Handball Traumstart im Hexenkessel

Tim Schulenberg gelang mit dem TV Neerstedt in der Saison 2009/10 ein nahezu perfekter Auftakt in der Regionalliga. Der Aufsteiger bezwang in eigener Halle den TSV Bremervörde mit 35:30.
11.02.2021, 17:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Franke

Es gibt immer wieder Sportler, die vorangehen und anderen zeigen, wo es langgehen kann. Zu diesem Menschenschlag gehört Tim Schulenberg, dessen Name untrennbar mit der Blütezeit des TV Neerstedt verbunden ist. Viele Handballfreunde erinnern sich daran sehr lebhaft. In der Saison 2009/2010 lief die junge Mannschaft um den damals 26-jährigen Spielmacher ein Jahr in der dritthöchsten Spielklasse, der Regionalliga, auf.

Der erfolgreiche Coach Dirk Franke, der dem Team ein offensives Abwehrspiel verordnet hatte, räumte noch während der vorherigen Saison seinen Platz, und Tim Schulenberg führte den TVN als Interimstrainer zum Aufstieg in die Regionalliga. Mit Dag Rieken wurde anschließend ein erfahrener Coach verpflichtet. Am ersten Spieltag in der Regionalliga empfing der TV Neerstedt den TSV Bremervörde. Für Tim Schulenberg, der heute als Landestrainer im Bremer Handballverband fungiert und gleichzeitig für die A-Jugend des HC Bremen in der Bundesliga verantwortlich ist, wurde diese Partie zum Spiel seines Lebens.

Die junge Neerstedter Mannschaft war nach dem Verzicht des Meisters HSG Nordhorn II und des Vizemeisters HSG Wilhelmshaven als Dritter in die Regionalliga aufgestiegen. Als Markenzeichen dieses Teams erwiesen sich das enorme Tempospiel sowie der unbändige Kampfgeist. Tim Schulenberg war der Kopf der Mannschaft, er vermochte ein Spiel zu lesen und die notwendigen Handlungen sowohl in der kämpferischen Deckung als auch spieltaktisch in der Offensive zu ergreifen. „Als Spielgestalter fiel es mir immer sehr leicht, mit der Mannschaft zusammenzuarbeiten und zusammenzuspielen. Das hat von den Abläufen her immer super funktioniert“, ist die Erinnerung an seine aktive Zeit noch sehr lebendig.

Akribische Vorbereitung

Auf das Duell gegen den Absteiger aus der 2. Bundesliga, den TSV Bremervörde um seinen Spielgestalter Dennis Marinkovic, bereitete Dag Rieken sein Team einige Wochen akribisch vor. In der ausverkauften Neerstedter Sporthalle, die während der Begegnung zu einem wahren Hexenkessel wurde, überraschte der Neuling die Gäste mit einem gnadenlosen Tempospiel. „Ein Spiel wird in der Abwehr entschieden“, lautet eine alte Handballer-Weisheit. In der Tat interagierte die TVN-Deckung hervorragend mit ihrem Torwart Maik Haverkamp, blockte stets die Würfe in die lange Ecke, sodass Haverkamp bei seiner Abwehr in der kurzen Ecke insgesamt 22-mal glänzte. Nach Ballgewinnen aufgrund technischer Fehler des Kontrahenten oder Paraden ihres Torwarts trumpften die in weißen Trikots aufgelaufenen Akteure von Dag Rieken mit präzisen Tempogegenstößen auf, bei denen sich besonders Bastian Carsten-Frerichs hervortat. Insgesamt traf das Neerstedter Eigengewächs neunmal.

Nach dem 5:7, einem Strafwurf von Marinkovic, gelang dem TVN ein 7:0-Lauf, sodass die Hausherren plötzlich mit 12:7 führten. Diesen Vorsprung verteidigten sie, vom Publikum frenetisch angefeuert, bis in die Schlussphase. Zwar konnte die Abwehr die gute Bremervörder Rückraum-Kreis-Achse Adnan Salkic/Philipp Grote, die elf Tore markierte, nicht gänzlich ausschalten, aber das furiose Angriffsspiel, von Tim Schulenberg überragend gelenkt, ließ sein Team auch in der Schlussphase die Nase vorne haben. In der 55. Minute wurde es beim Stand von 31:28 durch den Treffer von Salkic noch einmal etwas spannender, kurz darauf entschied Malte Kasper aber mit zwei Treffern in Folge zum 35:30-Endstand das Match endgültig zugunsten der Gastgeber.

Eines der beiden letzten Anspiele an den Kreisläufer kam, wie so häufig, vom Neerstedter Spielmacher Schulenberg. „In diesem Spiel, wie auch in so vielen, war entweder Malte Kasper oder Malte Grotelüschen immer ein perfekter Partner für mich auf der Kreisposition, da haben wir uns blind verstanden“, blickt Schulenberg zurück. Das galt auch für die Abwehr. „Tim hatte als aktiver Spieler die Gabe, neben dem körperlich robusten Malte Grotelüschen im Innenverband einer 6:0-Deckung seinen Körper immer wieder geschickt in die Lauf- und Passwege des Gegners hineinzustellen und so das gegnerische Angriffsspiel gekonnt zu unterbrechen“, erzählt Friedel Schulenberg, viele Jahre der „Macher“ und „Mr. Handball“ im TV Neerstedt und gleichzeitig Manager sowie gute Seele der 1. Herren. Vor vielen Jahren war er, als Linkshänder stets begehrt, einst selbst ein sehr guter Handballer gewesen.

Maik Haverkamp erinnert sich ebenso gerne wie seine Mannschaftskameraden an das erste Punktspiel in der Regionalliga zurück. Zu Tim Schulenberg meint er: „Seit dem Zeitpunkt, als ich als B-Jugend-Spieler seine Bekanntschaft machen durfte, war Tim für mich Autorität und Respektsperson. Das ist bis heute so geblieben.“

Nach diesem „Spiel seines Lebens“ zeigte Tim Schulenberg in derselben Saison noch etliche tolle Leistungen, im weiteren Verlauf waren die Partien in der heimischen Halle stets ausverkauft. Neerstedt sorgte mit seinem erfrischenden und temporeichen Spiel für ordentlich Furore, erhielt in den Pressekonferenzen nach den Begegnungen von den zunächst meist überraschten gegnerischen Trainern viel Lob. Zur Eingliederung in die neue 3. Liga reichte die Platzierung – Rang zwölf unter 16 Teams – am Ende jedoch nicht. Der TV Neerstedt spielte danach noch sieben Jahre in der Oberliga Nordsee, ehe er in die Verbandsliga Nordsee abstieg.

Tim Schulenberg arbeitet seit Jahren als Lehrer an der sportbetonten Schule Ronzelenstraße in Bremen und kann diese Tätigkeit sehr gut mit seiner Funktion als Landestrainer im Bremer Handballverband und beim HC Bremen kombinieren. Nahezu alle Jungen seines A-Jugend-Bundesligateams besuchen seine Schule, durch viermaliges Vormittagstraining sind sie so mancher Internatsmannschaft anderer deutscher Leistungszentren ebenbürtig oder sogar überlegen.

Dass die A-Jugend-Nachwuchsmannschaften des HC Bremen seit etlichen Jahren Schulenbergs prägende Handschrift tragen, hat sich weit über die Landesgrenzen hinaus herumgesprochen. „Unter anderem hat mich diese Regionalliga-Saison als Handballer und als Persönlichkeit geprägt. Das ist etwas, das ich auch jetzt in meiner täglichen Arbeit versuche, meiner A-Jugend beim HC Bremen zu vermitteln“, erklärt Schulenberg. Einige Sportler gehen halt immer voran.

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Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer Serie „Das Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

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