Chronik zum Heiratsmarkt

Ein Unikat für den Meister

Dass der Brokser Heiratsmarkt ausgefallen ist, hat auch seine guten Seiten. So konnte sich der Marktausschussvorsitzende Hermann Hamann endlich einen Traum erfüllen: eine Chronik über die 375 Jahre erstellen.
05.08.2020, 17:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Dorit Schlemermeyer
Ein Unikat für den Meister

Haben alle drei ihre eigene Geschichte mit dem Brokser Heiratsmarkt: Marktausschussvorsitz Hermann Hamann (rechts) hat eine eigene Chronik zur Geschichte zusammengestellt. Natürlich bekommt die Marktmeister Ralf Rohlfing. Aber Sarah Verheyen vom Vilser Tourismus-Service kann sicher auch mal einen Blick hineinwerfen.

Fotos: Michael Braunschädel

Bruchhausen-Vilsen. In diesem Jahr sollte das Jubiläum gefeiert werden: 375 Jahre Brokser Heiratsmarkt. Aber dann kam Corona und der Markt musste abgesagt werden. Eine große Enttäuschung für die Organisatoren, Schausteller, Gastwirte, Musikgruppen und natürlich für die Besucher. „Der Markt hat sogar während der Kriege stattgefunden, das war natürlich nicht so einfach für die zurück gebliebenen Frauen und älteren Schausteller, die mussten alles alleine reißen, während ihre Männer an der Front waren“, erzählt Marktausschussvorsitzender Hermann Hamann. Nur zwei Mal ist der Markt bisher ausgefallen: 1945 und eben in diesem Jahr wegen Corona.

Anlässlich des Jubiläums verwirklichte Hamann einen lang gehegten Wunsch: eine Chronik zu erstellen. Dafür gesammelt hatte er schon lange, war im Stadtarchiv, bei Schaustellern und bei Mitbürgern. Heraus gekommen ist ein Buch, das Hamann nun Marktmeister Ralf Rohlfing überreichte. Hinter dem Cover des Jubiläumsplakates finden sich interessante Daten, Fakten und Fotos rund um die Markthistorie. Beispiel gefällig? Etwa die Urkunde mit der Verfügung Herzog Friedrichs IV. von Braunschweig-Lüneburg, die dokumentiert, dass der Markt 1645 von Vilsen nach Bruchhausen verlegt wurde. „Der Markt ist vermutlich weit älter, aber schriftlich ist eben nur dieser Umzug dokumentiert“, bedauert Hamann. Den Namen bekam der Markt von Otto Heine vom Hoyaer Wochenblatt.

Ein Kapitel hat Hamann auch der Verfolgung und Ermordung von Schaustellerfamilien im Dritten Reich gewidmet. „Das war mir sehr wichtig“, betont der Chronist. „Die Familien waren oft verfolgte Sinti und Roma, eine Familie Blumenthal wurde gänzlich ausgelöscht.“ Einige Schausteller stammten auch aus der näheren Umgebung. So ist die erste Erwähnung der Brokser Schaustellerfamilie Stummer auf das Jahr 1885 datiert, seit 1888 ist die Asendorfer Landwehrmann-Dynastie auf dem Jahrmarkt vertreten. Auch findet sich in der Chronik ein alter Lageplan von 1745. Darauf zu sehen sind die Kneipen an den Ecken und das markante Wegekreuz, wo sich heute das Denkmal befindet und das oft als Treffpunkt genutzt wird.

Angefangen hat das Marktgeschehen mal mit einem Tag, ursprünglich am Montag, später am Dienstag – dem letzten im August. Daraus wurden dann zwei Tage, irgendwann drei. Ab 1989 kam der Freitag dazu, mittlerweile sind es fünf Tage und Fans bezeichnen den Brokser Heiratsmarkt als „Fünfte Jahreszeit“. Geblieben ist bis heute der Dienstag, der sogenannte Pferdemarkt, aber auch der hat sich über die Jahrzehnte verändert. „Früher wurden natürlich viel mehr Tiere angeboten, heute ist das nur noch ein Bruchteil“, so Rohlfing. Dafür habe sich der Tag als Treffpunkt für Firmen etabliert. Gerade der Pferdemarkt habe für viele Tradition, diene als gesellschaftlicher Treffpunkt.

Auch in der Chronik zu finden sind Zirkusplakate, denn auch die gehören zur Historie des Marktes: Große Zirkusunternehmen wie Althoff und Busch bauten ihre Zelte auf dem Marktgelände auf. „Irgendwann gab es dafür keine Nachfrage mehr“, blickt der Marktmeister zurück, während er in der Chronik blättert. „Die Leute wollen entweder auf den Markt oder in den Zirkus.“

Hobbyforscher Hamann erinnert sich an die Rundflüge mit dem Hubschrauber, die dann auch nicht mehr gefragt waren. So habe der Markt eben im Lauf der Jahrhunderte sein Gesicht verändert. „Wir haben uns immer weiter entwickelt, wollen unseren Besuchern jedes Jahr neben Traditionellem auch Neues anbieten“, so Hamann, der nicht nur als Marktausschussvorsitzender eine enge Verbindung zum Markt besitzt. „Wir haben direkt nebenan gewohnt, da hat man nach der Schule den Ranzen weggeschmissen und ist zum Marktgelände gerannt“, blickt er auf eine 50 Jahre währende Verbindung zurück.

Ganz besonders in Erinnerung geblieben sind natürlich auch die prominenten Heiratsvermittler. „Wer in Berlin, beziehungsweise früher Bonn, was werden will, muss Heiratsvermittler auf dem Brokser Markt gewesen sein“, schmunzelt Marktmeister Ralf Rolfing und kann sich dabei auf so prominente Personen berufen wie Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder. In besonderer Erinnerung geblieben, ist Rolfing und Hamann allerdings der Besuch Phillip Röslers. Der ehemalige Gesundheitsminister und Vizekanzler habe echtes komödiantisches Talent bewiesen: „Der hat richtig welche raus gelockt und alles ohne Manuskript, die Leute waren total begeistert von seinem Auftritt.“

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