Zeitgespräche mit Promi in Dötlingen

Die Gefahr von Manipulation

Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali war am Donnerstagabend zu Gast in der Reihe „Zeitgespräche mit Prominenten“ in Dötlingen. Sie sprach über Wertschätzung und Rassismus als Gegenpol.
02.11.2018, 17:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten
Die Gefahr von Manipulation

400 Besucher waren am Donnerstag ins Hotel "Gut Altona" gekommen, um die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali zu hören.

INGO MöLLERS

Dötlingen. Das Handy klingelt, kaum hat Dunja Hayali die Bühne betreten. „Einen Moment, bitte“, sagt sie zum Publikum, dreht sich weg und nimmt den Anruf entgegen. Das Publikum wirkt irritiert, beobachtet jedoch die Szenerie auf der Bühne mit gespannter Ruhe. „Ich kann jetzt nicht sprechen“, hört man Hayali zu dem Anrufer sagen. Dann beendet sie das Gespräch und wendet sich wieder dem Publikum zu: „Wie war das für Sie? Was haben Sie gedacht? Was bildet sich die Hayali ein, oder? Haben Sie sich wertgeschätzt gefühlt?“ Dann löst die ZDF-Moderatorin das Ganze auf. Der Anruf war nicht echt, er sollte als Einleitung zu ihrem Vortrag dienen, der sich mit Wertschätzung befasste.

Dunja Hayali war am Donnerstagabend in der Reihe „Zeitgespräche mit Prominenten“ zu Gast, die die Genossenschaftsbanken Oldenburg-Land und Delmenhorst bereits seit einigen Jahren organisieren. Im großen Saal des Hotels „Gut Altona“ in Dötlingen, dessen neues Hauptgebäude nach einem verheerenden Brand vor zwei Jahren seit Anfang Oktober wieder geöffnet hat, sprach Hayali auf Einladung der Wildeshauser Volksbank vor 400 Besuchern über Wertschätzung. Das tat sie gern, wie sie sagte. Denn die Frage, wie Menschen miteinander umgehen, bewege sie schon seit Längerem.

Ihres Erachtens haben in den vergangenen Jahren vor allem die „Lauten“ viel Aufmerksamkeit bekommen. „Aber die breite Mitte verdient Wertschätzung“, sagte Hayali. Jeder – auch sie selbst – habe ein Wertesystem, das individuell geprägt sei. Die Angriffe auf sie, Menschen mit Migrationshintergrund, Ehrenamtliche, Polizisten, Rettungskräfte und viele andere würden zeigen, dass diese Wertesysteme ins Rutschen geraten sind. „Ich versuche, mich dagegen zu wehren“, erklärte die 44-jährige Fernsehmoderatorin, die sich selbst als Lokalpatriotin bezeichnet, die aber nicht ausgrenzend, sondern humanistisch und durchlässig sei. Wenn jemand eine andere Meinung hat, ist das für Dunja Hayali völlig in Ordnung: „Wir müssen nicht alle gleich denken.“ Wichtig sei allerdings der Dialog. Man dürfe den Menschen nicht nur vor den Kopf schauen, sondern müsse genau hinschauen.

„Authentische Wertschätzung ist zunächst einmal irrational. Denn sie entsteht aus Vorurteilen, positiven wie negativen“, zeigte sich die Fernsehmoderatorin überzeugt. Und weil Wertschätzung irrational ist, sei sie anfällig für Manipulationen. Das habe durch die sozialen Medien noch einmal eine andere Dimension bekommen. Um dem vorzubeugen, hat die Fernsehmoderatorin für sich einen Mini-Katalog entworfen, den sie zur Überprüfung ihrer Arbeit als Journalistin heranzieht. „Habe ich ausreichend recherchiert und alle Seiten drin? Brauche ich überhaupt alle Perspektiven?“, nannte Hayali als zwei wichtige Punkte ihres Katalogs. Zudem müssten Schlagzeilen korrekt sein.

Dass das nicht immer der Fall ist, hat die Journalistin schon am eigenen Leib erlebt. So habe sie einmal eine Schlagzeile über sich gelesen, die lautete: „Hayali Babynews“. „Dass ich schwanger bin, wusste ich gar nicht“, sagte sie. Also klickte sie in den Artikel, um herauszufinden, woher das kam. Sie las sich durch einen ellenlangen Text, in dem nichts über eine Schwangerschaft stand. „Erst im letzten Absatz hieß es, dass ich mir vorstellen kann, einmal ein Kind zu bekommen“, erzählte Hayali. Gerade Schlagzeilen-Junkies, die nur die Schlagzeile und nicht den Text lesen, führe so etwas auf den falschen Weg, warnte die Fernsehfrau vor falschen Schlagzeilen.

Die Grenze von wahr und unwahr hat nach Ansicht der ZDF-Moderatorin Donald Trump verschoben – zum Zwecke der Manipulation. Dies sei auch in Deutschland zu beobachten. „Durch die Masse an Manipulation wird die Wahrheit ersetzt“, führte sie aus. Gegen den Vorwurf von Fake News, dem sich Journalisten des Öfteren ausgesetzt sehen, wehrt sich Hayali entschieden. „Fehler passieren nicht aus Absicht“, fügte sie hinzu. Natürlich seien Journalisten nicht vor Fehlern gefeit. Das passiere, dann müsse man auch dazu stehen. Das gehörte dazu, wenn man sein Publikum wertschätzt. „Der Gegenpol von Wertschätzung ist Rassismus“, führte Hayali weiter aus. Dieser habe zugenommen, was die Journalistin aber nicht hinnehmen will. Sie sucht den Dialog. „Das hilft, selbst mit Rassisten“, ist sie überzeugt.

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