Roma im Landkreis Diepholz

Ohne Baum und Geschenke

Für viele Menschen gehören Weihnachtsbaum und Geschenke zum Fest dazu. Nicht so für evangelische Christen aus Bulgarien. Für sie zählen vor allem die Gemeinschaft und die Andacht.
20.12.2020, 17:09
Lesedauer: 2 Min
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Von Dagmar Voss

Eine der Zutaten zum Weihnachtsfest, die unabdingbar dazugehört, ist ein Baum – festlich geschmückt mit dem, was jeder Familie wichtig ist. Wobei man sich häufig immer noch fragt: Wieso eigentlich? Ein Nadelbaum stand ja auch nicht bei der Geburt Jesu. Bei den Menschen, über die im 21. Türchen des Adventskalenders des WESER-KURIER berichtet wird, ist besagter Baum ein überflüssiges Detail. "Wie feiern andere Kulturen eigentlich Weihnachten?

Noch erstaunlicher ist, dass auch die sonst immer darunter liegenden Geschenke nicht vorkommen. Die Volksgruppe, die Weihnachten ganz anders – und vielleicht konsequenter oder eher essenzieller – feiert, sind bulgarische Familien, den Roma zugehörig. Diejenigen, die wir befragten, gehören zur kleinsten ethnischen Minderheit in Bulgarien – den evangelischen Christen. „Wir verbringen die Nacht von Heiligabend auf den ersten Feiertag im Gebet, dann treffen wir uns am Sonntag in den Familien und besuchen nachmittags einen Gottesdienst“, erklärt der Pastor der hiesigen Roma, Stanko Mollov.

Sie leben vorwiegend in einigen Ortschaften im Süden des Landkreises. In Wagenfeld, Barver, Rehden, Diepholz und in der Samtgemeinde Lemförde sowie Barnstorf, wo wir im Welthaus drei Vertreter getroffen haben. Neben Mollov berichteten Krozlav Velev, Adrian Gitsov und sein neunjähriger Sohn Rumen. Einhellig erzählten sie vom Gottesdienst, der am ersten Feiertag den ganzen Nachmittag dauere. Da sei eben nicht nur das Zusammensein wichtig, sondern auch die gemeinsame Andacht. Neben den Gebeten wird viel musiziert und gesungen, es sei eine richtig lebendige Feier. Rumen konnte beitragen, dass er, wie auch die Kinder der anderen, Süßigkeiten und Schokolade bekommt. Geschenke seien nicht dabei.

Dass sie hier leben und nicht in Bulgarien, hat verschiedene Gründe. Vor allem, dass sie dort schwer diskriminiert werden. Das lässt sich den Artikeln der Bundeszentrale für politische Bildung entnehmen und auch Rahmi Tuncer berichtet aus eigenen Erfahrungen vor Ort davon. Der Integrations- und Flüchtlingsberater von Pro Asyl im Landkreis Diepholz weiß: „Vor allem Roma werden in Bulgarien verfolgt, waren schon immer vom Bildungssystem, vom Arbeitsmarkt, vom Gesundheitssystem ausgeschlossen. Fast 90 Prozent haben keinen schulischen und/oder beruflichen Abschluss.“

Diejenigen, die während der sogenannten „sozialistischen Ära“ aufgewachsen seien, hätten zumindest zu 83 Prozent die Grundschule besucht, höhere Schulabschlüsse seien laut Tuncer sehr selten, besonders unter Frauen: „Deshalb üben auch die meisten lediglich sogenannte Helfertätigkeiten aus.“ Und eine sehr kleine Minderheit sei evangelisch laut Ethnologin Katrin Reemtsma. Für sie alle wird es in diesem Jahr besonders hart wegen des Coronavirus. Schon vorher war es nicht einfach, für ihre Gottesdienste einen Raum zu finden, in den rund 100 Menschen passen. Auf ihre Nachfragen bei Pastoren im Südkreis seien nicht viele besonders christliche Antworten gekommen. Aber an diesem Fest wird es noch schlimmer, denn nun können sie überhaupt nicht gemeinsam feiern und sind verzweifelt.

Wer also im kommenden Jahr für die Gottesdienste, die immer sonntagnachmittags stattfinden, einen Raum anbieten kann, möge sich an Rahmi Tuncer wenden (E-Mail: proasyl@welthaus-barnstorf.de oder rahmi-tuncer@welthaus-barnstorf.de). Er hofft, dass sich langfristig darauf ein interreligiöser Dialog aufbauen lassen könnte.

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