

Ein halber Abschied

Ingo Rahn, Gründer von Lebenswege Begleiten, hat sich in die Rente verabschiedet. Wobei: Ein richtiger Abschied hat noch nicht stattgefunden, denn der Initiator bleibt dem Verein zumindest teilweise erhalten.
07.12.2020, 17:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Yannik Sammert

Bruchhausen-Vilsen. Berufliches Ausscheiden muss oftmals gewissenhaft vorbereitet werden. Dies zeigt sich auch bei Ingo Rahn, der bisher die treibende Kraft des Vereins Lebenswege Begleiten war. Die Einrichtung ist für soziale Arbeit in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen bekannt. Zum 1. Dezember ist ihr Gründer Rahn in Rente gegangen. „Es ist schön, dass mein Kopf jetzt frei wird, wo ich in Ruhestand bin. Ich muss nicht mehr an so viel denken. Und auch ohne mich läuft es beim Verein positiv weiter“, stellt der ehemalige Initiator schon wenige Tage nach seinem Ausscheiden fest. Einen Nachfolger für ihn gibt es indes nicht. Stattdessen hat der Verein viele seiner Aufgaben intern aufgeteilt. Zuvor wurde das Ganze zwei Jahre lang geplant. Und komplett Lebewohl hat der 65-Jährige wohlgemerkt noch nicht gesagt, aber dazu später mehr.

Rahns Karriere stand vor vielen Jahren zunächst unter einem anderen Stern. Denn als junger Mann lernte er den Beruf des Maurers und Zimmerers. Und obwohl er im Anschluss Anfang der 1980er-Jahre Sozialpädagogik studierte, blieb er in der technischen Branche. Doch dann fiel er bei einem Arbeitsunfall vom Dach und musste die Tätigkeit aufgeben. Also arbeitete er zeitweise nicht, sondern kümmerte sich intensiv um den Haushalt und die eigenen Kinder. Sein weiterer Werdegang habe sich dann durch genau diese ergeben, als sie auf dem Gymnasium waren. „Ich beobachtete, dass in der Schule zu wenig angeboten wird. Also hab ich angefangen, Klassenprojekte zu machen“, erinnert sich der Neurentner. Er organisierte Ausflüge und arbeitete handwerklich mit Schulklassen. Dabei blieb es nicht. „Sowohl Eltern als auch Kinder fragten, ob ich auch bei privaten und schulischen Problemen helfen kann.“ Also rief er vor gut 13 Jahren eine Nachmittagsbetreuung ins Leben und organisierte kurze Zeit später zudem die Schülerfirma „Fahrradschuppen“, die es auch heute noch gibt.

Erst war der heute 65-Jährige in seiner betreuenden Tätigkeit bei der Kirche angestellt. „Doch die Kirche kippte das Projekt, also gründete ich im April 2011 innerhalb von einer Woche mit Freunden den Verein“, blickt Rahn zurück. Und nach der Gründung nahm das Projekt schnell an Fahrt auf. So seien die bis dato genutzten Räumlichkeiten der Kirchengemeinde schon bald „aus allen Nähten geplatzt“. Aktuell ist der Verein am Marktplatz in Bruchhausen-Vilsen beheimatet und hilft seit 2015 auch Flüchtlingen. Außerdem hat die Organisation heute neun Festangestellte – hinzu kommen Ehrenamtliche und Bundesfreiwillige. „Jeder leistet seinen Beitrag und bringt seine Fähigkeiten ein“, lobt der Gründer. Auch im Ort sei der Verein inzwischen sehr anerkannt – nicht zuletzt bei der Politik und der Verwaltung, die öffentliche Fördergelder bereitstellen. Gleichzeitig lebt die Einrichtung wesentlich von Spendengeldern. Um die Finanzen kümmert sich vor allem Axel Hillmann. Ihm selbst liege die Verwaltung nicht so sehr, gesteht Rahn.

Sein Trumpf ist der „gute Draht zu den Schülern und Geflüchteten“, zu Menschen halt. Dementsprechend schätzt er vor allem den direkten Umgang mit ihnen. Auf diesen muss der Gründer auch künftig nicht verzichten, denn er bleibt der Einrichtung ehrenamtlich erhalten. „Ganz aufhören kann ich nicht. Da würde was fehlen“, erklärt der 65-Jährige. Auch im technischen Bereich setzt der ehemalige Leiter zumindest im kommenden Jahr seine Arbeit fort – in Form eines Minijobs. Denn es gebe Projekte, „bei denen Ingo Rahn als erfahrener Handwerker und Sozialpädagoge nicht ersetzt werden kann“, wie es auf der Internetseite des Vereins heißt.

Einerseits wird der Rentner die Fahrradwerkstatt und die dortige Schülerfirma in Absprache mit den Eltern weiter betreuen. Auf der anderen Seite bringt Rahn sich bei Sanierungsarbeiten ein. Schließlich plant der Verein eine Küche. Außerdem muss noch ein Raum für einen regelmäßigen Mittagstisch und Veranstaltungen fertiggestellt werden. Auch die Toiletten im Gebäude sind stark renovierungsbedürftig. Auf den eigentlichen Rentner wartet also viel Arbeit.

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