Frauenfußball

Die Bereitschaft ist da

Der Frauenfußball im Landkreis Diepholz steht in einem guten Licht. Dennoch ist bei den Vereinen die Angst groß, dass der Frauenfußball in Zukunft auch aufgrund von mangelnder Medienpräsenz immer weniger wird.
16.04.2021, 11:53
Lesedauer: 7 Min
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Die Bereitschaft ist da
Von Nastassja Nadolska
Die Bereitschaft ist da

Der SV Heiligenfelde (in Grün) und der TSV Weyhe-Lahausen spielen gemeinsam in der Fußball-Bezirksliga Hannover.

Michael Braunschädel

Nach dem Wunder von Bern und dem Weltmeisterschaftstitel 1954 verzauberte der Fußball die Massen – und keineswegs nur die Männerwelt. Viele Frauen wollten danach selbst ran an den Ball, doch dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) war das ein Dorn im Auge. Im Juli 1955 erließ der Verband ein offizielles Verbot. Erst am 31. Oktober 1970 hob der DFB-Bundestag dieses wieder auf. Nach mühsamen Anfängen und großen Erfolgen ist in Deutschland aktuell wieder viel zu tun, was den Frauenfußball betrifft.

Im Landkreis Diepholz ist es zweigeteilt. Während sich die Vereine im Nordkreis kaum beklagen können, was den Frauen- und Mädchenfußball betrifft, sieht es im Süden nicht so gut aus. „Im Südkreis werden die Frauen- und Mädchenmannschaften immer weniger. Vielleicht liegt es daran, dass das Einzugsgebiet im Nordkreis besser ist“, vermutet Sonja Spreen. Sie ist Staffelleiterin für alle Frauen-Klassen im Landkreis Diepholz und trainiert dazu die zweite Frauenmannschaft des SV Friesen-Lembruch.

In der Saison 1978/79 startete erstmals der Ligabetrieb im Landkreis Diepholz. „Davor hat man nur miteinander trainiert oder Freundschaftsspiele gespielt“, erinnert sich Spreen zurück. Sie selbst war jahrelang als aktive Fußballerin im Landkreis unterwegs. Sie startete 1981 ihre fußballerische Laufbahn, und damals lief noch vieles anders als heute. „Die Mädchen durften beispielsweise bis zehn Jahren bei den Jungs spielen. Danach ging es schon hoch zu den Frauen. Wir haben auch in den Ferien durchgespielt, was heutzutage ja auch ganz anders ist“, erinnert sie sich zurück.

Der erste Boom folgte nach der EM 1989 in Deutschland. Nachdem die Frauen-Nationalmannschaft am 2. Juli 1989 in Osnabrück zum ersten Mal die Europameisterschaft gewonnen hatte, war der Andrang groß. „Viele Frauen und vor allem Mädchen wollten unbedingt mit dem Fußball anfangen. Es war damals einfach angesagt“, erzählt die Staffelleiterin. Aktuell beobachtet Spreen einen Rückgang. Neben den Medien spiele vor allem der Wandel der Zeit eine große Rolle. „Die Mädchen haben ihre Zukunft heutzutage mehr im Blick als damals. Viele zieht es nach der Schule in eine andere Stadt. Außerdem sind die Möglichkeiten, sich fortzubewegen, wesentlich einfacher geworden“, zählt Spreen einige Gründe auf.

Kooperation mit Schulen

Zwar stehen die Vereine vor allem im Nordkreis gut da. Dennoch gebe es genügend Möglichkeiten, mehr Frauen und vor allem Mädchen in die Vereine zu locken und für den Fußball zu begeistern. „In Sulingen gibt es in den Schulen eine AG, in denen die Mädchen Fußball spielen. Dadurch haben die Vereine aus Sulingen immer einen ziemlich starken Unterbau bei den Juniorinnen“, weiß Spreen.

Wenn es um junge, weibliche Talente im Landkreis geht, dann hat Anja Hartmann den Überblick. Sie ist seit 30 Jahren Kreisauswahltrainerin und hat die Entwicklung des Frauenfußballs im Landkreis als Spielerin und Trainerin miterlebt. „Mit zehn Jahren habe ich angefangen und bedauere, dass ich keine richtige fußballerische Ausbildung genossen habe“, erzählt Hartmann. Sie habe in dieser Zeit nur positive Erfahrungen gemacht, was den Frauenfußball betrifft. „Ich persönlich habe jetzt nicht mitbekommen, dass man irgendwie belächelt oder ausgegrenzt wurde. Die Unterstützung der Vereine, in denen ich gespielt habe, war immer groß.“ Auch als Trainerin habe es nie Probleme gegeben. „1992 habe ich den Jahrgang für die Kreisauswahl übernommen. Damals musste ich mir noch die Spielerinnen zusammensuchen. Danach hat sich das aber schnell gewandelt“, erzählt Hartmann.

Aus ihrer Sicht habe sich der Frauenfußball im Landkreis positiv entwickelt, auch was die Vereinsarbeit und den Nachwuchsbereich betrifft. „Viele Trainer entscheiden sich mittlerweile bewusst für ein Mädchen- oder Frauenteam. Das finde ich natürlich besonders toll“, freut sich die Kreisauswahltrainerin. Ob es in Zukunft so gut weitergeht, hänge von verschiedenen Faktoren ab. „Die Medien haben natürlich einen großen Einfluss. Wenn sie mehr über den Frauenfußball berichten würden, dann glaube ich, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Die Vereine sind ja bemüht“, sagt Hartmann.

Seit 1970 eine Frauenabteilung

Zu diesen Vereinen zählt auch der TSV Weyhe-Lahausen. Damals noch als TSV Lahausen wurde dort 1970 die erste Frauenabteilung gegründet. Aktuell verfügt der Verein über drei Frauen- und zwei Mädchenmannschaften. „Darüber hinaus gibt es noch ein Mix-Team. Wir sind also ganz gut aufgestellt. Bei anderen Vereinen sieht es nicht so gut aus“, weiß Max Hurdalek, Koordinator Mädchenfußball beim TSV. Er ist seit 2010 dabei und leitet die Geschicke in diesem Bereich.

Trotz des Weggangs der kompletten B-Juniorinnen-Mannschaft des TSV zum benachbarten SC Weyhe Mitte der 2010er-Jahre hat das der weiteren Arbeit im Verein keinen Abbruch getan. Beim TSV werde der Frauenfußball aktiv unterstützt und gehöre zum festen Bestandteil. Zwischen den anderen Teams wird dort nicht großartig unterschieden. „Klar hat die erste Herren noch einmal eine andere Strahlkraft. Dennoch gehören wir, neben dem SV Heiligenfelde, zu den führenden Vereinen, was den Frauenfußball im Landkreis betrifft“, betont Hurdalek. Vor zwei Jahren ist die ehemalige erste Frauen in die Bezirksliga aufgestiegen. Dann folgte der Tausch zwischen der ersten und zweiten Mannschaft. „Mein Team war zu stark für die Kreisliga, und da das Team von Michael Cordes etwas kürzertreten wollte, hat das ganz gut gepasst. Wenn es in der nächsten Saison dann hoffentlich wieder mit dem Ligabetrieb losgehen sollte, können wir in der Bezirksliga dann richtig durchstarten“, hofft Hurdalek auf eine baldige Rückkehr auf den Platz.

Im Jahr 2018 haben die C-Juniorinnen des TSV Weyhe-Lahausen den Kreis Diepholz verlassen, um als Elfermannschaft zu spielen. Im benachbarten Kreis Oldenburg/Ammerland/Wesermarsch wurden die ambitionierten Spielerinnen fündig. „Für Nachwuchsmannschaften ist das schon ein Problem. Grundsätzlich gibt es zu wenig Vereine, die Frauen- und Mädchenfußball anbieten. Deswegen könnte ich mir auch vorstellen, dass irgendwann die Kreisklasse und die Kreisliga zusammengeführt werden“, befürchtet Max Hurdalek.

Nachwuchsproblem bei den Frauen

Ähnlich sieht es auch Berthold Wilkens, Trainer der Frauenmannschaft des SV Mörsen-Scharrendorf. „Wir haben allgemein ein Nachwuchsproblem im Mädchenbereich. Für viele ist der Aufwand mittlerweile zu groß. Auch deswegen ist es weniger geworden“, sagt Wilkens. Seit 1984/85 ist der SVMS im Frauen- und Mädchenfußball aktiv. Nach der Auflösung 1993 wurde in der Saison 2004/05 – zwischenzeitlich über eine Spielgemeinschaft mit dem SC Twistringen – der Frauenfußball reaktiviert und bis heute fortgeführt. Aktuell ist eine Frauenmannschaft mit 18 aktiven Spielerinnen beim SVMS gemeldet. „Da derzeit leider keine weiteren Juniorinnenmannschaften am Spielbetrieb teilnehmen, können natürlich Abgänge aus der Damenmannschaft nicht aufgefangen werden. Eine große Aufgabe der Vereine wird zukünftig sein, neben der Suche nach neuen Spielerinnen auch genügend ehrenamtliche Trainer und Betreuer zu finden“, ist sich Berthold Wilkens sicher.

Antje Häger gehört bei der SG Barrien-Nordwohlde zu den Gründungsmitgliedern des Frauenfußballs und war bei der Entwicklung hautnah dabei. „1998 haben wir mit dem Frauenfußball angefangen und waren alles blutige Anfängerinnen. In einem Spiel haben wir gegen Holzhausen mit 0:43 verloren, die höchste Niederlage im Kreis“, nimmt Häger dieses Ergebnis mit Humor. 2010 profitierte die SG erstmalig von dem eigenen Nachwuchs und gründete die erste Mädchenmannschaft. „Unsere Juniorinnen haben eine richtig gute Leistung gezeigt. In der Meisterschaft ging es eng zu“, erinnert sich Häger zurück.

Aus ihrer Sicht steht der Frauenfußball und auch der Nachwuchs im Landkreis in einem guten Licht. Dennoch glaubt sie, dass der Trend in Zukunft in Richtung Spielgemeinschaften sowohl im Seniorinnen- als auch im Juniorinnenbereich geht. „Insgesamt ist die Anzahl der Mannschaften in den Vereinen zu gering. Deswegen könnte ich mir vorstellen, dass man das bald so handhaben muss“, vermutet Häger, die aktuell bei Barrien-Nordwohlde noch Fußball-Spartenleiterin ist, aber zur neuen Saison das Amt niederlegen wird. Etwas Positives im Vergleich zu ihrer Zeit als aktive Fußballerin kann Häger dennoch sagen: „Die Mädchen und Frauen spielen heutzutage einen viel besseren Fußball.“

Das findet auch Torsten Eggelmann, ehemaliger Trainer der Frauenmannschaft des TSV Bassum: „Der Fußball bei den Frauen hat sich gewandelt. Taktisch und technisch erinnert mich das an den Männerfußball der 1980er- und 90er-Jahre. Ich muss zugeben, in manchen Sachen finde ich den Frauenfußball mittlerweile attraktiver als den der Männern.“ In der Saison 2019/20 sind die Frauen des TSV nach knapp sechs Jahren Pause wieder in den Ligabetrieb gegangen. „Zu diesem Zeitpunkt waren es noch A-Juniorinnen. Wir mussten uns entscheiden, ob wir uns von einigen Spielerinnen trennen oder in den Frauenbereich gehen. Wir haben uns dann für Zweiteres entschieden“, berichtet Eggelmann. Die Entwicklung war damals schleppend, mittlerweile hat der TSV aber aufgeholt und aktuell mehr als 20 Spielerinnen im Kader.

Zu Beginn der Spielzeit haben sich die Bassumerinnen das Ziel Klassenerhalt gesetzt und dieses auch erreicht. „Allerdings gab es eine Reform, bei der die Kreisklasse und die Kreisliga zusammengeführt wurden, sodass wir in der Saison 2020/21 wieder in der Kreisliga gestartet sind. Dadurch kam unser Projekt etwas ins Stolpern. Nun hoffen wir, dass es irgendwann weitergeht und wir dann wieder angreifen können“, blickt der ehemalige TSV-Coach vorsichtig in die Zukunft. Was den Frauenfußball allgemein im Landkreis betrifft, wünscht sich Eggelmann, dass die Vereine diese Sparte mehr würdigen.

Bei der SG Asendorf/Süstedt wird indes seit acht Jahren Frauenfußball gespielt. „Davor haben in beiden Gemeinden die Mädchen bei den Jungs mitgespielt und sind dann in die umliegenden Vereine gewechselt“, berichtet der erste Vorsitzende Kai Buchholz. Vor 18 Jahren gab es den ersten größeren Zulauf. Vor acht Jahren setzte die zweite Welle ein, „dann haben wir uns dafür entschieden, den Mädchen- und Frauenbereich auszubauen und haben mit Süstedt eine Spielgemeinschaft gegründet“, erzählt Buchholz. Beide Gemeinden liegen dicht beieinander und sind stark miteinander verbunden. Aktuell verfügt die SG über eine Damen-, eine B- und eine C-Juniorinnen-Mannschaft. Die Teams genießen im Verein volle Akzeptanz. „Die Idee wurde durchweg positiv aufgenommen, auch weil die Frau eines Vorstandsmitglieds selbst Fußball spielt“, sagt Buchholz schmunzelnd.

Mehr Frauen im Ehrenamt

Aktuell sind aus Sicht von Buchholz überwiegend Männer in dem Bereich tätig. „Es fehlen einfach die Frauen und auch Mädchen. Wir würden echt viel dafür tun, mehr weibliche Trainerinnen zu uns zu holen. Aber ich glaube, dass die Hemmungen zu groß sind“, vermutet Kai Buchholz.

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