Baby geschüttelt Die Schuld eines Vaters

Der Sohn war nur einen Monat alt und wird nun ein Leben lang behindert sein. Der Vater gesteht die Tat und beteuert unter Tränen, ihn und die Mutter zu lieben.
24.01.2019, 18:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Struß

Die Mutter ist nur für ein paar Minuten nicht im Raum, da beginnt das Baby zu schreien. Einen Monat ist es auf dieser Welt, da packt der Vater es unter den Ärmchen. Er hebt seinen Sohn hoch und schüttelt ihn – kurz, aber energisch. Erst vor und zurück und dann in einer Drehbewegung. Als die Mutter ihn entsetzt anschreit, hört er auf. Das Baby trägt massive Hirnschäden davon, wird ein Leben lang geistig und körperlich behindert sein. Für diese Tat muss sich seit Donnerstag ein 26-jähriger Mann aus Dötlingen vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

„Das ist der schlimmste Fehler meines Lebens“, sagte der Vater bei der Befragung durch Richterin Judith Blohm. Er habe sich nicht anders zu helfen gewusst, als er das Baby auch mit Fläschchen und wiegenden Bewegungen nicht beruhigen konnte. „Diese Schuld werde ich mein Leben lang mit mir tragen.“ Der Angeklagte bestritt zu keinem Zeitpunkt seine Tat. Dies machte schon die Erklärung deutlich, die sein Verteidiger zu Prozessauftakt verlas. Währendessen weinte der Vater. Dies ersparte ihm aber nicht die Befragung, bei der insbesondere die Richterin mit vehementem Nachhaken versuchte, die Tat und die Hintergründe möglichst vollständig zu klären.

Schwammig blieben am ersten Verhandlungstag einige wichtige Details. Da wäre zum Beispiel die Frage, wie lange der Vater das Baby schüttelte. Der Verteidiger nannte in der Erklärung lediglich zehn Sekunden, bei Polizeibefragungen hatte der Angeklagte zuvor von fünf Minuten gesprochen – ein riesiger Unterschied. „Es hat sich länger angefühlt, als es wirklich war“, sagte der 26-Jährige, machte aber auch deutlich, dass ihm bei der Erinnerung jegliches Zeitgefühl fehle. „Fünf Minuten sind ja allein schon von der Ausdauer her schwer zu schaffen“, sagte Richterin Blohm. Zudem wäre das Baby dann wahrscheinlich tot gewesen.

Auch die Frage, wie viel der Vater über die Folgen seines Handelns wusste, versuchte das Gericht zu klären. Es war sein erstes Kind und einen Vorbereitungskurs besuchte er nicht. Er versäumte es auch, sich rechtzeitig um eine Hebamme zu kümmern, die wichtige Grundlagen im Umgang mit dem Neugeborenen hätte vermitteln können. Doch für seine Partnerin war es die zweite Geburt. Sie übernahm viele Aufgaben, der Vater holte sich bei ihr Rat. „Ist Ihnen beim Anblick der schlackernden Beinchen und des Kopfes nicht sofort klar geworden, was für Folgen das hat?“, fragte Richterin Blohm. Währenddessen vergrub der Angeklagte sein Gesicht in den Händen, nur ein kurzes „Nein“ entfuhr ihm. „Sogar ein Erwachsener würde bei solchen Bewegungen Verletzungen davon tragen“, setze Blohm daraufhin noch einmal nach. „Die grausamen Folgen bis hin zum Tod sind doch in den Medien überall präsent“, betonte der medizinische Sachverständige Dr. Benedikt Vennemann.

Auch die Mutter, die das Gericht als Zeugin befragte, musste sich mit diesem Vorwurf auseinandersetzen. „Das weiß man halt, dass man ein Baby nicht schüttelt“, sagte sie. Sie selbst habe das schon als Kind von ihrer Großmutter gelernt. Doch die konkreten Folgen, die von lebenslangen Behinderungen bis hin zum Tod reichen, seien ihr nicht bekannt gewesen. Es kommt erschwerend hinzu, dass der Vater des Angeklagten Mediziner ist und seinem Sohn nach Aussage eines Polizeibeamten wohl Ratschläge für den Umgang mit einem Neugeborenen gegeben hat.

Das Wissen um die Folgen des Handelns als auch die Dauer und Art des Schüttelns könnten am Ende das Strafmaß entscheidend beeinflussen. In einem vergleichbaren Fall verurteilte das Hamburger Landgericht im vergangenen Dezember einen Vater zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Neben schwerer und gefährlicher Körperverletzung sprach das Gericht hier im Schuldspruch auch von einem versuchten Totschlag. Ob auch im Prozess in Oldenburg die Staatsanwaltschaft letztlich auf versuchten Totschlag plädiert, ist fraglich.

Neben dem Schütteln ging das Gericht noch einer weiteren Frage nach. Sowohl Vater als auch Mutter blieben eine Erklärung schuldig, wodurch das Baby einen Schädelbruch erlitt. Denn vom Schütteln kann dieser nicht kommen. Vor der Polizei hatte der Vater erklärt, seinen Sohn unmittelbar nach dem folgenreichen Schütteln unachtsam in die Maxi-Cosi-Babyschale gelegt zu haben. Dabei sei das Köpfchen gegen die Seitenlehne geprallt. Im Oldenburger Landgericht nahm er nun von dieser Version Abstand. Das habe er lediglich gesagt, um in der Polizeiwache seine Partnerin zu entlasten. Er wollte die gesamte Schuld auf sich nehmen. Doch eine alternative Erklärung lieferten sowohl er als auch die Mutter nicht.

Unstrittig sind aber die Umstände der Tat. Um den Großeltern des Angeklagten ihren neugeborenen Urenkel zu zeigen, fuhr die Familie nach Berlin. Dort schliefen sie im Haus der Mutter des Mannes. Am späten Vormittag des 2. Mai 2017 ging die junge Mutter in die erste Etage des Hauses, um den Hund zu füttern und auf Toilette zu gehen. In dieser kurzen Zeit spielte sich eine Etage tiefer die Tragödie ab. Das Baby schrie und wollte trotz der Bemühungen des Vaters nicht verstummen. Er schüttelte so lange, bis die Mutter wieder in den Raum kam und ihren Partner anschrie.

Das Paar bemerkte die Verletzungen des Babys nicht und fuhr am selben Tag zurück nach Dötlingen. Erst am späten Abend bemerkten sie, dass etwas nicht stimmt. „So ein Schreien hatten wir noch nie gehört“, berichtet die Mutter. Sie fuhren ins Josef-Hospital Delmenhorst (JHD), wo die Ärzte zunächst von einer Infektion ausgingen. Nach nur einer Nacht wurde das Baby nach Oldenburg überwiesen. Auch im Krankenhaus kam den Eltern nicht in den Sinn, dass die Ursache das Schütteln des Vaters war. Erst eine Woche nach der ersten Einweisung konfrontierten die Ärzte die Eltern mit der Diagnose und informierten die Polizei.

Die Beziehung des Paares hat sich offensichtlich wieder gefestigt. Erst seit einem Monat ist das Paar verlobt und erwartet ein weiteres Kind. Die Partnerin brachte bereits einen Sohn mit in die Beziehung, der den Angeklagten nach Schilderungen der Frau von Anfang an als seinen Vater ansah. „Er hat sich von niemanden ins Bett bringen lassen, bei ihm klappte das sofort“, berichtete die Mutter dem Gericht. Sie zeichnete das Bild eines ruhigen Mannes, der nie gewalttätig wird.

Der Angeklagte hat sich derweil um psychologische Hilfe bemüht. Er selbst ist ein Adoptivkind und hat seine leiblichen Eltern nie kennengelernt. „Ich liebe meinen Sohn“ beteuerte der Mann vor Gericht. Am 5. Februar geht der Prozess weiter. Dem Gericht wird dann unter anderem ein medizinisches Gutachten über den Zustand des heute fast zweijährigen Kleinkindes vorgestellt.

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