Jugendfußball Der Hort der Top-Talente

Gleich vier Trainer kümmern sich um die besten Jungkicker der Jahrgänge 2006 bis 2008. Immer montags treffen sich diese am DFB-Stützpunkt in Sulingen.
18.09.2019, 15:45
Lesedauer: 4 Min
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Von Thorin Mentrup

Sulingen. Walter Brinkmann hebt seine Stimme. „Passen! Schneller, noch ein bisschen mehr Druck!“, ruft er über den Kunstrasenplatz auf dem Sportgelände des TuS Sulingen. Gerade noch hat er die Arme hinter dem Rücken verschränkt, fast wie ein General. Dann nimmt er sie mit, während er Anweisungen gibt, zieht mit seinen Bewegungen quasi den idealen Weg des Balles nach. Brinkmann genießt in der Fußballszene im Kreis Diepholz einen exzellenten Ruf. Er hat sich viele Meriten erworben, nicht nur als Herren-, sondern auch als Stützpunkttrainer für die besten Talente der Region. Und genau diesen ruft er gerade seine Anweisungen entgegen und beobachtet dabei jedes Detail. Diese Arbeit verrichtet er jedoch nicht allein. Ihm zur Seite stehen drei Mitstreiter: Hermann Schlake, Tobias Dickmann und Taiki Hirooka. Sie bilden am DFB-Stützpunkt Sulingen, dem Hort der Top-Talente, das Viererteam für Förderung.

Montag ist der Stützpunkttag. Dann gehört der Nachmittag ganz den Talenten der Jahrgänge 2006, 2007 und 2008. Es ist ein ausgewählter Kreis, der dabei sein darf, die Besten der Besten. Sie alle haben einen großen Traum. Sie wollen es im Fußball weit bringen, im Idealfall bis zum Profi. „Heute gibt es eigentlich keinen Spieler mehr, der durchs Raster fällt“, weiß Brinkmann, dass der Weg dorthin nur noch über einen der Stützpunkte führt. 366 gibt es davon laut Angaben des Deutschen Fußballbundes (DFB) in ganz Deutschland. Er beschreibt sie als „ein engmaschiges, flächendeckendes Netz zum intensiven Sichten und Fördern junger Spielerinnen und Spieler“. Sie sind Teil des Talentförderprogramms, das seit der Saison 2002/03 läuft. Die Stützpunkte bilden „die Brücke zwischen der [...] Jugendarbeit an der Vereinsbasis und der zweiten Stufe der Talentförderung, den Leistungszentren und Eliteschulen des Fußballs“.

Brinkmann und Schlake, die beiden Twistringer, sind die erfahrenen Männer in der Stützpunkt-Crew. Der Dritte im Bunde, Heini Neddermann, hat das Team nach 17 Jahren verlassen. Hirooka und Dickmann sind gan frisch seit dieser Saison dabei. „Die beiden bringen viel mit und sind gute Vorbilder, weil sie selbst noch aktiv sind“, weiß Brinkmann. Hirooka hat er derzeit beim Landesligisten TuS Sulingen unter seinen Fittichen, Dickmann trainierte er einst beim Stützpunkt und beim SV Heiligenfelde. Dort ist der 26-jährige Kapitän. Den Bezirksligisten hat er vor zwei Jahren gemeinsam mit Björn Isensee sogar als Spielertrainer betreut. Dickmann, fußballintelligent und technisch stark, ist für Brinkmann ein Paradebeispiel dafür, dass am Stützpunkt nicht nur auf sportliche Entwicklung gesetzt wird: „Es geht auch darum, die Spieler persönlich weiterzubringen. Da geht es zum Beispiel um Verhaltensregeln: Sie lernen, sich vernünftig zu begrüßen und sich in die Augen zu schauen, wenn sie miteinander reden“, verrät der Coach. Er wisse es aus eigener Erfahrung: „Aus den Jungs, die beim Stützpunkt waren, werden in der Regel richtig gute Kerle, die auch abseits des Fußballplatzes Persönlichkeiten und Teamplayer sind.“ Wer eine Einladung zum Stützpunkttraining erhalte, dürfe stolz sein. Zu viel auf sich halten aber sollte er nicht. Denn Talente, die über die Stränge schlagen, sehen Brinkmann, Schlake, Dickmann und Hirooka nicht gern. In den schlimmsten Fällen verordnen sie auch schon mal eine Stützpunkt-Pause. Diesen Denkzettel müssen sie allerdings kaum einmal einem ihrer Schützlinge verpassen.

Ihre Zeit und ihr Wissen investieren die vier Trainer aber vor allem in die sportliche Ausbildung. Die Toptalente finden zum Beispiel über die Kreisauswahl den Weg zum Stützpunkt. Die vier Trainer sehen sich auch selbst Spiele an, um sich ein Bild vom Leistungsstand der Jungkicker zu machen. Darüber hinaus pflegen sie engen Kontakt zu den Vereinstrainern. Die Talente erhalten am Stützpunkt eine gezielte Förderung. Dabei steht der Ball im Mittelpunkt. Das Aufwärmprogramm kommt ohne Laufeinheiten aus. Wenn es schon im Eiltempo sein muss, dann doch bitte dem Ball hinterher. Passen, klatschen lassen – alles mit einem Kontakt und auch mal mit dem schwachen Fuß, versteht sich – und neue Position einnehmen. Das macht mehr Spaß als Runden um den Platz zu drehen. Es geht aber auch um das Umschaltspiel und die Handlungsschnelligkeit. „Das sind die Dinge, die die Spiele auf höchstem Niveau entscheiden“, macht Brinkmann deutlich. Fußball wird auch im Kopf entschieden. Die Jungkicker, die beim Spiel mit vier freien Akteuren, jeweils einer in jeder Spielfeldecke, am Ende des Trainings schnell verstehen, die Überzahl im Ballbesitz auszuspielen und für sich zu nutzen, haben einen entscheidenden Vorteil.

Die Einheiten in Sulingen sind eine Umstellung für die Talente. In ihren Vereinen gelten sie in ihren Teams als die Größten. Beim Stützpunkt und erst recht, wenn sie in Turnieren auf den anderen Topspieler Niedersachsens treffen, sind sie einer unter vielen starken Kickern. „Das ist für viele eine neue, aber auch eine sehr wichtige Erfahrung. Hier sind alle gut. Da müssen sie sich ganz anders behaupten“, sieht Brinkmann andere Vorzeichen als im Alltag. Deshalb strahlt das Trainer-Quartett stets eine große Lockerheit aus, flachst mit den Jungs oder auch untereinander und stichelt ein bisschen. „Druck“, weiß Brinkmann, „machen sich die Spieler schon genug.“ Dabei soll Fußball doch Spaß machen. Das gilt auch am Stützpunkt, auch wenn er die Tür Richtung Profifußball ein bisschen weiter aufstößt.

Der Weg in den bezahlten Fußball aber ist noch weit, egal ob es nun die Regionalliga oder gar Die Talente sind quasi gläsern, Daten wie das Gewicht werden genau erfasst, darüber hinaus gibt es regelmäßig sportmotorische Tests, die Fortschritte zum Beispiel in der Geschwindigkeit erfassen. Diese Dokumentation ist Teil der Arbeit eines Stützpunkttrainers. Darüber hinaus sind die Coaches, rund 1300 gibt es deutschlandweit nach DFB-Angaben, aber auch wichtige Ansprechpartner für die Nachwuchsleistungszentren. Im Kreis Diepholz sind das vor allem die des SV Werder Bremen, Hannover 96, aber auch auch des VfL Wolfsburg oder des VfL Osnabrück. „Wir befinden uns im engen Austausch mit den Leistungszentren. Wenn wir sehen, dass ein Spieler das Potenzial hat, dann empfehlen wir ihn auch“, sind Brinkmann und seine Kollegen einerseits Türenöffner für die Talente, die bis zum C-Jugendalter am Stützpunkt bleiben, andererseits aber auch Unterstützer der Profiklubs. Wenn die Jungkicker den Sprung in ein Leistungszentrum schaffen, bleiben die Coaches dennoch ihre Ansprechpartner. „Ich habe zu vielen ehemaligen Spielern regelmäßig Kontakt“, verfolgt Brinkmann den Werdegang der Talente genau. Nicht jede Laufbahn, die hoffnungsvoll beginnt, führt steil nach oben, „aber es ist auch toll, einen guten Fußballer in der Bezirks- oder der Landesliga mit ausgebildet zu haben“, weiß Brinkmann.

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