Datenkolumne Von virtuellen Realitäten und digitalen Briefmarken

Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran. Auch vor digitalen Briefmarken oder Kunstwerken macht der Trend nicht Halt. Unsere Datenexperten zeigen neue Entwicklungen auf.
17.12.2019, 19:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Die Digitalisierung durchdringt unseren Alltag immer mehr. Internet an jedem Ort, Kommunikation via E-Mail und Messenger, Soziale Netzwerke und digitale Assistenzsysteme sind für viele Menschen kaum noch wegzudenken. Vor diesem Hintergrund scheint es schwer vorstellbar, dass Smartphones noch bis vor knapp 15 Jahren ein Nischendasein fristeten und man als Elternteil seinen Kindern oftmals nicht nur erklären muss, was eine Telefonzelle ist, sondern auch den Unterschied zwischen klassischem Rundfunk und den digitalen Streamingdiensten. Ganz gleich, ob man diesen Entwicklungen positiv oder negativ gegenübersteht – eines scheint klar zu sein: Die Entwicklung geht stetig weiter. Dabei sehen nicht nur die Trend- und Zukunftsforscher neue Innovationen auf uns zukommen, sondern neue Technologien erobern mehr und mehr auch die Kaufhausregale.

Erst kürzlich hat ein Tochterunternehmen des Sozialen Netzwerks Facebook eine neue VR (Virtual Reality)-Brille herausgebracht, die das Eintauchen in die digitale Dimension völlig kabellos ermöglicht. Im Hintergrund arbeitet Facebook dabei schon am passenden Projekt namens „Facebook Horizon“. Hierbei scheint es sich um die nächste Ausbaustufe des Social Networks zu handeln, das die Nutzer in einer virtuellen Realität miteinander interagieren lässt. Man könnte sich also quasi in einer digitalen Welt visuell treffen und gegenübertreten. Man darf an dieser Stelle natürlich (berechtigterweise) vermuten, dass Facebook nicht ganz uneigennützig handelt.

Aber auch abseits der klassischen Kaufhausregale tut sich zurzeit einiges, und die Digitalisierung der Gesellschaft ist gegenwärtig in aller Munde. So gab zum Beispiel die Österreichische Post mit der so genannten „Crypto Stamp“ vor einem knappen halben Jahr die erste Blockchain-Briefmarke der Welt heraus. Die Idee dahinter: Jeder physischen Briefmarke wird ein digitales Gegenstück zugeordnet, das unveränderbar innerhalb einer fälschungssicheren Blockchain gespeichert ist. Neben dem Verkauf der Briefmarke im klassischen stationären Handel und im Online-Shop konnte diese auch direkt innerhalb der Ethereum-Blockchain gekauft werden. Hierzu mussten sich die Kunden mit einer speziellen Blockchain-Geldbörse (sogenannte "Wallet“) mit dem dezentralisierten Ethereum-Netzwerk verbinden und konnten dort das digitale Gegenstück der Briefmarke erwerben, das gleichzeitig zum Bezug der „echten“ Marke berechtigte. Der Vorteil: Eine extra Anmeldung bei der Österreichischen Post war nicht erforderlich, die Zahlung wurde direkt über die Blockchain ohne zwischengeschaltete Zahlungsanbieter abgewickelt, und der Kauf des digitalen Gegenstücks der Briefmarke konnte ohne die Angabe persönlicher Daten erfolgen. Das in der Blockchain gespeicherte digitale Gegenstück (ein sogenannter „Token“) konnte dann als Sammlerstück verwendet werden und diente zugleich als Schlüssel, um den Versand der echten Briefmarke bei der Österreichischen Post an eine frei wählbare Versandadresse auszulösen. Man könnte also sagen, dass die Österreichische Post die erste Briefmarke der Welt „tokenisiert“ hat – und darf gespannt bleiben, wie sich der Wert dieser Marke in Zukunft entwickelt.

Was auf den ersten Blick dem einen oder anderen skurril erscheint, könnte auf den zweiten Blick auf absehbare Zeit viele altbekannte Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Man stelle sich nur einmal vor, dass man anstelle von physischen Konzerttickets künftig nur noch das digitale Gegenstück über Blockchain-Anwendungen erwirbt. Dieses läge dann sicher in der eigenen Blockchain-Geldbörse, ohne dass man gegenüber dem Ticketverkäufer beim Kauf seine persönlichen Daten offenbaren und sich auf einen teuren Zahlungsdienstleister einigen muss, beispielsweise in Form einer Kreditkarten-Gebühr. In diesem Fall könnte man sogar auf das physische Gegenstück der Konzertkarte verzichten, denn es wäre möglich, sich direkt am Einlass der Veranstaltung mittels seiner auf dem Smartphone abrufbaren digitalen Blockchain-Geldbörse als Ticketinhaber auszuweisen. Und ein weiterer Vorteil, den diese „Tokenisierung“ bietet: Müsste man das Konzertticket weiterverkaufen, weil man zum Beispiel kurzfristig krank wurde, stünde man mit einem klassischen Ticket gleich vor mehreren Problemen. Erst einmal bräuchte man einen Käufer und müsste sich hierzu zum Beispiel für eine Kleinanzeigen-App anmelden. Hätte man dann einen Käufer gefunden, müsste man sich auf einen Zahlungsweg einigen, der bestenfalls nur wenig kostet, aber für beide Parteien sicher ist. Das Ticket müsste anschließend aufwendig per Post verschickt oder abgeholt werden und der Käufer müsste auf dessen Echtheit vertrauen. Mit einem tokenisierten Ticket hingegen gäbe es viele dieser Probleme nicht: Hätte man einen Käufer gefunden, könnte die Bezahlung direkt innerhalb der Blockchain ohne hohe Gebühren abgewickelt werden. Das digitale Ticket und der Kaufpreis würden zeitgleich ausgetauscht und die Echtheit des digitalen Tickets wäre mittels Blockchain-Technologie sichergestellt. Es wäre also nicht wichtig, wie vertrauenswürdig Käufer oder Verkäufer sind – der Verkauf wäre durch den Austausch innerhalb der Blockchain abgesichert. Klingt ein wenig wie ferne Zukunftsmusik? Nicht wirklich. Die Technologie ist da und die ersten Marktplätze, die einen Handel mit Tokens zulassen, sind schon vorhanden und über das „normale“ Internet für jedermann erreichbar – allen voran zum Beispiel www.opensea.io. Noch werden hier aber keine Tickets gehandelt, sondern vor allem digitale Gegenstände aus Online-Spielen.

Die Tokenisierung macht vor Briefmarken, Tickets und Spielegegenständen aber nicht Halt. Längst plant zum Beispiel die Deutsche Börse, Aktien zu tokenisieren und Wertpapiergeschäfte innerhalb von Blockchains abzuwickeln. Und auch Künstler entdecken die Tokenisierung für sich und tokenisieren ihre Werke. Teilweise wird dabei sogar auf ein physisches Gegenstück verzichtet, lediglich das digitale Bild tokenisiert und auf Plattformen wie www.superrare.co, www.makersplace.com oder knownorigin.io gehandelt. An die (physische) Wand hängen kann man sich das Bild also nicht. An virtuelle Wände hingegen schon, und entsprechende kann man bereits kaufen, zum Beispiel in der virtuellen Welt www.cryptovoxels.com.

In der Digitalisierung tut sich – manchmal recht unbemerkt – gerade also einiges, und das mit erheblichen Folgen für uns alle. Und die Kinder, denen wir heute noch erklären, was eine Telefonzelle ist, erklären uns in zehn Jahren vielleicht, warum die Tokenisierung von Gegenständen nicht mehr wegzudenken ist.

Info

Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER

alle zwei Wochen Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter

anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und

Datenschutz tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Prokurist

und Justiziar bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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