Handball Die Frage nach dem Risiko

Manchmal muss man in einem Sport auch mal ein Risiko eingehen, um zu gewinnen. Aber muss man das auch, um überhaupt spielen zu können?
22.10.2020, 18:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Thorin Mentrup

Spielen oder nicht spielen? Diese Frage werden in Zukunft die Handballklubs selbst beantworten. Zumindest dann, wenn es in Gebiete geht, in denen der Sieben-Tage-Corona-Inzidenzwert bei mehr als 35 liegt. Also in fast allen Landkreisen, in denen die HSG Stuhr, HSG Phoenix, HSG Bruchhausen-Vilsen und TSV Schwarme aktiv sind. Nach dem Beschluss, den das Präsidium des Handballverbandes Niedersachsen am Mittwochabend gefasst hat (wir berichteten), gibt es bereits für dieses Wochenende eine klare Tendenz: Alle Partien mit Beteiligung dieser Klubs fallen aus.

Dass er mit seiner HSG Stuhr nicht zur HSG Delmenhorst II fahren muss, ist für Trainer Mike Owsianowski einerseits „schade, weil wir gern in die Saison gestartet wären“, aber auch eine Erleichterung. Denn: „Es wäre schwer, es den Leuten zu erklären: Einerseits dürfen wir nicht feiern und es gibt Sperrstunden in der Gastronomie, andererseits sollen wir Amateursportler in Risikogebiete fahren, um Vollkontaktsport in Hallen zu spielen.“ Das passe nicht zusammen. Erst recht nicht in Delmenhorst, wo der Inzidenzwert am Donnerstag auf 236,6 gestiegen ist. Auch die Delmestädter selbst haben darauf reagiert: Die HSG hat bis zum 1. November alle Spiele abgesetzt.

Die Stuhrer hätten es ihren Spielern freigestellt, ob sie kommen oder nicht. „Einige hätten aus arbeitstechnischen Gründen definitiv nicht spielen dürfen“, hätte „Owo“, wie der Coach genannt wird, nicht auf sein Topteam bauen können. Er hätte sich einen späteren Saisonstart in der Landesliga gewünscht, „vielleicht eine Verschiebung um drei, vier Wochen, um zu schauen, wie es dann aussieht“. Die Stuhrer Spielklasse ist, aus der Corona-Brille heraus betrachtet, eine Risikoliga, kommen doch sieben der elf Klubs aus Landkreisen, die den Inzidenzwert von 50 überschritten haben. Relativ bedenkenlos spielen können nur Drochtersen/Bützfleth, Beckdorf und Fredenbeck (alle Landkreis Stade) und Zeven (Landkreis Rotenburg), wo die Werte um 20 kreisen.

Ähnlich sieht die Situation in den Landesklassen aus. Die Situation ist durchaus belastend. „Man überlegt schon zweimal, ob man spielt oder nicht“, sagt Gerd Anton, Trainer der HSG Bruchhausen-Vilsen. Handball wird zur Frage der Risikobereitschaft. Die Partie der HSG in Habenhausen fiel bereits aus, nun findet das Spiel gegen die SG Bremen-Ost II nicht statt. „Ich kann jeden verstehen, der absagt“, betont Anton. Er sieht allerdings mittel- bis langfristig Probleme auf die Klubs zukommen: „Das Ganze wird ja nicht diese oder nächste Woche vorbei sein“, rechnet er mit weiteren Ausfällen und fragt sich, wie es dann weitergehen soll: „Der Terminkalender ist ja jetzt schon sehr voll. Es gibt kaum freie Wochenenden für Nachholspiele.“ Der Handballverband werde sich in den kommenden Wochen wohl erneut positionieren müssen, um zu klären, wie eine Saison vernünftig über die Bühne gebracht werden kann.

Gerade in der Landesklasse ist das eine spannende Frage, wird die Liga doch am Ende der Saison aufgelöst. Für alle Teams geht es also um sehr viel. Zurück auf Regionsebene will keine Mannschaft. „Umso wichtiger ist es, eine Transparenz herzustellen“, hofft Christoph Schweiter, Trainer der HSG Phoenix, darauf, keine Diskussionen über Recht und Unrecht führen zu müssen. Seine Mannschaft hätte an diesem Wochenende gegen Habenhausen spielen sollen. Der ATSV sagte ab. „Gar kein Problem“, findet Schweitzer. Man müsse nur flexibel sein, was Nachholtermine angehe. Um Spiele unter der Woche komme man wohl nicht herum.

Dass der Verband nicht komplett den Stopp-Knopf gedrückt hat, kann er verstehen. „Es gibt in Niedersachsen einige Gebiete, in denen die Zahlen nicht so hoch sind. Man kann nicht einfach alle über einen Kamm scheren.“ Schließlich hofft auch Phoenix noch auf einige Spiele in naher Zukunft. Glücklich sind dennoch nicht alle mit der Entscheidung des Verbands. So auch Owsianowski: „Ich finde schon, dass man es sich ein bisschen zu leicht macht, alles auf die Vereine abzuschieben.“

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