Deutsches Studentenwerk kritisiert Situation

Corona schafft neuen Uni-Alltag für Studierende aus dem Landkreis Diepholz

Seit einem Jahr ist der Alltag an den Universitäten ein anderer. Studierende aus dem Landkreis Diepholz sprechen über Nebenjobs und über das Lernen in Online-Hörsälen.
31.03.2021, 17:30
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Corona schafft neuen Uni-Alltag für Studierende aus dem Landkreis Diepholz
Von Alexandra Penth
Corona schafft neuen Uni-Alltag für Studierende aus dem Landkreis Diepholz

Leere Hörsäle, volle Online-Seminare: So sieht seit einem Jahr der Alltag an den Universitäten und Hochschulen aus. Studierende aus dem Landkreis Diepholz sprechen über ihre derzeitige Situation (Symbolbild).

Uwe Anspach/DPA

Zum Essen zwischen den Vorlesungen in der Mena treffen, als Lerngruppe in der Bibliothek büffeln und ausgiebige Diskussionen im Seminar führen: So haben Generationen von Studierenden ihren Uni-Alltag kennengelernt. Seit einem Jahr aber ist dieser bedingt durch die Corona-Pandemie ein komplett anderer.

Benita Berger aus Kirchweyhe hatte das Glück, ihr erstes Semester vor anderthalb Jahren noch ohne Einschränkungen erleben zu können. „Da hat man Kontakte knüpfen können“, sagt die 25-jährige Studentin der Gesundheits- und Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen. Der Jahrgang nach ihr habe es da schwerer gehabt. Viele dürften ihre Mitstudierenden bisher größtenteils nur als Bildschirm-Kacheln bei Online-Veranstaltungen kennengelernt und Hörsäle noch nicht einmal von innen gesehen haben.

Großes Engagement bei Lehrenden

Der Bezug zu anderen Studierenden fehlt zwar auch Benita Berger, nur kann sie sich mit dem online ausgerichteten Lernen inzwischen recht gut arrangieren. Für all ihre Kurse habe es ein digitales Angebot gegeben. Jobtechnisch hatten sich einige ihrer Freunde umsehen müssen, haben teilweise Aufgaben in Lebensmittelmärkten übernommen, weil der Bedarf dort gestiegen war. Berger selbst hat als Nachhilfelehrerin einen relativ krisensicheren Job. Im ersten Lockdown seien die Schüler zwar nur zaghaft zum Online-Unterricht zu bewegen gewesen, durch Homeschooling aber sei die Bereitschaft immer mehr gewachsen.

Siard Schulz aus Weyhe registriert bei den Lehrenden seiner Universität ein großes Engagement, die Studieninhalte online zur Verfügung zu stellen. Wirklich durchgesetzt hätten sich Onlinepräsentationen. „Diskutiert wird dann in Kleingruppen in sogenannten Break-out-Sessions. Das sind kleine digitale Räume, in denen zeitbegrenzt mit Kommilitonen diskutiert wird, ehe man ins digitale Plenum zurückkehrt“, erklärt der 24-Jährige.

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Kritische Töne zur derzeitigen Situation Studierender kommen derweil vom Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, Achim Meyer auf der Heyde. Der Verband, dem 57 Studenten- und Studierendenwerke in Deutschland angehören, richtet mit seiner Sozialerhebung regelmäßig die nach eigenen Angaben größte bundesweite Studierendenbefragung aus. Während Corona werden die Daten nun laufend erhoben. Laut aktuellen Umfragen gibt rund die Hälfte der Befragten an, finanzielle Engpässe überbrücken zu müssen. Rund 30 Prozent seien auf Unterstützung von Eltern und Verwandten angewiesen, etwa 18 Prozent haben seit Beginn der Krise einen neuen oder zusätzlichen Studentenjob angenommen. „Wer in der Gastronomie gearbeitet hat, hat womöglich seinen Job verloren. In einigen Branchen sieht es weiterhin schlecht aus, etwa beim Messebau, bei Konzerten und beim Theater“, sagt Meyer auf der Heyde.

Andererseits sei auch ein größerer Bedarf etwa bei Lieferdiensten, Nachhilfe, in der IT oder im Einzelhandel entstanden. Die Zahl der monatlich zu beantragenden Überbrückungshilfen für Studierende sei relativ konstant mit knapp 50.000 Antragstellern pro Monat. „Bis zu 80 Prozent sind Wiederholungsanträge“, sagt Meyer auf der Heyde. Monatliche Unterstützung in Form des Bafög erhalten Studierende nur in Regelstudienzeit. Kommt es aber durch Corona zu Verzögerungen, könnte es finanzielle Engpässe geben. Dort pflegen die Bundesländer, und teilweise auch die Hochschulen, einen unterschiedlichen Umgang. Studierende würden oft lange im Unklaren gelassen, ob das Corona-Semester als normales Semester gewertet wird. Der Bund hätte regeln sollen, dass sich die Regelstudienzeit während der Pandemie automatisch verlängert, kritisiert Meyer auf der Heyde.

Psychische Belastung für Erstsemester

Siard Schulz ist in den letzten Zügen seines Politikstudiums an der Uni Bremen, er sieht aber die Situation der Studienanfänger mit Sorge. „Wenn man mit 18 oder 19 Jahren aus der Schule kommt, dann kennt man noch den persönlichen und direkten Bezug zu den Lehrkräften. In einem Studiengang mit 300 oder 400 Studierenden wird das dann schnell anonymisierter.“

Auch der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes spricht von einer Verschlechterung der psychischen Verfassung Studierender. Die entsprechenden Beratungsstellen an den Hochschulen verzeichnen eine steigende Nachfrage. Insbesondere die jüngeren Semester hätten kaum Gelegenheit, sich sozial zu integrieren, sind fürs Studium vielleicht in eine fremde Stadt gezogen. Die Folge der Isolation sei oft der Umzug zurück ins Kinderzimmer. „Das ist eine Phase der Persönlichkeitsfindung. Das ist tragisch für junge Leute“, sagt Meyer auf der Heyde.

Der Brinkumer Nick Gerken hatte überlegt, ein Vollzeitstudium zu beginnen, sich dann aber für ein duales Studium in der Logistikbranche entschieden. „Ich dachte, zwei Abschlüsse sind besser als einer“, sagt er. Zudem habe er so von Anfang an ein festes Einkommen. Den praktischen Teil seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann in Bremen absolviert er zum Teil im Homeoffice. Für den Studienteil in Betriebswirtschaftslehre, der an der Berufsschule angesiedelt ist, werden derzeit äußerst selten Präsenzveranstaltungen in Kleinstgruppen anberaumt. Man treffe sich auch online zum gemeinsamen Lernen. „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe“, sagt der 19-Jährige über das duale Studium. Nach dem Schulabschluss 2019 war er in die USA aufgebrochen, um dort ein Jahr mittels Stipendium ein College zu besuchen. Jedoch sei es kein Vollstipendium gewesen, weshalb das Studium dort äußerst kostspielig gewesen sei. „Ich habe das nur ein Semester lang gemacht“, sagt Gerken.

Der Heiligenroder Julius Rahmig wiederum absolviert ein Fernstudium. Für ihn hat sich durch Corona kaum etwas verändert, sagt er. Die Skripte sind ohnehin online verfügbar, dann besteht die Möglichkeit der Teilnahme an Online-Kursen. Die Module werden zu Hause bearbeitet. „Es ist möglich, eine Online-Klausur oder einmal im Monat eine Präsenzklausur in Bremen zu schreiben.“ Der Austausch mit Mitstudierenden laufe zumeist über Whatsapp. Auch jobtechnisch hat Rahmig, der Sportmanagement studiert, keine Einbußen. Er hat einen Nebenjob im Lager eines Boots- und Yachtbetriebes. „Für uns beginnt gerade erst die Saison“, sagt der 21-Jährige.

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Auch die in Bassum aufgewachsene Neele Eckhardt spürt kaum Auswirkungen auf ihr Studium. Die 28-jährige Jura-Studentin und erfolgreiche Leichtathletin steht vor dem Staatsexamen, pausiert aktuell aber, um sich auf die Olympischen Sommerspiele in Tokio vorzubereiten. Da sie eine Sportförderstelle bei der Bundeswehr hat, ist die heutige Hannoveranerin finanziell abgesichert. Parallel verfolgt Eckhardt einen Weiterbildungsstudiengang in Richtung Sportrecht an der Fernuni Hagen.

Sie ist als Studentin in einer komfortablen Position, sagt sie. Jedoch hat sie auch Freunde, die ihren Nebenjob verloren haben. Sie fragt sich, ob Bafög- und Prüfungsamt die Pandemie genug berücksichtigen. In den ersten drei Jahren ihres Studiums in Göttingen hatte Eckhardt selbst Bafög bezogen, den Sport nebenher laufen lassen. Sie weiß, wie es ist, auf die Bewilligung des neuen Antrages zu warten. Sie kennt Fälle, da waren es sogar Monate, bis das erste Geld rückwirkend auf dem Konto ankam. Für Studierende, die aber ihre Miete bezahlen müssen, sei das eine schwierige Situation. Eckhardt: „Ich hoffe für alle Studierenden, dass flexible Lösungen angeboten werden.“

Weitere Informationen

Finanzielle Unterstützung während der Pandemie erhalten Studierende in Form der Zinsbefreiung beim KfW-Studienkredit sowie der Überbrückungshilfe für Studierende in akuter pandemiebedingter Notlage über das Online-Portal www.ueberbrueckungshilfe-studierende.de. Der Antrag kann ab November 2020 gestellt werden, für jeden Monat muss ein Folgeantrag gestellt werden. Das zuständige Studierendenwerk entscheidet auf Basis der Angaben über Höhe und Gewährung des Geldes. Zwischen 100 und 500 Euro sind laut Deutschem Studentenwerk als nicht rückzuzahlender Zuschuss möglich. „Wer zum Zeitpunkt der Antragstellung mehr als 500 Euro auf dem Konto hat, wird diese Überbrückungshilfe nicht erhalten und möge bitte keinen Antrag stellen“, so das Deutsche Studentenwerk.

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