Vortrag zur Postwachstumsökonomie

Die Kunst der Genügsamkeit als möglicher Ausweg

Grenzenloses wirtschaftliches Wachstum - möglich oder eine Illusion? Niko Paech und Manfred Folkers sind im Forum des Schulzentrums Bruchhausen-Vilsen dieser und weiteren Fragen auf den Grund gegangen.
06.09.2020, 15:56
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Von Rita Behrens
Die Kunst der Genügsamkeit als möglicher Ausweg

Mann vom Fach: Referent Niko Paech spricht sich für die Abkehr vom Kapitalismus und des bisher favorisierten Wachstumsstrebens aus.

Vasil Dinev

Der Blick in die Zukunft erscheint immer ungewiss. Allerdings propagierten Niko Paech und Manfred Folkers am Freitag im ausgebuchten Forum des Schulzentrums Bruchhausen-Vilsen eine Gewissheit: Grenzenloses wirtschaftliches Wachstum werde nicht mehr möglich sein. Angesichts der daraus resultierenden globalen, existenzbedrohenden Entwicklung sei ein „historischer Wendepunkt“ erreicht.

Es gelte, Reproduktionspotenziale zu erschließen und die bislang gültigen nachfrage- beziehungsweise angebotsorientierten Wirtschaftspolitiken abzulehnen. Paech gilt als Verfechter der Postwachstumsökonomie. Diese Theorie beinhaltet grundlegend eine Abkehr vom Kapitalismus und des bisher favorisierten Wachstumsstrebens. Als außerplanmäßiger Professor lehrt Paech an der Universität in Siegen im Masterstudiengang Plurale Ökonomie. Als Kritiker zeigte er an diesem Abend im Luftkurort die Grenzen der bisherigen Sichtweise auf. Mit Begriffen wie „Produktivitätsfalle“, „Finanzkrise“ oder „Kulturzerstörung“ verdeutlichte er hier die negative Seite.

Eine an die Verantwortung des Einzelnen gekoppelte Handlungsalternative sieht Paech in der „Kunst der Genügsamkeit oder des Nein-Sagens“. Diese gehe mit der „Reduktion eines bestimmten Anspruchsniveaus“ einher, wie etwa hinsichtlich des Fleischkonsums oder des Reiseverhaltens. Der Referent verknüpfte unter dem Titel „Suffizienz – eine ökonomische Annäherung“ die eigenen wirtschaftlichen Reflexionen mit der einer buddhistischen Sichtweise. Letztere verbindet ihn zudem mit Manfred Folkers. Zusammen haben sie das Buch „All you need is less“ verfasst. Folglich bevorzugen beide „eine Kultur des Genug“, eine achtsame und entschleunigte Lebensform. Sie wenden sich gegen ausufernden Konsum und egoistische Gier zu Zeiten ökologischer Verantwortungslosigkeit.

Adäquat offerierte Dharma-Lehrer Folkers vor Ort einen buddhistischen Leitgedanken: „Je mehr du die Erde liebst, umso weniger wirst du nehmen wollen, was du nicht brauchst“. Für die Idee der Suffizienz aus alltagsphilosophischer Sicht engagierten sich die Redner eindrucksvoll. Die Zufriedenheit stellt offenbar einen zentralen Wert dieser anvisierten Lebenskunst dar, auch im Sinne eines Selbstschutzes. Denn, so führte Paech aus, sie sei zugleich frei von psychischen Belastungen wie Reizüberflutungen. Folkers erklärte, er hat „das genaue Hingucken aus den Lehren Buddhas“ gelernt. Persönliches Engagement müsse an Spiritualität gekoppelt sein, um etwas erreichen zu können. Veranstaltungsorganisator Peter Henze hatte die offenkundige Problematik in Anlehnung an einen Silbermond-Song auf den Punkt gebracht: „99 Prozent, die du nicht brauchst“.

Im zweiten Teil konnten Fragen gestellt werden. So wurde etwa thematisiert, inwieweit Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft zum Umdenken animiert werden könnten. Eine Überzeugung von außen sei so nicht möglich, hieß es seitens der Referenten. Die deutsche Energiewende kritisierte Paech als „Schlaraffenland“ infolge ihrer handlungsleitenden „Wohlstandsartefakte“. Doch die Politik könne sich nicht gegen die Gesellschaft stellen. Heute könne niemand sagen: „Wählt mich! Mit mir gibt es weniger Flughäfen, weniger Fleisch“ und so weiter. Nur wenn sich reduzierte Lebensformen nachdrücklich zeigten, handele auch die Politik. Und zwar müsste jeder selbst erst einmal ein kleinschrittiges Vorgehen einüben und sich mit Gleichgesinnten zusammenfinden. Folkers schöpfte aufgrund der örtlichen Diskussion Hoffnung: „Die Menschheit ist entwicklungsfähig!“

Passend wurde abschließend die Fortsetzung der aktuellen Diskussion zur Nachhaltigkeit sowie deren praktische Umsetzung vor Ort angeregt. Organisator Peter Henze bot seine Unterstützung an. Mit dem Verein "Land & Kunst" könne das Netzwerk „Kultur macht Klima“ aufgebaut werden. Wer Interesse an den Themen „Klima, Nachhaltigkeit und Spiritualität“ hat, kann per E-Mail an info@landkunst.de Kontakt aufnehmen.

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