MGV Orpheus Wenn selbst die Felsen weinen

Das 152. Pfingstsingen im Vilser Holz ist auch das letzte. Der Grund: Der Männergesangverein Orpheus löst sich auf, weil er nur noch aus 13 Mitgliedern besteht.
14.05.2019, 18:44
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Wenn selbst die Felsen weinen
Von Micha Bustian

Bruchhausen-Vilsen. Vor gerade einmal zwei Jahren feierte das Pfingstsingen im Vilser Holz seine 150. Aufführung. Der Ausrichter, der Männergesangverein Orpheus, blickte zur Premiere 1867 bereits auf eine 19-jährige Vereinsgeschichte zurück. Nun, im Jahre 2019, ist Schluss. Die verbliebenen 13 Sänger nutzen das 152. Pfingstsingen am 9. Juni im Vilser Holz, um sich bei ihren Fans und Freunden zu verabschieden. „Der MGV Orpheus muss den stark gesunkenen Mitgliederzahlen und auch der Altersstruktur Tribut zollen“, begründet der Vereinsvorsitzende Johann Venske. „Da das Pfingstsingen immer der Höhepunkt des Orpheusjahres war, schien es ein angemessener Termin zu sein, sich aus der Öffentlichkeit zu verabschieden.“

Die Gründerväter hatten den Namen „Orpheus“ nach dem Sänger aus der griechischen Mythologie gewählt. Der Candidatus theologiae Bergmann, Tierarzt Kneese und Apotheker Söltner wollten damit dokumentieren: „Dieser Verein wird etwas Außergewöhnliches sein und die einstudierten Chorwerke müssen sich auf einem künstlerisch und musikalisch anspruchsvollen Niveau halten.“ Ein Anspruch, dem sich die Aktiven bis in die letzte Stunde verpflichtet fühlen.

1848. Ein Jahr der Revolte. Die Revolutionäre in den deutschen Staaten wollten politische Freiheiten, demokratische Reformen und die nationale Einigung der Fürstentümer des Deutschen Bundes an. Eines davon war das Königreich Hannover, zu der Zeit regiert von Ernst August. Staatsoberhaupt war Reichsverweser Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich. 1848. Das Gründungsjahr des MGV Orpheus. Der Verein überlebte die Könige Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II., er überstand zwei Weltkriege, musste anlässlich der Inflation 1924 pro Liederbuch 430 Millionen Reichsmark ausgeben. 1924. Da hatte der Chor noch 60 aktive Mitglieder. Und das Pfingstsingen begann bereits um 5.30 Uhr.

Die Uhrzeit wurde inzwischen an die heutigen Zeiten angepasst. Um 8 Uhr geht es los im Vilser Holz, genauer: An der Bleiche. Und das mit einem Brauch, der seit 1867 gepflegt wird. Es gibt frisch zubereiteten Kaffee aus einem Kessel und von Gönnern gestifteten Butterkuchen. Wer wie in alten Zeiten anreisen möchte, kann dies tun. Mit der Museumseisenbahn. Der Orpheus-Express fährt um 7.30 Uhr am Museumsbahnhof in Bruchhausen-Vilsen ab. Schon auf dem Bahnsteig wird ein gesungener Morgengruß erklingen. Im Gepäck sollten die Orpheus-Fans eine Sitzgelegenheit haben, da die bereitgestellten Bänke immer schnell vergeben sind. Wolldecken, Sitzkissen, Isomatten oder Campingstühle bieten sich da an. Ebenfalls sinnvoll: eine eigene Kaffeetasse. Für den letzten Auftritt haben sich die Orpheussänger noch einen musikalischen Gast eingeladen: die Singgruppe des Heimatvereins Walle.

Und nun kann sie endgültig beginnen, die Abschiedsvorstellung unter der Leitung von Daniela Predescu. Ein letztes Mal unter dem Blätterdach des Vilser Holzes. Schweren Herzens, aber mit vollem Einsatz. Was wohl auch für die Gäste zutreffen sollte. Die sind nämlich ausdrücklich aufgefordert, mitzusingen. Mitzusingen bei Liedern wie „Alle Vögel sind schon da“, „Kuckuck im Tannenwald“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“. Johann Venske weiß: „Für viele Familien der Gemeinde ist es teilweise schon seit Generationen üblich, am Pfingstsonntag dieses Ereignis zu besuchen.“ Der MGV Orpheus hätte das auch gerne weiterhin angeboten, aber „die Singfähigkeit des Chores sollte auch bei einzelnen Ausfällen von Sängern immer gegeben bleiben. Und das ist zurzeit leider nicht mehr möglich.“

Laut der griechischen Mythologie war Orpheus unter den Sängern der beste. Er habe Götter betört, auch Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine. Der Sage nach neigten sich die Bäume in seine Richtung, wenn er spielte, und die wilden Tiere scharten sich friedlich um ihn. Und selbst die Felsen weinten angesichts seines schönen Gesangs. Die eine oder andere Träne könnte auch am Pfingstsonntag unter dem Blätterdach des Vilser Holzes fließen. Dabei soll es laut Veranstaltungsflyer doch „Ein schöner Tag“ werden. Und in diesem Lied nach der Melodie von „Amazing Grace“ heißt es: „Ein schöner Tag ward uns beschert, wie's ihn nicht immer gibt. Von reiner Freude ausgefüllt und Sorgen ungetrübt.“ Nun denn ...

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