Vorwerk Syke Der Wert der Andersartigkeit

Im Syker Vorwerk treffen am 24. April performatives Theater und Kunst zusammen: Im Zuge der aktuellen Ausstellung "Beyond Homogeneity" spielt das Theater der Versammlung aus Bremen Teile seines neuen Stücks.
11.04.2022, 14:58
Lesedauer: 2 Min
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Der Wert der Andersartigkeit
Von Ivonne Wolfgramm

Syke. Seit Januar widmet sich das Syker Vorwerk mit seiner derzeitigen Ausstellung "Beyond Homogeneity" der Frage nach der Vielfalt der heutigen Gesellschaft und ihrer Heterogenität. Dazu sind die kritischen Werke gegenwärtiger Künstler ausgestellt. Nun haben Vorwerk-Leiterin Nicole Giese-Krone und Kurator Alejandro Perdomo Daniels einen neuen Ansatz gefunden, die Komplexität des Themas für die Besucher erlebbar zu machen. In Zusammenarbeit mit dem Theater der Versammlung aus Bremen wollen sie der Thematik einen anderen Zugang auf theaterlicher Ebene anbieten.

Künstler, die sich zwischen Kulturen bewegen, zwischen bestimmten Erwartungen, Meinungen und Positionen der Gesellschaft ist für den Kunsthistoriker Alejandro Perdomo Daniels das zentrale Element der Ausstellung "Beyond Homogeneity". Kunst, die sich mit Diskrepanzen in der Gesellschaft befasst und zeigt: "Sie ist komplex und fluid", wie Perdomo Daniels sagt. Für ihn ist das der Punkt, an dem die Kooperation mit dem Theater der Versammlung greift. Denn das Ensemble, das sich aus Studenten des Zentrums für Performance Studies zusammensetzt, hat sich in der jüngsten Vergangenheit mit der Frage auseinandergesetzt, welchen Wert "das Andersartige" für Bildung, Wissenschaft und Kunst hat. Dafür haben die Theaterleute unter der Gastregie von Tobias Winter das Stück "… die Sünde des Andersartigen zu riskieren" erarbeitet, das nun am Sonntag, 24. April, in Teilen im Vorwerk gezeigt werden soll.

Grundlage für die Produktion ist der Fund einer psychiatrischen Patientenakte, wie Anna Suchard, Projektleiterin des Theaters der Versammlung, sagt. "Es ist die Akte der Patientin Hedwig Debbe, die 1908 wegen 'Moralischer Idiotie' in die Psychatrie eingewiesen wird." Besonders pikant dabei: Debbe stammt aus einer angesehenen Bremer Familie, kämpft vier Jahre um ihre Entlassung, verbündet sich mit einer Krankenschwester, flieht und wird wieder zurück in das Sankt-Jürgen-Asyl (heute Klinikum Ost) gebracht. Die umfangreiche Patientenakte erzähle laut Suchard sehr bildreich von den Geschehnissen. "Debbes Geschichte gibt Zeugnis von mehr als einem Einzelschicksal. Sie stellt die Frage, was normal ist und was verrückt – und wer das zu welcher Zeit bestimmt." Dabei entscheide die Inszenierung die Frage nach Normalität und Verrücktheit nicht. Sie mache vielmehr das Wanken von Selbstverständlichkeiten erfahrbar, wenn sie unterschiedliche Spielweisen anbietet, um sich Hedwig Debbe zu nähern.

Die Andersartigkeit der Protagonistin werde in den Kontext von Zeitgenossen gesetzt, so etwa Paula Modersohn-Becker, Marie Curie oder Rosa Luxemburg, deren abweichendes Verhalten auch heute noch betont werde. "Es ist interessant zu sehen, was als normal und was als verrückt angesehen wird", sagt Suchard und schlägt damit wieder den Bogen zu der Ausstellung im Syker Vorwerk.

Denn es ist nicht das komplette Stück, das das Theater der Versammlung am letzten Sonntag im April darstellen wird. "Es sind performative Impulse aus der Inszenierung", betont Suchard. Sozuagen sind es Ausschnitte der Produktion, die in Syke im Dialog mit dem Publikum in den Kontext der Ausstellung "Beyond Homogeneity" gebracht werden sollen.

Nicole Giese-Kroner ist schon ganz gespannt, wie das Publikum die Verbindung von Theater, Kunst und Dialog aufnehmen wird. "Es macht auch bestimmt Lust, das ganze Stück in der Bremer Kulturambulanz zu sehen."

Info

Die performative Theaterveranstaltung "…die Sünde des Andersartigen zu riskieren" findet am Sonntag, 24. April, ab 15 Uhr im Vorwerk Syke, Am Amtmannsteich 3, statt. Der Eintritt ist kostenfrei. Anmeldungen werden unter der Telefonnummer 0 42 42/ 57 74 10 entgegengenommen, da die Plätze begrenzt sind.

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