Faustball Mit Herz und Faust

In Bruchhausen-Vilsen gibt es die einzige Mannschaft im Kreisgebiet, die am Faustball-Punktspielbetrieb teilnimmt. Im Luftkurort fristet die Abteilung jedoch beinahe ein Schattendasein.
15.03.2019, 18:30
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Von Thorin Mentrup

Bruchhausen-Vilsen. Montagabend, Mensa-Sporthalle: Die Faustballer des TV Bruchhausen-Vilsen haben Besuch. Die Nachbarn sind da. Nur: Mal eben rumkommen, wie es so schön heißt, das gibt es beim Faustball in der Region nicht. Der Nachbar, den die Vilser zum gemeinsamen Training empfangen, ist der SCB Langendamm aus dem rund 40 Kilometer entfernten Nienburg. „Faustball“, das weiß Michael Braun, Spartenleiter der Vilser, nur allzu gut, „ist hier eine Randsportart.“ Doch immer noch gehen 14 Aktive diesem Sport beim TVBV mit viel Herz nach.

Das Warmmachen fällt recht kurz aus. Da halten es die Faustballer wie jeder andere Sportler: Das Spiel macht am meisten Spaß. Also bilden Vilser und Langendammer drei Teams, die wieder und wieder durchgemischt werden und dann gegeneinander antreten. So kommt niemand zu kurz, jeder kann sich aber auch eine Verschnaufpause gönnen. Die Atmosphäre ist locker und ungezwungen. Augenscheinlich haben alle Spaß. Braun, gerade nicht auf dem Feld, verfolgt das Geschehen vom Seitenrand aus. „Es ist schwer, alles am Laufen zu halten“, sagt er. Faustball spielt in Vilsen eine untergeordnete Rolle, fristet beinahe ein Schattendasein. „Es gibt so viele Möglichkeiten“, weiß der Spartenleiter um die Konkurrenz. Die Jugendfeuerwehr zum Beispiel, aber auch Handball und Fußball, im Luftkurort die beiden dominierenden Sportarten. Da bleibt für die Faustballer nicht viel Nachwuchs übrig. Die meisten Spieler bewegen sich im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Ein Blick auf die Gäste aus Langendamm verrät: Ungewöhnlich ist das offenbar nicht.

Die goldenen Zeiten liegen lang zurück

Die Zeiten waren für die Faustballer der Region schon mal rosiger: „Früher wurde zum Beispiel in Heiligenloh und Weyhe-Lahausen gespielt. Jetzt sind wir im Kreis Diepholz die einzige Mannschaft im Punktspielbetrieb“, weiß Alfred Niemeyer. Die Geschichte der Vilser Faustballabteilung ist eng mit ihm verbunden, schließlich war er 25 Jahre lang Chef der Sparte: Von 1977 bis 2002 leitete er die Geschicke der Vilser Faustballer, war darüber hinaus als Fachwart im Kreis aktiv. Bis zum Alter von 82 Jahren hat er noch selbst gespielt, mittlerweile hat er die 90 geknackt. Er kommt zwar nicht mehr zu jedem Training, ist aber noch immer nah dran. „Ich will natürlich wissen, was passiert“, sagt er. Er hat noch Erinnerungen an tolle Zeiten im Faustball. In den 70ern, da war die neue Halle am Schulzentrum in Vilsen gerade fertig, begann er mit dem Faustballspielen. Offiziell gibt es die Sparte übrigens erst seit 1977, vorher hieß sie noch „Ballspiele für ältere Herren“. Dass Faustball kein Altmännersport ist, erkannte Niemeyer schnell. Er sorgte für Nachwuchs, sogar ein Frauenteam gründete sich. Zeitweise waren drei Vilser Mannschaften im Punktspielbetrieb gemeldet. „Das waren Zeiten, in denen hier sehr viel los war. Das war schön, weil wir auch viel gemeinsam unternommen haben. Das war immer ganz wichtig, und das ist es auch heute noch. Darum kümmert sich Michael sehr gut“, lobt er seinen Nachfolger. Das größte Problem sei, dass Faustball nicht so bekannt sei. „Die Sparte hält einen Dornröschenschlaf“, findet Niemeyer.

Für den ehemaligen Spartenleiter ist der Sport perfekt für jede Altersklasse. „Das ist das Faszinierende am Faustball: Man kann als junger Mensch spielen, aber auch im hohen Alter. Man bleibt in seiner Hälfte, wenn man eine vernünftige Aufteilung hat, muss man nicht ganz so viel laufen. Und manches macht man irgendwann einfach mit Erfahrung.“ Junge Spieler gibt es auch im Vilser Lager. Zu ihnen zählt Vincent Atenhahn. Er hat Faustball in den Genen, denn sein Vater Cord gehört ebenfalls zum Team. „Vincent ist mit Faustball aufgewachsen. Er war schon damals bei den Turnieren immer mit dabei. Dann hatte man in den Pausen Zeit, gemeinsam zu daddeln“, verrät Cord, der sogar Zweitliga-Erfahrung mitbringt. Seit fast 40 Jahren sei er mittlerweile Faustballer. Für den Malermeister ist der Sport der perfekte Ausgleich zum Arbeitsalltag. „Damals sind wir fast als ganze Klasse mit dem Faustball angefangen“, erinnert er sich an die Anfänge. „Schade, dass das heute so nicht mehr funktioniert.“

Seinen Sohn hat er jedoch mit der Faustball-Begeisterung angesteckt. „Das freut mich. Für mich ist es schön, gemeinsam mit meinem Sohn auf dem Feld zu stehen. Das gibt es sicherlich nicht überall“, genießt er die gemeinsame Zeit. Die Leidenschaft an die neue Generation weiterzugeben ist ein Schlüssel, die Sparte am Leben zu halten. Das weiß auch Vincent, der sich nicht vorstellen kann, dass es Faustball in Vilsen einmal nicht mehr geben könnte. „Vielleicht gibt es mal keine Mannschaft im Punktspielbetrieb mehr, aber die Sparte wird weiter bestehen. Sonst würde dem Verein auch etwas fehlen.“ Er macht eine Kochlehre, muss dafür in Hannover zur Schule und ist darüber hinaus bei der Feuerwehr engagiert. Deshalb hat auch er nicht immer Zeit für das Training, die Spiele und Turniere. Wenn er von seinem Hobby erzählt, erntet er meist überraschte Blicke: „Dann fragen mich die meisten: ‚Das ist doch wie Volleyball, oder?‘ Aber das ist es natürlich nicht.“ Die Spielidee ist ähnlich, markante Unterschiede gibt es aber dennoch, so darf beim Faustball der Ball vor je­dem Schlag ein­mal den Bo­den be­rüh­ren. So tief steigen aber nur wenige Nicht-Faustballer in die Regelkunde ein. Vincents Versuche, Freunde für den Sport zu begeistern, waren wenig erfolgreich. „Andere Sportarten ziehen mehr“, weiß er. Die Hallenzeit am Montagabend zwischen 19 und 21 Uhr und gern mal ein bisschen länger macht die Nachwuchsgewinnung nicht einfacher: „Das ist für junge Spieler sehr spät“, weiß Andreas Kautz, einer der langjährigen Faustballer und ein steter Unterstützer Brauns.

Gute Laune unter Gleichgesinnten

Das Grundproblem bleibt damit bestehen: Auch wenn die Vilser seit 2007 durchgängig am Punktspielbetrieb teilnehmen und damit eine Konstante darstellen, „müssen wir dennoch immer kratzen“, wie Kautz verrät. Wenn Spieltage wie zuletzt in der Hallensaison in der Bezirksklasse anstehen, dann müssen die Vilser bis nach Gronau (Leine) oder Hänigsen fahren, stets Richtung Hannover. „Bei einem Spieltag geht ein ganzer Tag drauf“, weiß Braun. 120 Kilometer und mehr sind die Vilser dann unterwegs. Dagegen ist Nienburg nur einen Katzensprung entfernt. Die Tagestouren seien für viele jedoch ein K.o.-Kriterium, weiß Braun. Dabei sei die Stimmung während der Spieltage unter den Aktiven immer besonders gut. „Es macht Spaß, weil man Gleichgesinnte trifft. Da gibt es einen besonderen Zusammenhalt“, findet der Spartenleiter.

Das wird auch im Umgang mit den Spielern aus Langendamm deutlich. Sie sind keine Gäste, sondern Freunde. „Wir verstehen uns sehr gut“, sagt Kautz und bekommt Zustimmung aus dem Lager des SCB: „In dieser großen Runde zu trainieren, macht mehr Spaß“, sagt Georg Moek. Er und seine Mitstreiter nehmen die Anreise deshalb gern auf sich. Sie finden in Vilsen beste Bedingungen vor: „Hier gibt es eine schöne große Halle. Das haben wir bei uns nicht. Dafür laden wir Vilsen dann im Sommer ein, zu uns zu kommen.“ Eine passende Grünanlage gibt es auch in Bruchhausen-Vilsen, doch auf einen Besuch folgt natürlich ein Gegenbesuch. So ist das unter guten Nachbarn.

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