Werkschau: Franz Robert Czieslik Die Strukturen sichtbar machen

Bildhauer Franz Robert Czieslik ist angekommen. In seinem Skulpturenpark in Groß Ippener zeigt der gebürtige Leipziger 62 seiner Arbeiten. Bis dahin war es aber ein nicht immer einfacher Weg für den Künstler.
30.05.2019, 06:49
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Von Esther Nöggerath (Text) und Ingo Möllers (Fotos)

Leuchtend intensiv strahlen die Farben von den Skulpturen zwischen dem dunklen Grün und Braun des Waldes hervor. Die Neonfarben, die Franz Robert Czieslik für seine Arbeiten verwendet, stechen sofort ins Auge und wirken so gar nicht natürlich in ihrer natürlichen Umgebung. Dabei sind auch sie aus dem selben Material gefertigt, aus Holz. Und in den Formen spiegelt sich das ganz deutlich wieder. Denn wenn Czieslik eine seiner „Baumturen“, wie er die Skulpturen aus Holz nennt, fertigt, dann hat er dabei keine präzise Vorgabe, in welche Gestalt er das Holz bringen will, keine Skizze, nach der er vorgeht. „Die Zeichnung ist bei Holz im Material“, hat der Bildhauer irgendwann festgestellt. Er arbeitet das heraus, was vom Baum gegeben ist, sozusagen die Skulptur selbst aus dem Holz heraus. Dementsprechend sind seine Figuren auch nie gerade, sondern weisen Krümmungen, Abzweigungen oder Maserungen auf.

Die Erkenntnis, dass das Holz seine eigene Zeichnung hat und keine vorgegebene Skizze braucht, ist dem Bildhauer aber erst im Laufe der Zeit gekommen. Das erkennt man auch daran, dass seine früheren Arbeiten noch deutlich figuraler waren. Auch einige Guss-Arbeiten hat Czieslik gefertigt, vorwiegend kleinere Werke, die er gerne irgendwann auch noch mal in groß ausarbeiten würde.

Sein Lieblingsmaterial ist und bleibt aber das Holz. Insbesondere Robinienholz hat es dem 53-Jährigen angetan, mit dem er heutzutage fast ausschließlich arbeitet. „Das Material wird für mich nie langweilig. Die Robinie ist in ihrem Wachstum so bizarr und voller eigener Strukturen“, erzählt er. Und eben diese Strukturen wolle er mit seinen Händen für andere Leute sichtbar machen. „Ich interpretiere das nicht, ich zeige es.“

Das Holz für seine Arbeiten bekommt Czieslik von einem befreundeten Landwirt aus der Nähe gestellt, ehe er es dann über Tage und Wochen in seinem Atelier bearbeitet. Das Holz behandelt er nass, weil das deutlich weniger Körperkraft abverlangt. Erst danach werden die Arbeiten getrocknet. Damit die leuchtenden Pigmentfarben, die der Bildhauer selber anrührt, auch den Witterungen standhalten und nicht irgendwann ausblassen, muss er bis zu elf Schichten übereinander auftragen. Etwas, wofür man Geduld braucht, denn auch die Farbe muss trocknen.

Zu den Leuchtfarben fand Czieslik ebenfalls erst im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung, nachdem er 2000 in München eine Assistentenstelle bei dem Professor für Malerei Rupprecht Geiger angenommen hatte. „Bei dieser Zusammenarbeit bin ich erstmals dazu gekommen, Leuchtfarben zu nutzen“, erzählt er. In der Zeit habe er sich auch intensiv mit der Wirkung von Licht und Farbe auseinandergesetzt. Czieslik fing an, damit zu experimentieren und die Leuchtfarbe auf seinen Holzarbeiten als zusätzliches gestalterisches Element zu nutzen. Inzwischen sind die Farben aus seinen Werken gar nicht mehr wegzudenken. „Heute definieren sie auch ein Stück weit meine Arbeiten“, sagt Czieslik.

Dass er inzwischen wieder täglich an seinen Skulpturen arbeitet, hätte sich der Bildhauer vor einigen Jahren nie erträumen lassen. Czieslik wuchs in DDR-Zeiten in Leipzig auf und wusste früh, dass er Bildhauer werden wollte. Schon als 13-Jähriger sagte er dies nach einem Familienausflug ins Atelier von Bildhauer Ernst Barlach in Güstrow. Sein Vater meldete ihn daraufhin bei einem Bildhauer in der Nähe zu einem Seminar an. Das Bildhauern habe ihn „gefangen gehalten“, sagt Czieslik. Es folgte eine Tischlerlehre, später arbeitete er in Mecklenburg und Wismar, wo er diverse Auftragsarbeiten insbesondere für die Kirche anfertigte. Doch dann bekam er in den 1980er-Jahren auf Druck von oben keine Arbeiten mehr. „Es durfte mich keiner mehr einstellen“, erzählt Czieslik. „Die Regierung hat mich zum Oppositionellen gemacht und mir einen Stempel aufgedrückt.“

Erst mit dem Mauerfall änderte sich das wieder, Czieslik machte sich mit Möbeln selbstständig. Die Liebe zog ihn dann Mitte der 1990er nach Dresden, wo er wieder in einer Tischlerei arbeitete. Aber nach der Selbstständigkeit tat er sich schwer mit den Auftragsarbeiten. „Ich habe gedacht: Das kann's noch nicht gewesen sein.“ Also ging er 2000 nach München zu besagtem Professor, mit dem er fünf Jahre zusammen arbeitete. Dann folgte er einem Ruf in seine Heimatstadt Wismar, wo ein Themenpark zum Thema Holz im Hafen entstehen sollte. Er bezog ein Atelier dort – und dann wurde das Projekt aus privaten Interessen wieder gekippt. Was folgte, war eine schwere Schaffenskrise des Künstlers. „Ich stand vor existenziellen und auch privaten Problemen“, erzählt er offen. Czieslik driftete in Depressionen ab, machte nochmal eine komplett neue Ausbildung in der Biogas-Branche. „Ich war völlig aus dem Leben gerückt“, erinnert er sich.

Irgendwann verschlug es ihn nach Groß Ippener, wo er auf einem Hof im Schweinestall arbeitete. Erst dann, sechs Jahre später, hat er immer mal wieder lichte Momente, in denen er sich an sein altes Leben erinnert. Czieslik sucht sich professionelle Hilfe, mit einem Psychotherapeuten zusammen arbeitete er alles auf und fand schließlich zu seiner Kreativität zurück. In einem Unterstand im Wald richtete er seine Werkstatt ein und fing an, nach Jahren wieder erste Skulpturen zu fertigen. Die Geburtsstunde des Skulpturenparks, der inzwischen jeden Sommer in Groß Ippener besichtigt werden kann.

„Der Skulpturenpark ist einfach so gewachsen“, erzählt Czieslik. Menschen aus der Region kamen auf ihn zu, fragten, ob sie mal mit Gruppen vorbeikommen könnten. So entstand nach und nach die Waldausstellung, die der Bildhauer in diesem Sommer bereits in seiner vierten Saison zeigt. Inzwischen finden in dem Skulpturenpark auch immer wieder kulturelle Veranstaltungen statt, Konzerte oder auch ein Poetry-Slam. Denn wenn der Bildhauer gerade mal nicht in seinem Atelier beschäftigt ist, dann schreibt er gerne auch, Gedichte oder Satire. Noch so eine Leidenschaft von Czieslik – der nun endlich angekommen scheint.

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