Fußball Ein geteiltes Echo mit negativer Tendenz auf NFV-Plan

Der Plan, die Saison einzufrieren, stößt nicht bei allen Fußballern im Kreisgebiet auf Gegenliebe. Für viele Beteiligte bleiben Fragen offen. Sie bevorzugen einen Abbruch. Andere finden die Idee nicht schlecht.
20.04.2020, 19:40
Lesedauer: 7 Min
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Von Thorin Mentrup

Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Der Niedersächsische Fußballverband plant, die Saison bis in den Spätsommer einzufrieren und sie dann erst fortzusetzen (wir berichteten). Zur Not bis zum Sommer 2021. Der Abbruch? Vorerst kein Thema. Jetzt sind in ganz Niedersachsen und damit auch im Kreis Diepholz die Vereine gefragt: Sie sollen ihr Votum zu den Vorschlägen (s. Infokasten) abgeben. Ein Meinungsbild soll entstehen: Tragen sie den Plan mit oder lehnen sie ihn ab? Es zeichnet sich ein geteiltes Echo ab – mit negativer Tendenz.

Ein ruhiges Wochenende hatte Andreas Henze nicht. Und auch der Montag brachte mit sich, was am Freitagabend begonnen hatte: viele Gespräche und einen regelmäßigen Check des E-Mail-Eingangs. Dort ist derzeit besonders viel los, erwartet der Vorsitzende des Fußballkreises Diepholz doch Rückmeldung aus allen Vereinen mit Fußballsparte. Am Montagabend zeichnete sich ab, dass das Votum der Diepholzer Kicker bezüglich des NFV-Plans negativ ausfallen wird. Henze selbst hat eine klare Meinung: „Ich bin für eine Fortsetzung der Saison“, steht er hinter der Idee. Viele Vereine dagegen hätten sich für einen Abbruch ausgesprochen, manche auch mit Annullierung. „Dann würde man um den Lohn des bisherigen Erfolgs gebracht“, widerspricht Henze.

Problem Spielerwechsel

Er sei ein wenig enttäuscht von sich selbst, dass er es nicht geschafft habe, die Vereine vom NFV-Plan zu überzeugen. Als eines der größten Probleme macht Henze das Thema Spielerwechsel aus. Er plädiere dafür, eine Wechselperiode im Sommer zu machen, aber unter Kriterien des Winterfensters. Sprich: Spieler dürfen nur mit Zustimmung des abgebenden Vereins wechseln. Das aber findet sich im NFV-Vorschlag nicht wieder. Das mache es schwerer, die Klubs zu überzeugen. Denn diese wünschten sich vor allem Klarheit in allen Bereichen.

In der Tat schlummert hier großes Konfliktpotenzial, wie Aussagen von André Schmitz, Trainer des Kreisligisten TSG Seckenhausen-Fahrenhorst, und auch Hartmut Wessel, Spartenleiter beim TVE Nordwohlde, belegen. „Es bringt nichts, Spieler, die wechseln wollen, in einem Umfeld zu halten, das sie verlassen wollen. Was sind die Gespräche dann überhaupt noch wert, wenn man die Saison verlängert? Dann bekommt man statt fünf Zusagen am Ende vielleicht nur noch zwei“, findet Schmitz. Außerdem begännen zum Beispiel einige Spieler ein Studium. Diese verlöre man, eventuell ohne Ersatz zu bekommen. Befürchtungen in diese Richtung hat auch Wessel. „Die Krise könnte uns Spieler und Vereine kosten“, glaubt er. Was solle außerdem mit neuen Trainern passieren oder den Übungsleitern, die aufhören und nach dem Sommer keine Zeit mehr für ihr Amt haben?

So ist es nicht wirklich verwunderlich, dass die Nordwohlder den Vorschlag des Verbandes ablehnen. Jetzt könnte man argumentieren, die erste Herrenmannschaft belege einen Abstiegsplatz in der Kreisliga und der TVE versuche, sich vor dem Abstieg zu retten. Dem tritt Wessel allerdings entschieden entgegen. „Das ist nicht der Situation der ersten Herren geschuldet. Wir haben andere Teams wie unsere Frauen und unsere zweite Herren, die ganz oben stehen. Da ist auch noch nicht klar, wie es weitergeht.“ Die Tabelle dürfe bei keiner Mannschaft maßgebend für die Entscheidung sein. „Es macht in der Gesamtsituation keinen Sinn mehr“, findet Wessel. „Die Leute haben mit dieser Saison abgeschlossen.“ Ihn stört, dass die Aktiven bei der Kurzfristigkeit der Entscheidung außen vor bleiben. „Das wirkt alles übers Knie gebrochen. Es gibt keine Einheitlichkeit, das passt nicht zusammen.“ Gegen den NFV-Vorschlag spricht sich auch Schmitz aus. „Da fehlen mir die Worte“, kommentiert er die Idee. „Dann können wir lieber alles auf null setzen und neu starten, wenn es wieder geht.“

Fragezeichen bei den Spielern

Das Thema Spielerwechsel betrifft unter anderem Maximilian Wirth. Er will vom Brinkumer SV in der Bremen-Liga zum SV Heiligenfelde in der Bezirksliga Hannover. Sportlich gesehen, wird er also Niedersachse. Doch der ursprüngliche Plan, der ihn ab dem 1. Juli im SVH-Trikot sah, wackelt, wenn der NFV die Saison einfriert. Selbst mit Transferperiode. „Im Moment ist es für mich schwierig, da genau durchzublicken“, sagt der 24-Jährige.

Für ihn könnte es gar besonders knifflig werden, weil er vom Verband Bremens in den Niedersachsens wechselt. Offiziell haben die beiden Nachbarverbände noch keine gemeinsame Regelung gefunden. Jenseits der niedersächsischen Grenze soll Ende April darüber beratschlagt werden, wie es weitergeht. Wirth hofft auf ein gemeinsames Vorgehen. Schließlich hängen alle Spieler, die sich für einen Wechsel entschieden haben, in der Schwebe.

Er sei inzwischen davon ausgegangen, dass er kein Spiel mehr für Brinkum machen würde, sagt der Außenbahnspieler. Seine Mitgliedschaft bei der Elf vom Brunnenweg hat er zu Ende Juni bereits gekündigt. Dann ist er kein Brinkumer mehr. Aber was ist, wenn die Saison auch in Bremen verlängert wird? Darf er dann noch das BSV-Trikot überstreifen? Fragen, die sich Spieler auch in Niedersachsen stellen. Im SV Heiligenfelde ist Wirth noch nicht angemeldet. Vielleicht muss er das vorerst auch nicht erledigen.

Immerhin um eine Sache müssen sich weder Brinkumer noch Heiligenfelder sorgen: Wirths Wort hat Bestand. „Ich werde die Saison 19/20 in Brinkum zu Ende spielen, egal wie lang sie dauert, und dann nach Heiligenfelde wechseln.“ Eine klare Linie. Die wünscht sich Henze von allen. Als unglücklich empfindet er das Vorgehen, erst das Votum einzuholen und dann die Kriterien festzulegen. „So sind noch viele Fragen offen. Aber wir wissen nicht mehr als die Vereine.“

Auch die kurze Zeitspanne von der Bekanntgabe der Idee bis zum Ende der Abstimmung am Dienstag sei nicht glücklich. „Das ist auch dem geschuldet, dass andere Verbände weiter sind als Niedersachsen“, weiß Henze. Die Zeit ist auch ohne Spielbetrieb ein entscheidender Faktor. Nicht förderlich für das Meinungsbild der hiesigen Klubs sei gewesen, dass Teile der Konferenz noch am selben Abend öffentlich wurden, noch bevor die Vereine Informationen erhielten. „Das hat einiges kaputt gemacht“, weiß er, dass Klubs sich bevormundet fühlten. Auch Wessel ärgert das. „Da hätte ich mir mehr direkte Kommunikation erhofft“, sagt er.

Einige späte Entscheidungen

Entschieden hatten sich bis zum Redaktionsschluss noch nicht alle Vereine aus dem Diepholzer Kreisgebiet. Intensiv wurde zum Beispiel beim SV Bruchhausen-Vilsen um den Vorsitzenden Thomas Warnke diskutiert. „Wir sind uns nicht ganz einig im Vorstand. Da gibt es unterschiedliche Tendenzen“, erklärt er. Die ideale Lösung gebe es nicht, ist er überzeugt. In einem Punkt aber sind sich die Vilser einig: Von einer halben Saison 2020/21 „halten wir gar nichts“.

Und wie kommt der Rest des NFV-Vorschlags an? Da hat sich für Warnke ein Meinungswandel vollzogen. „Am Anfang waren wir tendenziell eher dagegen. Je länger wir aber darüber nachgedacht haben, desto mehr Sympathie hat die Idee gewonnen. Sie ist für mich die sportlich fairste Lösung.“ Das Wichtigste sei, ab dem 1. Juli 2021 eine reguläre Spielzeit zu starten. „Bis dahin sollten wir alles tun, den Spielbetrieb wieder in Gang zu kriegen.“ Mit dieser Idee scheinen sich viele Vilser anfreunden zu können, obwohl sie bei einem Abbruch der Saison mit Auf-, aber ohne Absteigern profitieren würden. Die erste Herren könnte wieder Bezirksligist werden. „Aber von uns will keiner am Grünen Tisch aufsteigen“, bekräftigt Warnke.

Der NFV-Vorschlag hat also durchaus Freunde. Er gefällt auch Horst Segelhorst, dem Spartenleiter des SV Osterbinde. Der kleine Verein spielt mit seiner ersten Herrenmannschaft in der 3. Kreisklasse. „Ich würde es bevorzugen, die Saison sportlich zu beenden. Das ist am besten.“ Das werde er mit dem Vorsitzenden Karl-Heinz Temme abstimmen.

Größer ist der Abstimmungsbedarf beim TuS Sudweyhe, dessen Fußballabteilung viele Hundert Mitglieder stark ist. Entsprechend viele Meinungen hat Spartenleiter Holger Siemer gehört. „Das geht in alle Richtungen. Es ist schwierig, allen gerecht zu werden.“ Ein Abbruch würde ihn nicht begeistern, allerdings sehe er auch all das Organisatorische, was auf den Verband zukommt bei einer Verlängerung. „Was da dranhängt, ist Wahnsinn.“ Auch die Grün-Weißen verabredeten sich am Montagabend noch zu einer Telefonkonferenz. Ergebnis: erst einmal offen.

Auch Henze wird versuchen, seine Vereine doch noch zu überzeugen. Er will am Mittwochabend eine Video- oder Telefonkonferenz abhalten, um offene Fragen zu klären. Ob es ihm gelingen kann, die Stimmung zu ändern? „Das ist schwierig“, ahnt er. So oder so werde er als Vertreter seiner Vereine im Kreis Diepholz die Meinung der Klubs in die nächste Verbandssitzung einbringen. „Ich werde so votieren, wie es die Mehrzahl meiner Vereine vorschlägt.“

Zustimmung in Bayern

Interessant ist für die Niedersachsen der Blick in den Süden: Der Bayerische Fußballverband hat seinen Vereinen ebenfalls die Aussetzung der Saison auf Zeit empfohlen. Wie er mitteilte, haben 68,13 Prozent der Klubs sich für diese Variante ausgesprochen. Das Prozedere wird am Mittwoch wohl endgültig beschlossen. Ob das Signalwirkung für Niedersachsen hat? Henze hält das für möglich: „Ich habe mit einigen Kreisvorständen gesprochen, die ein relativ eindeutiges Votum für den Vorschlag haben.“

Info

Zur Sache

Das Schreiben an die Vereine

Die Videokonferenz war gerade vorbei, da machten sich die Verantwortlichen der niedersächsischen Fußballkreise direkt daran, ihre Vereine über die Pläne zu informieren. Folgende Punkte umfasst der Vorschlag:

- Aussetzung der Saison bis August.

- Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Saison 2019/20 ab 15. August beziehungsweise 1. September.

- Abschluss der alten Saison bis Ende November, wenn es möglich ist. Sollte man erst später beginnen können und ein Abschluss Ende November nicht möglich sein, dann geht die Saison 2019/20 bis zum Sommer 2021.

- Wenn der Abschluss Ende November 2020 möglich ist, dann kann ab Februar/März 2021 eventuell eine verkürzte Saison 2021 bis zum Sommer stattfinden.

Gespart wird in dem Schreiben an die hiesigen Klubs nicht mit Kritik an der Politik: Dass es schwierig sei, Entscheidungen zu treffen, sei auch dem geschuldet, „dass die Politik dem Thema Amateursport überhaupt keine Bedeutung schenkt“. Sie lasse den Amateursport in großer Ungewissheit. Auf Nachfrage beim Ministerpräsidenten Stephan Weil sei „nur eine sehr dehnbare Aussage“ gekommen.

Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Politik entscheidet, wann es weitergeht: Die Behörden müssen die Sportanlagen wieder freigeben und das Fußballspielen wieder erlauben. Darüber hinaus müssen kommunale Verfügungen einbezogen werden. Die Sportanlagen und -stätten sind momentan bis mindestens Anfang Mai geschlossen, bis zum 4. Mai sind zudem Ansammlungen im nicht-öffentlichen Raum von mehr als zwei Personen untersagt. Das gilt auch für Zusammenkünfte in Vereinen.

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