Erinnerungen an 1945

In Lackschuhen und Smoking aufs Feld

Bernhard Hausmann aus Neerstedt hat mit 96 Jahren viel erlebt. Einige seiner Erlebnisse hat er nun für seine Enkel aufgeschrieben – und einen kleinen Einblick gewährt.
01.01.2021, 12:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Jana Wollenberg
In Lackschuhen und Smoking aufs Feld

Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, hat Bernhard Hausmann für seine Enkel einige Erinnerungen aufgeschrieben.

Jana Wollenberg

Nicht nur wegen der Pandemie war dieses Weihnachtsfest für den Neerstedter Bernhard Hausmann anders als sonst: Es war das erste Weihnachten seit 75 Jahren, das er ohne seine Ehefrau Lieselotte verbracht hat. Weihnachten 1945 verlobten sich die beiden auf dem Bauernhof von Hausmanns Schwiegereltern in Großschönau. Nach Schlesien, wo er geboren worden war, konnte der heute 96-Jährige zunächst nicht zurück. Dafür fand er eine neue Heimat – erst bei der Familie seiner zukünftigen Frau in Sachsen und schließlich in Neerstedt.

Einige seiner Erinnerungen an das erste Fest mit seiner im Januar verstorbenen Frau und an die Monate davor schrieb Hausmann für seine Enkel auf. Nun gewährte er einen Einblick in seine Aufzeichnungen und erzählte von der Zeit vor und nach dem Kriegsende und Weihnachten 1945.

„Man brauchte im Krieg eigentlich jeden Tag einen Schutzengel“, beschreibt Hausmann seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg und erzählt von Momenten, in denen er seiner Ansicht nach einen solchen gehabt haben muss: Zum Beispiel als eine Tellermine genau dort detonierte, wo er Minuten zuvor noch gesessen hatte. Oder als ein Blindgänger wenige Meter von ihm entfernt einschlug.

Glück, meint Hausmann, hatte er auch bei den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945, als er in der Stadt stationiert war. „Das Haus über uns bekam einen Volltreffer und brannte ab, glücklicherweise war aber der Eingang zu unserem Keller nicht verschüttet. Da das Gebäude direkt an den Elbwiesen lag, konnten wir um Mitternacht über die Wiesen zu unserer Kaserne zurück“, erzählt er. „Die Frauenkirche hatte ich die ganzen Tage vor Augen“, erinnert sich Hausmann an die Zeit nach den Angriffen. „Aus den Fenster- und Türöffnungen quoll schwarzer Rauch. Nach zwei Tagen war sie ausgeglüht und fiel in sich zusammen“, berichtet er.

In Dresden erfuhr Hausmann, dass der Krieg bald vorbei sein sollte: „Am 7. Mai kam mein Melder vom Bataillonsstab zurück und erzählte mir ganz aufgeregt, dass man BBC gehört hätte – natürlich verbotenerweise.“ Am nächsten Tag sollte der Krieg vorbei sein. Um nicht in russische Gefangenschaft zu geraten, beschloss Hausmann, sich gemeinsam mit einem weiteren Unteroffizier von der Truppe abzusetzen. Zunächst blieben die beiden Männer in Dresden, dann machte Hausmann sich auf nach Warnsdorf, wo er eine Frau kennengelernt hatte.

Von da aus wollte er zurück zu seiner Familie nach Schlesien – das war im Juni 1945. Er war noch nicht weit gekommen, als ihn ein Mann anhielt. „Ein junger Deutscher mit roter Armbinde, neue Polizei, eingesetzt von den Russen“ erinnert sich der 96-Jährige. Der Mann habe ihm gesagt, dass in Richtung Schlesien kein Durchkommen sei – alle Deutschen würden ausgewiesen. Also suchte Hausmann Arbeit in Großschönau und bekam eine Anstellung bei einem Landwirt.

„Nach dem Krieg hatte ich nichts, nicht einmal einen Ausweis“, erzählt Bernhard Hausmann. Aufs Feld ging es in der Kleidung, die er gerade trug – einem Smoking und Lackschuhen, welche er im geplünderten Schloss in Dresden gefunden hatte. Nach Feierabend fand er in seiner Schlafkammer neue Kleider, die ihm die Frau des Bauern hingelegt hatte.

„Mit der Bauerstochter und mir ging es nicht lange gut“, meint der 96-Jährige und muss schmunzeln. „Am Heiligabend haben wir uns verlobt“, verrät er. So verbrachte der Neerstedter das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau Lieselotte und ihrer Familie.

„Auf dem Hof war alles da an Lebensmitteln“, erinnert sich Hausmann an Heiligabend im Jahr 1945. Einen Baum fällte man im Wald beim Hof der Schwiegereltern. Vielen sei es damals schlechter gegangen – wer keine Landwirtschaft hatte, habe wenig gehabt. „Die Russen konnten den Menschen nichts geben, die hatten ja selbst nichts“, sagt Hausmann.

„Als in der DDR 1956 die Kollektivierung der Landwirtschaft einsetzte, war für mich klar, dass ich auf meinem eigenen Hof kein Knecht sein möchte“, meint Hausmann. Daher zogen er, seine Frau und die beiden Töchter zunächst nach Ahlfeld südlich von Hannover. Dort arbeitete er als Maurer und Dachdecker und kam schließlich über eine Annonce zu einer Arbeit in Ostrittrum.

„Hier hatte ich 15 Hektar Wald zu betreuen und war nebenbei Fahrer für den Chef“, erinnert er sich. Später machte sich der Neerstedter als Generalvertreter bei einer Mineralölfirma selbstständig. 1963 baute die Familie ihr Haus in Neerstedt, in dem Hausmann noch heute lebt.

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