Nordic-Walking

Für alle, denen Wandern zu langsam ist

Die Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen hat für Nordic Walking jüngst zwei Strecken ausgeschildert. Der Brokser Physiotherapeut Jens Faltus zeigt die insgesamt zehn Kilometer lange Strecke.
25.01.2021, 17:07
Lesedauer: 5 Min
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Für alle, denen Wandern zu langsam ist
Von Micha Bustian

Bruchhausen-Vilsen. Gut, die 21 Stufen hoch zur Redaktion fielen auch schon mal leichter. Die Oberschenkel sind nur noch schwer zu federnden Bewegungen zu motivieren. Kein Wunder nach zweieinhalb Stunden Nordic Walking mit Jens Faltus. Der 58-Jährige aus Bruchhausen-Vilsen war in jungen Jahren Triathlet, Vize-Europameister, ist zweimal in Hawaii mitgelaufen. Jetzt verdient er sein Geld als Physiotherapeut. Und als Personal-Trainer. In dieser Funktion bringt er Menschen unter anderem Nordic Walking bei.

Ja, Nordic Walking. Skilanglauf ohne Bretter. Machen vornehmlich ältere Damen, die fröhlich plaudernd durch Waldstücke walken und die dazugehörenden Stöcke hinter sich herziehen. So sieht's zumindest manchmal aus. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Jens Faltus ermittelt die Länge der Stöcker. Unterarm in leicht stumpfen Winkel zum Oberarm – wenn der Stock dann von der Hand senkrecht zum Boden reicht, ist es gut. „Lieber etwas zu kurz“, rät der Physiotherapeut, „sonst sieht's nachher aus wie Schneckenstechen“. Und auch der Griff ist eine kleine Wissenschaft für sich: Die Hand von oben durch die Schlaufe und dann von unten an den Griff. Klingt ein wenig nach Mike Krüger und seinen Nippel. Aber: So braucht man nicht dauerhaft zuzugreifen und kann den Stock beim Nach-hinten-Führen kurz loslassen. „Das entspannt die Hand“, weiß der Experte.

Nordic Walking. Eine gute Möglichkeit, die im Überfluss vorhandene Zeit während der Corona-Pandemie sinnvoll zu nutzen. Für alle, die sich gerne bewegen, denen das Wandern zu langsam, das Joggen aber zu anstrengend ist. Nordic Walking ist geeignet für jede Altersgruppe und bietet ein optimales Ganzkörpertraining. Durch die schwungvollen Bewegungen werden Herz und Kreislauf aktiviert, der Stoffwechsel in Schwung gebracht und Muskeln und Knochen gestärkt. Durch das Training von Armen, Schultern und Rücken wird so gegen Schmerzen vorgebeugt. Nordic Walking ist gelenkschonender als joggen und effektiver als einfaches gehen ohne Stöcke.

Die Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen hat für Nordic Walking jüngst zwei Strecken ausgeschildert, zusammen etwa zehn Kilometer lang. Die kürzere (3,7 Kilometer lang) führt Interessierte von der Klostermühle aus über einen Teil des Heiligenbergs nach Bruchmühlen und von dort aus wieder zurück zum Startpunkt, die längere (6,3 Kilometer) verläuft vom Bürgerpark aus über Homfeld, vorbei an der Oberen Eiter und am Werk von Vilsa-Brunnen. Wie der Tourismus-Service über die Internetseite www.bruchhausen-vilsen.de wissen lässt, können beide Strecken auch zu einer langen Route für Fortgeschrittene kombiniert werden; neun Kilometer lang, weil Teile der Straßen Heiligenberg und Bruchmühlen zu beiden Routen gehören.

Jens Faltus variiert die Streckenführung spontan. Er startet im Vilser Holz, direkt hinter seiner Praxis, marschiert entlang des Trimm-Dich-Pfades über den Homfelder Berg in Richtung Heiligenberg. „Immer schön hinter dem Knöchel einstechen mit dem Stock“, rät der Fachmann. „Dann läuft man auch keine Gefahr, über den Stock zu stolpern.“ Die ist in der Tat gegeben. Genau wie die unnötige Angewohnheit, urplötzlich zum Passgänger zu mutieren. Geschieht immer mal wieder. Kurze Schritte nach vorne, dafür lang nach hinten ausschreiten. Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. So soll's aussehen. Alles einzeln problemlos umzusetzen, alles zusammen nicht ganz so einfach.

Am Homfelder Berg sticht das erste Nordic-Walking-Schild ins Auge: oben gelb, unten grün und mit einem roten Nordic-Walking-Strichmännchen mittendrin. Allerdings nicht wirklich groß. Das geübte Auge von Jens Faltus hat es allerdings sofort entdeckt. Es geht weiter in Richtung Heiligenberg. Dort verlässt der 58-Jährige die von der Samtgemeinde ausgelegte Strecke und erklimmt den Ringwall. Findet er einfach spannender, ist aber eine rutschige Angelegenheit. Für den Abstieg gibt's eine andere Technik: Die Stöcke werden weit vor dem Körper eingestochen, in Extremfällen sogar parallel. Dennoch gilt: Oberkörper leicht nach vorne. Wer's missachtet, droht auszurutschen . . .

Kleine Tipps von Jens Faltus gibt's immer wieder nebenbei. Zur Kleidung beispielsweise. Da reicht normale Straßenkleidung, „aber wir wollen die Sportbekleidungsindustrie ja nicht am Geldverdienen hindern“. Der Experte rät zum „Zwiebelprinzip“. Anderes Thema: Brücken. Da empfiehlt Faltus, die Stöcke hochzuhalten, da diese sonst in Lücken steckenbleiben und kaputt gehen könnten. Und letztlich gibt es für die Spitzen der Stöcke Gummi-Überzieher, „Stoßdämpfer“ quasi. Die schonen auf Asphaltstraßen das Material. Überhaupt: „Beim Kauf von Stöcken sollte man nicht sparen.“ Carbon und Glasfaser seien gängige Materialien.

Zweieinhalb Stunden geht es durch Bruchhausen-Vilsen. Nicht immer entlang der ausgeschilderten Routen. Dennoch wird schnell klar: Beide Strecken bieten wunderbare Einsichten in die Landschaft. Jens Faltus ist es ein bisschen zu viel Asphalt. Und er hat noch eine andere Idee; er würde die gut geteerten touristisch genutzten Wege zusammenführen, um daraus Strecken für Sommer-Skifahrer oder Inline-Skater zu machen. Seiner Meinung nach „braucht es dazu nicht viel“. Es wäre nach den Nordic-Walking-Strecken eine weitere Möglichkeit, dem Alltag für kurze Zeit zu entfliehen und in der Natur wieder neue Kraft zu tanken. Auch nach Ende der Corona-Pandemie.

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Zur Sache

EIN LEBEN FÜR DEN SPORT

Es hat schon was von Fitness-Center, wenn man die Tür des Gebäudes Bergstraße 9 öffnet. Doch Jens Faltus ist Physiotherapeut. Dies allerdings nicht vom Beginn seiner beruflichen Karriere an. Der gebürtige Bremer startete mit einer Ausbildung zum Zahntechniker, verpflichtete sich anschließend für vier Jahre bei der Bundeswehr.

Der 58-Jährige war schon immer sportbegeistert. Im zarten Alter von sieben Jahren zog er nach Bruchhausen-Vilsen, begann im 1. Nienburger Schwimmclub mit dem Schwimmen. Daraus entwickelte sich eine Leidenschaft zum Triathlon. Eine erfolgreiche Leidenschaft. Faltus wurde unter Bundestrainer Peter Sauerland Vize-Europameister, startete zweimal beim Ironman in Hawaii. Den Sprung zum Profi schaffte er indes nicht. Also musste er sein Geld auf andere Weise verdienen.

Er machte eine Ausbildung zum Masseur und zum medizinischen Bademeister. Daraus entwickelte sich der Physiotherapeut. In dieser Funktion engagierte sich Jens Faltus bei der Triathlon-Nationalmannschaft, aber auch das ernährte seine Familie nicht. Also machte er sich zuerst in Schwarme, dann in Bruchhausen-Vilsen selbstständig. Damals noch in der Hoffnung auf ein geplantes Therapiezentrum gegenüber des seiner Praxis angrenzenden Seniorenheims. „Das war heftig damals“, erinnert er sich. „Ich habe drei Jahre lang nur wenig geschlafen.“

Er legte noch Weiterbildungen zum Sport-Physiotherapeuten, zur manuellen Therapie und zum Personal-Trainer obendrauf. Zurzeit macht Jens Faltus eine Ausbildung zum Ultraschall-Diagnostiker. „Dann gibt es aber auch nicht mehr viel, was ich in diesem Spektrum lernen könnte“, sagt der Mann, der inzwischen mit seiner zweiten Ehefrau in Wildeshausen lebt. Beruflich hat er ein ihn ständig begleitendes Ziel: Er möchte seinen Patienten beibringen, „ihre eigene Leistungsfähigkeit richtig einzuschätzen“.

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