Tag der offenen Tür Vergangenes für die Zukunft sichern

Ins Samtgemeindearchiv konnten am Sonntag zahlreiche Menschen pilgern, um zu schauen, wie die Mitarbeiter dort arbeiten. Dabei stellten sie fest: Alles hat seine richtige Ordnung.
08.03.2020, 19:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Bärbel Rädisch

Bruchhausen-Vilsen. Erstmals hieß es am Sonntag im Samtgemeindearchiv in Bruchhausen-Vilsen: Tag der offenen Tür. Zehn Mal gab es bereits bundesweit die Gelegenheit Einblicke zu gewinnen in Archive. Vergangenes in der Gegenwart für die Zukunft zu sichern ist das Anliegen. Nun also auch in der Samtgemeinde.

In Vilsen lagern auf 188 Metern Regalen mehr als 13 500 Archivarien in Ordnern und Kartons aus säurefreiem, alterungsbeständigem Papier, befreit von Metallklammern. Die würden ihnen durch Rost Schaden zufügen. Es sind Akten der Standesämter, der Samtgemeindeverwaltung, der Schulen, von Firmen, Vereinen, Verbänden, Familien, Personen und Höfen. Karten und Pläne finden sich, 1450 Bücher, Zeitungen, Plakate, Prospekte und Festschriften. Bewahrt werden ebenso Fotos und Dias. Seit 1993 gibt es das Gesetz, archivwürdige Schriftstücke der Samtgemeinde und ihrer Vorgänger zu verwahren.

Was bearbeitet ist, lagert im Magazin in derzeit 2500 Kartons bei einer Temperatur zwischen 16 und 20 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Interessant die altehrwürdigen Personenstandsbücher, oft mit Lederrücken zu Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen. Ausnahmsweise durften am Sonntag Besucher auch hier ihre Neugier stillen. 2006 konnte „Das Gedächtnis der Samtgemeinde“ die viel zu eng gewordenen Räume der Heimatstube an der Vilser Schulstraße verlassen und den Neubau neben dem Rathaus beziehen.

Elisabeth Meyer, die hauptamtliche Archivarin in der Nachfolge des langjährigen Leiters Karl Sandvoß und die Ehrenamtlichen Karin Sommer, Kerstin Mann und Hermann Hamann standen den Besuchern Rede und Antwort. Zwei angehende Verwaltungsfachangestellte aus dem Rathaus unterstützten das Team, das eine breite Auswahl in allen Räumen zur Präsentation ausgesucht hatte. Die Strichliste wies um 15 Uhr schon an die hundert „Sehleute“ und Wissbegierige aus. Wer allerdings mit direkten Wünschen kam, wurde auf die regulären Öffnungszeiten verwiesen. So ein alter Herr, der etwas zu seinem Urgroßvater wissen wollte, und der Käufer eines Hauses an der Assessorstraße. „Nichts habe ich bisher herausfinden können“, klagte er, „außer, es war das Haus der Totenfrau“. Dazu erfuhr er aber sofort, dass Verstorbene früher von bestimmten Frauen gewaschen und zurechtgemacht wurden für die Aufbahrung.

In Vitrinen konnte die gestochene Handschrift des Bahnhofsvorstehers Hoyer bewundert werden, der eine Chronik zu Bruchhausen-Vilsen von 1942 bis 1946 verfasst hatte. Handschriftlich wurde ebenfalls bezeugt, dass Magdalene von Oiste, geborene Masemann, zur Hebamme vereidigt worden war. Sehr dünn ist das Posteinlagerungsbuch für die Zeit von 1888 bis 1907 des Bürgermeisters und Posthalters Friedrich Engelberg am Zentralplatz. Heute trägt der Platz seinen Namen und den seiner Nachfolger.

Aufgelistet war außerdem, wie die Akten gekennzeichnet werden, um sie aufzufinden – am Beispiel 40:42.132.01: 40 bedeutet Bestand Martfeld, 42 die Akte Kleinenborstel, 132 das Meldewesen, 01 die laufende Nummer. Manches muss mit Schwamm oder weicher Bürste gereinigt werden oder darf nur mit Baumwollhandschuhen angefasst werden. Erstaunlich war zu lesen, dass bis 1905 laut Reichspostvorschrift Ansichtskarten nur auf der Bildseite beschrieben werden durften.

Einer der Räume ist den Zeitungsbeständen vorbehalten. Im Besucherraum lief ein Film aus den 1960er-Jahren. „Von Pfingsten bis Pfingsten“ zeigte hiesige Aufnahmen im Lauf eines Jahres. „Een ehrlik Minsch schall bruken alle Tid, een richtig Mat un ook en good Gewicht. Dann kann he wohl bestahn to jede Tid vör sin Geweten un vör dat Gericht“, stand auf einer Seite mit Maßen und Gewichten. Zum Beispiel: Elle entspricht 0,579 Meter, ein Faden (im Garnhandel) sind 2,33 Meter, ein Lot sind vier Quentchen – 14,616 Gramm. Gros, Schock, Zimmer, Stiege, Mandel, Dutzend tauchte auf. Ein Buch Papier waren 5000 Bogen Druckpapier oder 4800 Bogen Schreibpapier. Im 17. Jahrhundert wurde ein Briefträger per Meile bezahlt und erhielt dafür zwei Mariengroschen. Ein Thaler waren 26 Mariengroschen.

Ob sich Archivbesucher in 100 Jahren wohl über Vieles aus jetziger Zeit wundern werden, wie es diejenigen an diesem Sonntag taten? Dann gibt es möglicherweise nur noch das digitale System „Arcinsys“, über das man schon jetzt recherchieren kann. Geöffnet ist das Archiv montags und donnerstags von 9 bis 12.30 Uhr, Termine nach Vereinbarung unter 0 42 52 / 39 12 52 oder per E-Mail an archiv@bruchhausen-vilsen.de.

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