Schulzentrum Bru-Vi Henning Austmann spricht über Nachhaltigkeit und Klimakrise

„Einfach besser leben, entgegen irreversibler Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen“ lautete der Titel des Vortrages, den Henning Austmann, Professor an der HS-Hannover, jüngst in Bruchhausen-Vilsen hielt.
12.10.2021, 15:57
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Von Bärbel Rädisch

Bruchhausen-Vilsen. Henning Austmann, Hochschulprofessor in Hannover, forscht an der Schnittstelle von Betriebswirtschaft und nachhaltiger Entwicklung. Er hielt am Montag in der Mensa auf Einladung des Schulfördervereins einen Vortrag mit dem Thema „Einfach besser leben, entgegen irreversibler Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.“ Dieses Motto ließ sich im Lauf der Ausführungen und Erklärungen des Professors allerdings umdrehen in: Besser einfach leben.

Gleich zu Beginn rüttelte die Bemerkung auf: „Ich weiß nicht, wie ich als Wissenschaftler noch warnen soll, um die Katastrophe zu verhindern, auf die wir zusteuern. Seit 200.000 Jahren lebt der Mensch auf der Erde, aber in den vergangenen 70 Jahren hat er durch sein Streben nach immer mehr Globalisierung, Technisierung und Wachstum extremere Veränderungen herbeigeführt als in Jahrtausenden zuvor.“ Beängstigend sei die Verwendung von Unmengen Phosphor und Stickstoff, das Abhängig machen von der Kernreserve Öl, Steigerung der Wirtschaftsproduktion um jeden Preis mit dem Ergebnis, sehenden Auges den Verlust von Artenvielfalt zu erleiden und das Massensterben von Tieren. Die Erfüllung von Bedürfnissen der Menschen könne ein einzelner Planet nicht mehr liefern. Es bräuchte dafür bis zu 40.

Dem Wirtschaftsfetisch entsagen

Die existenzbedrohende Klimakrise zeige, was heutzutage für normal gehalten werde, sei keinesfalls normal. "In Krisenzeiten, wie 2008 in der Weltwirtschaftskrise oder nach Ausbruch der Corona-Pandemie, war zu sehen, dass es mit einer relativen geringen Entkoppelung zu einer Erholung der Systeme kommt", führte der Wissenschaftler aus. Der Energieverbrauch müsste um die Hälfte reduziert werden. Durch Digitalisierung würde nicht alles besser. Im Hinblick auf die Entsorgung sei die E-Mobilisierung keine Lösung. Es müsse gelingen, der Droge Auto zu entsagen. Es gelte, sich vom Wirtschaftsfetisch der letzten Jahrzehnte zu verabschieden. „Der Prozess ist schmerzhaft, aber möglich durch einen echt-natürlichen wachstumsunabhängigen Lebensstil.“

Seine Vorschläge: Sich mit regionalen Produkten und weniger Fleisch ernähren, Mobilität teilen, mit mehr Generationen oder gemeinschaftlich wohnen, weniger konsumieren, regenerative Energien nutzen, kooperative Kreisläufe in der Wirtschaft anstreben, Versorgung in lokalen Netzen. „Man wird mit weniger Geld auskommen, weil man weniger ausgibt. Stress verringert sich, dafür erhöht sich der Sinn des Lebens“, so Austmann.

Zivilgesellschaft bestimmt den Wandel

Kurz riss er das Thema an, dass die Methangase unter den Permafrostböden beim Auftauen mit zunehmender Erderwärmung eine totale Katastrophe herbeiführen werden. „Inspirierende Menschen müssen Zweifler mitnehmen an Orte des Wandels, die es inzwischen gibt. Politik muss sich trauen, intern abgestimmte Reformen zu beschließen. Doch den Wandel bestimmt nicht die Politik, sondern die Zivilgesellschaft von unten. Bilden Sie lokale Gruppen und engagieren sich. Schreiben Sie an Politiker und fordern einen echt-nachhaltigen Lebensstil. Essen Sie radikal weniger Fleisch. Nutzen Sie statt des Flugzeugs die Bahn, statt des Autos ÖPNV und Fahrrad. Benutzten Sie Dinge gemeinsam und länger. Streichen Sie das Wort Shopping aus dem Vokabular.“ All diese erschreckenden Veränderungen sind bekannt, dürfte das Fazit der Ausführungen Henning Austmanns sein.

Werden die Menschen Änderungen in die Wege leiten? Dem steht allerdings der von Luther übersetzte Bibelspruch entgegen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem eigenen Vaterland und Haus. Die unbedingt notwendige Variante wäre dagegen das Zitat des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, das Austmann anführte: „Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist Rückschritt ein Fortschritt.“

Zur Person

Henning Austmann

ist Vater von vier Kindern und Professor an der Hochschule Hannover. Er lehrt und forscht an der Schnittstelle von Betriebswirtschaft und nachhaltiger Entwicklung. Zu seinen Kerngebieten gehören etwa nachhaltige Entwicklung, zukunftsfähiges Wirtschaften, Postwachstumsökonomie sowie nachhaltige Regionalentwicklung. Der ehemalige Unternehmensberater und Entwicklungshelfer ist Mitbegründer und Co-Moderator der mehrfach preisgekrönten „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ in den niedersächsischen Dörfern Flegessen, Hasperde und Klein-Süntel bei Hannover sowie ehrenamtlicher geschäftsführender Gesellschafter von zwei gemeinwohlorientierten Kollektivbetrieben.

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