Vereinsinterne Duelle

Plötzlich Gegner

Der Kontrahent aus dem eigenen Klub: Vereinsinterne Duelle sind keine Seltenheit im Amateursport mehr. Die Beteiligten mögen sie nicht, doch sie versuchen, aus der unangenehmen Situation das Beste zu machen.
10.10.2018, 15:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Thorin Mentrup

Der 23. September war ein besonderer Tag für die Korbballerinnen des SV Heiligenfelde II: Der Aufsteiger spielte erstmals in der Niedersachsenliga um Punkte. Und doch war die Vorfreude im Lager der Heiligenfelderinnen gedämpft. „Gegen eine Mannschaft aus dem eigenen Verein zu spielen, ist nicht so schön“, sagt Jörg Spalkhaver. Die Premiere feierte die von ihm und seiner Frau Frauke trainierte Mannschaft nämlich ausgerechnet gegen die eigene Erstvertretung. Vereinsinterne Duelle sind im Amateursport keine Seltenheit mehr. Sie finden nicht nur im Korbball, sondern auch im Handball und im Fußball statt. Spaß machen sie den meisten Beteiligiten allerdings nicht. Schließlich spielt immer auch die Angst mit, dass das Aufeinandertreffen zu einer internen Belastung wird.

„Solche Gedanken schwirren einem natürlich im Kopf herum“, gibt Spalkhaver ehrlich zu. „Man freut sich einfach nicht so auf diese Spiele wie auf die anderen, weil man ja eigentlich zusammengehört.“ Verbunden durch das Wappen, aber auf dem Feld getrennt – an diesen Gedanken kann sich Spalkhaver nicht gewöhnen. Schließlich ist das Verhältnis der Heiligenfelder Korbballerinnen untereinander sehr eng. „Wir haben sogar gemeinsame Hallenzeiten. Wir trainieren dann zwar getrennt, aber machen zum Abschluss eigentlich immer ein gemeinsames Spiel.“ Anders als beim Trainingsspielchen war der Auftakt in der Niedersachsenliga allerdings wesentlich ernster. Denn punkten wollten beide Teams. „Sein Bestes gibt man natürlich immer, aber das Gefühl ist anders, weil man ja mit jedem Korb irgendwie auch dem eigenen Verein weh tut“, erklärt Spalkhaver den Zwiespalt, in dem alle Beteiligten steckten.

Am Ende gewann die Zweite gegen die Erste sogar mit 8:7. Was auf dem Papier eine faustdicke Überraschung war, feierte der Sieger mit gedämpfter Freude. Der Drei-Punkte-Start dank des 12:12-Unentschiedens im zweiten Spiel gegen den TSV Emtinghausen war eine Top-Ausbeute für den Aufsteiger, „aber wenn wir diese Punkte gegen andere Mannschaften geholt hätten, wären wir noch glücklicher gewesen“, glaubt Spalkhaver. Der Coup der Zweiten über die Erste spielte nach der Partie übrigens keine Rolle mehr: „Natürlich redet man über ein Spiel, aber das haben wir alle schnell abgehakt. Wir kommen weiter sehr gut miteinander aus. Das bleibt das Wichtigste.“

Eine Überraschung gegen die eigene Erstvertretung wäre den Handballern der HSG Phoenix II im Regionsoberliga-Punktspiel beinahe gelungen. Beim 30:31 mussten sie sich nur knapp geschlagen geben. Die Erinnerungen sind beim Zweitherren-Spielertrainer Ralf Kramer noch ganz frisch. Das Spiel war auch insofern ein besonderes, weil seine Mannschaft gerade erst aufgestiegen war. Ein ungewohntes Gefühl habe er genauso wie seine Mannschaft verspürt. „Solche Aufeinandertreffen sind ein schwieriges Feld. Wir kennen uns ja alle ganz genau.“ Der innerliche Konflikt erhielt zusätzlich neue Nahrung durch die Regel, dass U21-Spieler sich in Erwachsenen-Teams nicht festspielen können. „Die jungen Spieler sind also in beiden Mannschaften im Einsatz und helfen aus“, berichtet Kramer, dass das vereinsinterne Duell besonders aus Sicht der Talente kompliziert war.

Auf dem Feld sei von dem unangenehmen Gefühl zuvor nichts mehr zu spüren gewesen. „Wenn das Spiel läuft, möchte jeder gewinnen“, erklärt Kramer. Insgesamt habe er aber schon gespürt, dass die Intensität trotz der Spannung der Partie eine andere war. „Es war freundlicher als bei Spielen gegen die Nachbarvereine. Es ging nicht ganz so heiß her.“ Am Ende seien letztlich beide Mannschaften zufrieden gewesen: die Erste, die als einer der Aufstiegsfavoriten gilt, weil sie die Partie gewonnen hatte, die Zweite, weil sie sich sehr gut verkauft hatte. „Für uns als Aufsteiger war das ein gefühlter Sieg gegen einen Titelaspiranten“, freut sich Kramer, der keine Auswirkungen der Begegnung auf das Verhältnis beider Mannschaften festgestellt hat. Dennoch würde er sich wünschen, dass das Rückspiel, das am 10. Februar angesetzt ist, vorerst das letzte vereinsinterne Duell bei der HSG ist. „Ich wünsche mir, dass die Erste aufsteigt.“ Besondere Vorgaben hat Kramer vor dem Spiel übrigens nicht gemacht. „Man weist noch einmal auf die Besonderheit hin, aber viel mehr macht man auch nicht.“

Da war es bei der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst schon anders. „Wir haben noch einmal klar gesagt, dass der Verein über allem steht und Fairplay besonders entscheidend ist. Wir wollten kein schlechtes Bild auf den Verein werfen“, erzählt Jan Philipp Tappert. Er ist Spieler der dritten Fußball-Herrenmannschaft der TSG, die vor wenigen Wochen in der 2. Kreisklasse auf die eigene Zweitvertretung traf. Auch beim Gegner aus dem eigenen Verein gab es eine klare Ansprache: „Die TSG steht für fairen Umgang auf und neben dem Platz. Diese Werte müssen wir besonders in den vereinsinternen Duellen leben“, erklärt Tim Haake, der die Zweite als Verantwortlicher ins Spiel führte. Vor dem Anpfiff demonstrierten beide Mannschaften Einigkeit, als sie gemeinsam einen Kreis bildeten und sich auf die Partie einschworen.

Eine besondere Drucksituation, weil sein Team auf dem Papier favorisiert war und jeder einen Erfolg der zweiten über die dritte Mannschaft erwartete, spürte Haake vor der Partie nicht. „Wir kennen diese Duelle ja schon“, sagt er mit Blick auf die zahlreichen Aufeinandertreffen in der jüngeren Vergangenheit. In den Spielzeiten 2014/15 und 2015/16 hatten sich beide Teams bereits in Punktspielen gegenüber gestanden. Dass darüber hinaus Spieler beider Mannschaften auch im anderen Team mittrainieren, nahm die Anspannung aus den Köpfen der Akteure. Was nicht heißt, dass sich alle mit einem Unentschieden begnügt hätten. „Wir wollten schon gewinnen. Auf dem Platz ist man natürlich ehrgeizig“, erzählt Tapper, der allerdings mit seiner Elf eine 0:1-Niederlage hinnehmen musste. „Wir haben uns vor dem Spiel als ebenbürtig gesehen und so war es in unseren Augen auch.“ Ähnlich ordnet Haake das Geschehen ein. „Ein Unentschieden wäre auch gerecht gewesen.“ Gönnen können – das nimmt bei der TSG eine wichtige Rolle ein, besonders wenn es gegen ein Team aus dem eigenen Verein geht. Dann zählt wie bei Heiligenfeldes Korbballerinnen oder bei den Phoenix-Handballerinnen nicht nur das Ergebnis. „Das Wichtigste ist, dass man sich danach noch in die Augen schauen kann“, macht Tapper deutlich, worauf es viel mehr ankommt.

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