Interview mit Psychiater zur Corona-Krise

„Es braucht Klarheit und Transparenz“

Warum es derzeit zu Hamsterkäufen kommt, welche Auswirkungen eine längere Meidung sozialer Kontakte hat und wie man in Zeiten der Corona-Krise die Nerven behält, erklärt der Bassumer Psychiater Hermann Munzel.
25.03.2020, 17:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Dagmar Voss
„Es braucht Klarheit und Transparenz“

Erklärt, wie man die Corona-Krise meistert und warum das einigen Menschen schwerer fällt als anderen: Psychiater Hermann Munzel, der in Bassum praktiziert.

Marvin Ibo Güngör

Immer mehr Menschen tätigen Hamsterkäufe in den Supermärkten. Wie ist das aus psychologischer Sicht zu erklären?

Hermann Munzel: Im Kern geht es um den Umgang mit persönlicher Angst. Oft fehlen Information zu mehr rationaler Beurteilung der Situation, vielleicht fehlen auch Fähigkeiten zu sachlicher Selbstreflexion. Womöglich ist das gepaart mit zu starkem Denken und Handeln mit ausschließlich selbstbezogener Sicht, gewachsen in jahrelangem Konkurrenzdenken und ökonomischer Orientierung, was zusammengenommen einer Entsolidarisierung entspricht. Letztere wiederum vereinzelt die Menschen. In „normalen“ Zeiten wird das oft mit Konsum kompensiert, sodass in Phasen von um sich greifender Angst zunehmend die Fähigkeit zu rational orientierter Eigensteuerung fehlen kann. Und dann werden mit für den Moment irrationalen Fixpunkten – also gedanklichem Erschaffen einer eigenen Welt – Hamsterkäufe durchgeführt, weil es beispielsweise sein könnte, dass ich – wann auch immer – nicht mehr nach draußen kann. Eine zweite Ebene ist zu sehen, dass Kunden entsprechend einkaufen. Das lässt gegebenenfalls Angst bei anderen entstehen, dass für sie nichts mehr übrig bleiben könnte; ein wichtiger Punkt bei alten Menschen könnte sein, dass sie sich an Kriegs- und Nachkriegszeiten erinnern.

Welchen Anteil haben die Medien an der nervösen Stimmung in der Bevölkerung?

Schwierige Frage. Nach meinem Eindruck haben auch die Medien wie Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen, also die Presse, zunächst lediglich vor dem Hintergrund der Informationsübermittlung berichtet. Das geschah natürlich auch mit Hinweisen zu zum Teil raschen oder mehr Gefahr bringenden Verläufen der Erkrankung. Erst später ist man vermehrt übergegangen zu mehr kritischer Berichterstattung, zum Teil auch mit mehr dirigistischen Informationen und Hinweisen, zum Beispiel zum solidarischen Denken und Handeln. Aber auf dieses Grunddenken und Handeln wurde erst später häufiger hingewiesen: Da kam die Politik erst langsam in Gang – Ausnahme war dieses aktionistische Tun des Gesundheitsministers, das zunächst wenig mit anderen abgestimmt war. Der Handel steckt indes grundsätzlich betrachtet in einem Rollenkonflikt. Einerseits will er mit Handel und Verkauf Geld verdienen – es wurden eingangs noch bestimmte Produkte in Sonderangebot-Strategie verkauft. Andererseits werden Verkäufe im Zweifelsfall eingebremst. Die zunehmend sachlich orientierte Information, Podcasts und Interviews zum Beispiel mit Professor Doktor Drosten oder eben auch die Ansprache der Kanzlerin vergangene Woche, helfen und wirken den Ängsten und der Unruhe entgegen.

Was können die Menschen tun, damit sie keine Panik vor einer Ansteckung bekommen?

Gut, ich bin nun nicht der virologische oder körpermedizinische Spezialist, ich bin Psychiater. Über die vorbeugenden Maßnahmen wird nun stetig wiederholend informiert: Abstand, Hände waschen, Kontakte meiden, zu Hause bleiben und so weiter. Wenn dann doch eine Ansteckung erfolgt ist, dann gilt es, Hilfe zu organisieren, sich ärztlicher Unterstützung beispielsweise durch den Hausarzt zu versichern. Und die Menschen müssen sich klar werden und schließlich sein, dass nur die wenigsten ernsthafte Probleme bekommen und dass schwere Verläufe bei der Influenza häufiger auftreten.

Und dann?

Man sollte versuchen, sich eine Tagesstruktur mit Beachtung der Vorbeugungsregeln aufzubauen, sich zu entspannen und auszuruhen, im Gespräch und Kontakt mit anderen sein, sich auszutauschen, an die frische Luft gehen, regelmäßig die Wohnung lüften, körperliche Bewegung und Betätigung wie Sport oder gesunde Ernährung. Und noch einmal: Menschen in Führungspositionen, Politikerinnen und Politiker sollten ruhige und klare Ansagen machen, klare Regeln schaffen. Die Unklarheiten als Folge der föderativen Struktur unseres Landes ist dabei nicht hilfreich. Die Politiker sollten Bezüge zur eigenen Person eines jeden schaffen, eben auch so, wie es die Kanzlerin in ihrer Erklärung gemacht hat. So kann in der Konsequenz jeder für sich feststellen, auf welche Art und Weise auch er helfen kann, wie er grundsätzlich betroffenen Risikopersonen in seiner Umgebung helfen kann, sodass er selbst in kleinen Anteilen auch eine helfende Identität aufbaut. Im sozialen Kontext bedeutet das zusammenfassend: auf andere achten, Anonymität durchbrechen seitens der Betroffenen, Hilfen aus der Gemeinschaft heraus organisieren.

Was passiert aus psychologischer Sicht, wenn Menschen über längere Zeit soziale Kontakte meiden?

Sie werden meistens anfälliger, entwickeln Eigenbrötlereien, die wiederum bedeuten können, dass sie mit Anforderungen an sich schlechter umgehen können. Es können leichter Ängste und depressive Krisen entstehen. Menschen mit bereits vorher bekannten psychischen Erkrankungen können leichter Krisen in dem entsprechenden Störungsfeld entwickeln, besonders Menschen mit Angst- und depressiven oder Suchtstörungen. Das wiederum bedeutet, dass es wichtig sein wird, in Zeiten erzwungener Meidung sozialer Kontakte zum Beispiel durch Quarantäne oder Ausgangsverbot Kontakte zu halten. Das kann zu heutigen Zeiten mithilfe der neuen Kommunikationsmöglichkeiten natürlich gut umgesetzt werden. Wichtig ist und wird eine Tagesstruktur mit Routinen, die einem helfen, ein geplantes Tages-Programm durchzuhalten. Man kann sich zu Hause auch mit Dingen beschäftigen, die man schon längere Zeit erledigen möchte, aber immer vor sich hergeschoben hatte.

Wird das Problem der psychischen Folgen der Corona-Krise bislang unterschätzt?

Mein Eindruck ist, dass das seitens der Fachleute nicht unterschätzt wird. Das Problem sind nur die Fehlverhalten in mehreren Bereichen der Bevölkerung, die zum Teil auch Krisenreaktionen entsprechen, was ich bereits andeutete im Bereich Hamsterkäufe, aber auch in Zeiten mit Corona-Partys, Café-Besuchen oder anderem. Was das dann später mit Menschen macht, die in diesen Zeiten mit Krankheitsbewältigung zu Ausgangsstopp, Quarantäne und so weiter gezwungen wurden, wird letzten Endes im Zusammenhang stehen mit deren psychischer Grundstruktur. Das lässt sich für den Moment schlecht vorhersagen. Was die Situation aber eben auch schwierig sein lässt, ist der sozusagen abstrakte Charakter der Entstehung der Erkrankung, die wirtschaftlichen Folgen und mehr. Hier entstehen natürlich Ängste und Existenzsorgen.

Wie in der Wirtschaft?

Der Maßnahmenkatalog der Bundesregierung mit der Zurverfügungstellung von Geldmitteln als Darlehen stellt nicht wirklich eine Hilfe dar, besonders für Kleinunternehmen oder kleinere Mittelständler. Es wird befürchtet, entsprechende Darlehen nie zurückzahlen zu können, besonders dann, wenn Zinsen ebenfalls zu bezahlen sind in einer Höhe bis zu sieben Prozent.

Was macht den Menschen noch Angst?

Wesentliche Probleme in Richtung Angstentwicklung bereitet, dass viele Meinungen schnell öffentlich gemacht werden, die nicht abgestimmt, intransparent und nahezu nebulös irgendwelche Haltungen zum Ausdruck bringen. Wenn beispielsweise der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Reinhardt, am 20. März öffentlich seine Sorgen zur drohenden Ausgangssperre mit den Worten zum Ausdruck bringt, dass die Bevölkerung die ganzen getroffenen und noch zu treffenden Maßnahmen über Monate sowieso nur schwer aushalten könne, dann öffnet er subtil die Büchse der Pandora. So etwas schürt Ängste und ist nicht hilfreich. Es braucht ein Informieren in sachlicher Weise, schrittweise, mit Klarheit und Transparenz. Solches Vorgehen schafft Beruhigung, eine Verlässlichkeit und Vertrauen. Ich beobachte aber auch, dass es positive Entwicklungen gibt wie das Wiederentstehen von mehr Solidarität in vielen Bereichen.

Das Interview führte Dagmar Voss.

Info

Zur Person

Hermann Munzel

ist im Landkreis Diepholz gut bekannt als Schwungrad der Biker-Brummi-Hilfe. Der Weyher praktiziert als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie als Facharzt für Nervenheilkunde in Bassum.

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