Warnstreik

„Wir können auch anders“

Rot-weiße Fahnen, an die 50 Menschen in grellgelben Warnwesten vor der Einfahrt zum Unternehmen Vilsa-Brunnen – was war da los am Mittwochmittag in Bruchhausen-Vilsen? Die Antwort: Warnstreik.
19.08.2020, 17:47
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„Wir können auch anders“
Von Micha Bustian
„Wir können auch anders“

Warnstreik: Etwa 50 Angestellte von Vilsa-Brunnen demonstrierten für sechs Prozent mehr Gehalt.

Vasil Dinev

Bruchhausen-Vilsen. Rot-weiße Fahnen, an die 50 Menschen in grellgelben Warnwesten vor der Einfahrt zum Unternehmen Vilsa-Brunnen – was war da los am Mittwochmittag in Bruchhausen-Vilsen? Die Antwort: Warnstreik. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte dazu aufgerufen. Hintergrund sind die seit Monaten geführten Tarifverhandlungen in der Obst- und Gemüse- sowie der Mineralbrunnen-Industrie.

Sechs Prozent mehr Gehalt fordert die NGG, zwei Prozent hatte die Arbeitgeberseite im März noch geboten. Doch diese Offerte wurde nach Ausbruch der Corona-Pandemie zurückgezogen. „Die Arbeitgeber nutzen die Corona-Krise, um bei den Tarifverhandlungen besser wegzukommen“, ärgerte sich Dieter Nickel, Geschäftsführer der NGG Weser-Elbe, in seinem Redebeitrag. Das Virus sei zurzeit ein generelles Problem in Tarifverhandlungen. Die Unternehmer wollten sich vor ihresgleichen nicht blamieren, „die sorgen sich, was ihre Kumpel sagen, wenn sie die Corona-Krise nicht zu ihrem Vorteil nutzen“. Viele Unternehmer würden die Krise nutzen, um die Preise zu drücken. „Im Gastgewerbe wäre das noch nachvollziehbar“, meinte Nickel. Aber die Mineralwasser-Branche „profitiert von der Krise“. Dann keine Gehaltsanpassung anzubieten, sei „eine Schweinerei sondergleichen“.

Eine Würstchenbude hatte die NGG aufgebaut, dazu gab es kalte Getränke kostenlos. Eine Polizeistreife kontrollierte vorher das Hygienekonzept, das alle Beteiligten sauber umsetzten. Eintragen in die Teilnehmerliste, Mund-Nasen-Schutz, schwarze Klebestreifen auf dem Asphalt für den Abstand – für die Gewerkschafter und die Vilsa-Angestellten kein Problem. Alles war beim Ordnungsamt des Landkreises Diepholz ordnungsgemäß angemeldet worden. Sauer war Thorsten Zierdt von der NGG, weil der Warnstreik bis in die Vilsa-Geschäftsführung durchgesickert war. Bereits am 5. August hatte Michael Reinhardt, Geschäftsführer Technik und Finanzen bei Vilsa-Brunnen, den Betriebsrat per E-Mail auf den Zwei-Stunden-Streik angesprochen.

Thorsten Zierdt erinnerte an den 24-Stunden-Streik bei der Firma Emig in Magdeburg und den Ausstand bei der Vilsa-Tochter Bad Pyrmonter am Dienstag. „Das Mineralbrunnengeschäft läuft super“, war er sich sicher. Die Erwartung bei der Gewerkschaft liege entsprechend bei sechs Prozent mehr Gehalt, die Arbeitgeber würden auf der Gegenseite versuchen, ihre Angestellten mit 1,7 Prozent Corona-Prämie abzuspeisen. Am 26. August folgt die dritte Verhandlungsrunde. „Deshalb dieser Warnstreik“, erklärte Zierdt. „Wir wollen die Arbeitgeber damit auffordern, sich zu bewegen, ein ordentliches Angebot vorzulegen. Wenn dann nichts kommt – wir können auch anders.“

Welche Konsequenzen er damit andeutete, ließ er offen. Etwa 500 Menschen arbeiten bei Vilsa-Brunnen in drei Schichten. Diesmal war nur eine Schicht betroffen, es wurden nur zwei Stunden nicht gearbeitet. „Der 24-Stunden-Streik bei Emig in Magdeburg hat die Arbeitgeber geschockt, das war ein Schlag in die Magengrube“, meinte Thorsten Zierdt mit Blick auf die dritte Verhandlungsrunde.

Das Unternehmen Vilsa-Brunnen äußerte sich zum Warnstreik und den Tarifverhandlungen nur schriftlich, obwohl Michael Reinhardt sich das Treiben vom Schlagbaum aus anschaute. „Vilsa-Brunnen ist Mitglied der Tarifkommission“, heißt es in der Presseinformation von der Hamburger Agentur Brand Pier. Bei der Verhandlung werde der Mineralbrunnen vom Arbeitgeberverband Verband der Ernährungswirtschaft vertreten, die Vertretung der Arbeitnehmerseite erfolgt durch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. „Vilsa achtet die Tarifautonomie als hohes Gut und verzichtet deshalb auf Stellungnahmen zu den Verhandlungen“, hieß es. Und weiter: „Vilsa hofft auf eine baldige Einigung der Parteien.“

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